Gottesdienste im Curanum und in St. Johannis am 26. November 2017

Curanum, St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Es ist schön, euch hier zu sehn"

Predigttext: Lukas 12,41-48: 

Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht? Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen, dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen. Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, hat aber nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden müssen. Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern. 

Predigt 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen. 

I. 

Es ist schön, euch alle hier zu seh'n, durch dieses Ereignis geeint. Ich weiß, ihr wolltet diesen Weg nicht geh'n, Ich sehe, dass der eine oder andere weint. 

So lautet der Beginn eines modernen Liedes aus dem Jahr 2014. Der Titel dieses Lieds lautet: „Euch zum Geleit“. Es ist ein Lied, das die Perspektive umdreht: Bei Beerdigungen geben wir unserem Verstorbenen das letzte Geleit, hier singt einer eine letzte Botschaft, ein Wort für seine Trauergäste, die von ihm Abschied nehmen: Euch zum Geleit. 

Und es ist oft wirklich so, dass sich ein Sterbender Gedanken macht, wie es wohl der Familie mit seinem Tod geht, wie sie ohne ihn weiterleben werden. Und manch einer versucht selbst auf dem Sterbebett die Zurückbleibenden zu trösten. 

Martin Duckstein, der das Lied geschrieben hat, verarbeitet darin die Beerdigung einer alten Freundin, die den Pfarrer bei ihrer Trauerfeier einen Brief vorlesen ließ. Dieser Brief hatte in etwa die Botschaft dieses Liedes. Und so lassen wir für uns heute Abend die Worte des Lieds die Worte dieser Freundin sein. 

Sie scheint mit ihrem Sterben sehr souverän umzugehen. Sie freut sich über jeden, der von ihr Abschied nehmen will. Und sie nimmt wahr, wie es ihren Hinterbliebenen gehen wird: 

Ich weiß, ihr wolltet diesen Weg nicht geh'n, Ich sehe, dass der eine oder andere weint. 

Wahrscheinlich um den Schmerz ihrer Trauergäste zu lindern, spricht sie sogleich das an, was diese trotz ihres Todes weiter mit ihr verbinden wird, nämlich die Erinnerung: 

Vergießt keine Tränen, erinnert euch heiter An unsere gemeinsame Zeit. In euren Herzen lebe ich weiter, Hinterließ diese Zeilen euch zum Geleit. 

Ja, das stimmt: In unseren Herzen ist unser Verstorbene tief verwurzelt. Aber wie ist das mit dem Erinnern genau? Ich kenne Trauernde, bei denen ist ihr Verstorbener ständig präsent und sie müssen immer zu an ihn denken. Und auch genau das Gegenteil: Da geht das Erinnern manchmal im Trubel der täglichen Geschäfte unter, und man hat Angst, die einst lebendigen Erinnerungen zu vergessen. 

Die Verstorbene aus dem Lied hat gerade für diejenigen, denen es so geht, einen Tipp parat: 

Wollt ihr mich seh'n, so schließt die Augen, Wollt ihr mich hör'n, so lauscht dem Wind. Wollt ihr mich seh'n, schaut in die Sterne, Wollt ihr mich hör'n, kommt an den Fluss. 

Erinnerungen wach halten, indem wir einmal die Augen schließen oder an einen ruhigen Ort gehen, indem wir in uns gehen, uns zurückziehen: Dann wird der Mensch für einen Moment in uns wieder lebendig. 

„Erinnert euch heiter“ sagt sie. Uns schmerzt es oft, wenn wir uns erinnern, weil wir diesen lieben Menschen nicht mehr haben. 

Aber es stimmt: Freude mischt sich trotz der Wehmut in unsere Gefühlswelt, Freude über all das Gute, was wir mit diesem Menschen erlebt haben. Ein Lächeln überkommt uns bei dieser oder jener Erinnerung. Dankbarkeit für die gemeinsamen Wegstrecken, dafür, dass ich diesen Menschen haben durfte und er uns: 

„Ich bin dankbar für alles, Für jeden gemeinsamen Schritt.“ 

Die Verstorbene bringt sich nun ganz konkret in Erinnerung, sie verlässt jetzt den Blick auf ihre Angehörigen und blickt auf sich selbst, auf ihr Leben: Ich liebte Wälder, die Berge und das Meer, Die Sonne, die durch die Nebelwand dringt, Mit ihrem Schein die Seele wärmt, Alle Ängste und Zweifel bezwingt. 

