Gottesdienste am 4. Advent - 21.12.2014

OWB (07.12.14)
St. Johannis,
St. Marien

Predigt:
Diakon Günter Neidhardt