Und sie sieht noch tiefer auf das, was so alles zu ihrem Leben gehört hat: 

Hab mein Leben gelebt, geliebt und gelitten, bekommen, verloren, genommen, gegeben. Hab gelacht und geweint, mich versöhnt und gestritten. 

II. 

Wie war das Leben? 

Solche Gedanken macht sich der, der bewusst im Sterben liegt und nicht von einem Moment auf den anderen stirbt oder dessen Geist sich bereits seit längerem in einer eigenen Welt befindet. 

Jesus redet in unserem heutigen Predigttext auch über diese Frage. Aber er spricht nicht über bereits Verstorbene oder Sterbende. Er redet zu uns, den Lebenden und fragt: Wie ist dein Leben? Was hast du bisher aus deinem Leben gemacht? 

Und Jesus stellt diese Frage, stellt unser Leben in einen größeren Kontext: nämlich in den Bereich, der Himmel und Erde umfasst. Er sieht nicht vor sich nicht nur den einzelnen individuellen Menschen, er sieht uns und unser Leben in der Verbindung zu Gott. 

Er erzählt ein Gleichnis: Da ist ein Herr, der setzt Verwalter ein, die treu und klug das ihnen Anvertraute verwalten sollen. 

In Jesu Gleichnissen finden wir uns immer selbst wieder. Hier sind wir diese Verwalter. Uns ist etwas von unserem Herrn, also Gott anvertraut. 

Was könnte das sein? Vieles fällt mir ein: 

- Gott hat mir meine Gaben und Fähigkeiten gegeben. Treu und klug damit umgehen heißt: sie zur Entfaltung bringen. 

- Er hat mir einen Beruf geschenkt, und mit Luther gesprochen ist jeder Beruf zugleich eine Berufung. Treu und klug damit umgehen heißt z.B.: mit meinem Beruf gerne anderen Menschen dienen, denn jeder Beruf ist auf unsere Mitmenschen bezogen. 

- Gott hat mir Mitmenschen anvertraut, für die ich Verantwortung trage: meinen Ehepartner, meine Kinder, meine Eltern. Freunde und Freundinnen. 

- Gott hat mir aber auch die christlichen Werte anvertraut, eine Ethik des Zusammenlebens, die sich aus der jüdisch-christlichen Tradition ergibt. Diese Werte wurden mir vermittelt durch Eltern und Großeltern, durch die Schule, durch den Konfirmandenunterricht. Treu und klug damit umgehen heißt: Diese Werte leben, damit unser Zusammenleben lebenswert ist. 

- Und Gott hat mir noch etwas ganz Kostbares anvertraut: den Glauben, die Beziehung zu sich selbst, die Gemeinschaft mit ihm, unserem Schöpfer und Erhalter der Welt. Treu und klug damit umgehen heißt: Die Beziehung zu ihm pflegen und leben, aus Dankbarkeit genauso wie für uns selbst, weil wir davon profitieren durch die innere Kraft, den der Glaube schenkt. Und treu und klug damit umgehen heißt auch, diesen Glauben weitergeben, so wie wir ihn selbst empfangen haben. 

Wenn ich das so betrachte und aufzähle, dann staune ich: Unheimlich viel hat Gott mir für mein Leben anvertraut! 

Und ich merke: All das, was mir anvertraut ist, ist irgendwie auch auf meine Mitmenschen bezogen. Jesus weist darauf auch besonders hin, wenn er den Auftrag des Verwalters mit den Worten beschreibt: „damit er seinen Leuten zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht“, damit er sich also um die ihm Anvertrauten sorgt. 

Gott hat uns viel für unser Leben mitgegeben. Und wenn jemandem etwas anvertraut ist, da schaut der, der es anvertraut hat, natürlich genau hin, was denn der daraus macht. Jesus sagt: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“. Einmal wird der Herr kommen, um von seinen Verwaltern Rechenschaft zu fordern. Gott wird suchen, welche Früchte aus dem geworden sind, was er usn anvertraut hat. 

Was haben wir also daraus gemacht? (Was haben wir aus unserem Leben gemacht?) 

In seinem Gleichnis stellt Jesus uns verschiedene Typen von Verwaltern bzw. Knechten vor Augen, in denen wir uns wiederfinden können: 

Da ist zuerst der treue Verwalter oder Knecht, der mit dem Anvertrauten treu und gewissenhaft umgeht, und den der Herr dann über alle seine Güter setzen wird. Ich kenne viele solcher Menschen, die wirklich versuchen, liebevoll für andere da zu sein und die ihren Glauben leben. 

Dann erzählt Jesus von einem Verwalter, der die Mägde und Knechte schlägt, Festgelage abhält, bis er betrunken ist. Er lebt nach eigenem Gutdünken, tut das, was ihm allein gefällt, ohne daran zu denken, dass es einen Herrn gibt, der ihm das alles anvertraut hat mit dem Auftrag, damit für die anderen zu sorgen. Jesus sagt: „Ihm wird sein Teil gegeben bei den Ungläubigen“. Ja, manche Menschen lassen Gott einen guten Mann sein, und unter ihrem Egoismus haben andere zu leiden. Auch solche Menschen gibt es. 

Und natürlich gibt es viele Menschen irgendwo dazwischen. 

Wie habe ich gelebt? Wie bin ich mit dem umgegangen, was Gott mir anvertraut hat? Was wird er finden, wenn ich einmal im Tod vor ihm stehe? 

Diese Frage kann sich auch darauf auswirken, wie ich einmal sterbe. Für den treuen Knecht im Gleichnis ist die Rückkunft seines Herrn weder etwas Unerwartetes noch geschieht sie zur Unzeit. Er hat alles treu verwaltet, d.h. er hat das getan, „was gemäß dem anvertrauten Gut, d.h. der Gabe des Lebens (an sich) und den Gaben des Lebens, gefordert ist“ (Peter Haigis). Und ist deshalb jederzeit bereit seinem Herrn gegenüberzutreten. 

Wie würde ich selbst in den Tod gehen? 

Ars moriendi, Kunst des Sterbens, bezeichnet man die Einübung in den Tod. Sich mit seinem Sterben auseinandersetzen, so ähnlich wie es die Frau in unserem Lied getan hat: Dazu gehört sein Leben treu und gewissenhaft gegenüber dem Herrn und sich selbst zu führen, sich aber auch in den Trost und die Hoffnung einzuüben, die die Bibel bezeugt. Aus ihren Worten sprechen auch Hoffnung und Trost. 

III. 

„Mir geht’s jetzt gut“ sagt jene Frau. Woher weiß sie das? Als sie diese Worte gedichtet hat, da war sie ja noch am Leben. Als Christ, da kann ich so etwas aber wirklich bereits im Vorhinein sagen: Denn da habe ich ja dieses Vertrauen, dass mich nichts aus der Hand Gottes reißen kann, dass er im Tod an meiner Seite ist und mich mit sich nimmt in sein Reich. 

In unserem heutigen Bibeltext gibt es einen kleinen Hinweis darauf. Und zwar ist da ja die Rede von dem „Herrn“, der seinen Verwaltern, der uns Vieles anvertraut. Und so wie er möchte, dass wir damit zum Wohle unserer Mitmenschen (V41) umgehen, genauso wird er sich um unser Wohl kümmern. Und auch wenn wir nicht in allen Dingen treue Verwalter sind, so bezeugt uns doch die Bibel immer wieder, dass Gott treu ist. 

„Ich bin am Ziel und es war schön, dieses Leben“, heißt es im Lied. 

Ich bin am Ziel – das können jene sagen, die in gesegnetem Alter „alt und lebenssatt“ sterben, wie man früher zu sagen pflegte. 

Ich bin am Ziel – das kann kaum einer sagen, der viel zu früh gestorben ist. Der hatte gar nicht die Chance, sein Leben zu einem Ziel zu bringen. Wir Menschen können uns gegen dies und jenes versichern, aber Absichern vor dem Tod – das geht nicht! Es ist immer traurig, wenn ein Mensch stirbt. Besonders schlimm ist es, wenn jemand in jungen Jahren mitten aus dem Leben gerissen wird, wie es in unserer Gemeinde in diesem heute zu Ende gehenden Kirchenjahr nicht nur einmal vorkam. Wir klagen angesichts des Todes, vielleicht klagen wir sogar Gott an: Warum hast Du nicht besser aufgepasst? Mein Blick fällt auf Jesus: Auch er ist mit 33 Jahren viel zu früh gestorben und hat angesichts des Todes geklagt. Der Tod ist in der Bibel etwas Schreckliches, als der „letzte Feind“ wird 

er bezeichnet. Und doch ist Jesus mit Worten großen Vertrauens gestorben: „ Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Neben unsere Klagen und unsere Trauer darf eben dieses Vertrauen treten: Gott wird es mit meinen Lieben und mit mir im Tod gut machen. Jesu Vertrauen wurde nicht enttäuscht: Sein himmlischer Vater hat ihn auferweckt und damit die Macht des Tods zerbrochen. Ein für allemal. Der letzte Feind wurde vernichtet. 

Vor drei Tagen am Donnerstag waren wir mit den Präparanden hier in der Kirche. Und ein Mädchen fragte, warum Jesus denn hier vorne auf diesem Emporenbild die dänische Flagge in der Hand halte. Die dänische Flagge ist so ähnlich, nur die Farben weiß und rot sind andersrum. Ich habe ein paar Fragen gestellt, und damit konnten die Präpis dieses Bild selbst entschlüsseln: Es zeigt die Auferstehung Jesu von den Toten. Die römischen Heere hatten nach einem Sieg immer eine Siegesfahne stolz vor sich hergetragen. Dies hier ist die Siegesfahne Jesu: Er ist der Sieger über den Tod. Und warum hat sie ein rotes Kreuz auf weißem Grund? Auch das wusste eine Präparandin: Das rote Kreuz steht für seinen blutigen Tod, und das Weiß im Hintergrund ist die Farbe der Auferstehung, des neuen Lebens, des Osterlichts. Da steht er fest auf beiden Beinen vor uns, der Sieger über den Tod. 

Der Tod ist in Christus überwunden. Er hat denen, die sich an ihn halten, versprochen: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich Euch zu mir ziehen. Und selbst dem reuigen Schächer am Kreuz sagt er: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein. 

Martin Luther hat einmal eine lange Predigt unter dem Titel „Vorbereitung auf das Sterben“ („Von der Bereitung zum Sterben“) geschrieben. Er sagt, man solle sich mit den Angstphantasien schon zu Lebzeiten auseinandersetzen, damit sie im Sterben keine Kraft mehr haben. Der Gläubige solle lernen, sich mit ihnen in Christus wiederzufinden: „Du musst den Tod im Leben, die Sünde in der Gnade, die Hölle im Himmel ansehen“, und: Du musst „den Tod stark und emsig nur in denen ansehen, die in Gottes Gnade gestorben sind und den Tod überwunden haben, vor allem in Christus. … Denn Christus ist nichts als lauter Leben“. Der Blick auf den Auferstandenen schenkt uns Hoffnung angesichts des Todes einer lieben Menschen, und hilft uns selbst einmal, unseren letzten Weg zu gehen – zu Christus hin, in Gottes neue Welt, die auf uns wartet. 

„Ich bin am Ziel“ – für mich drückt diese Liedzeile genau dieses Ziel aus: unser ewiges Sein bei Gott. 

IV. 

In ihrem letzten Satz des Lieds lädt jene Frau ihre Angehörigen ein: 

„Besucht mich hier an meinem Stein“. 

Ein Grabstein ist für viele Menschen wichtig, denn er kennzeichnet den Ort, wo die sterblichen Überreste liegen. Es ist ein Ort, wo ich hingehen kann, trauern kann, meinen Gedanken nachgehen kann. Trauerpsychologen betonen immer wieder, wie wichtig so ein Ort des Trauerns ist. 

Und trotzdem widerspreche ich hier zum ersten mal dem Lied: „Besucht mich hier an meinem Stein“. 

Nein – den Verstorbenen selbst kann ich hier nicht besuchen, denn unserem Glauben nach ist er nicht hier. Hier liegt der Leib oder die Asche, aber der individuelle Mensch, der er war, der ist längst in der Gegenwart Gottes. Von daher möchte ich diesen letzten Satz lieber um- und weiterdichten: 

Denkt an mich an meinem Stein, und hofft darauf: 

Ihr trefft mich einmal wieder bei Gott in seinem hellen Schein. 

Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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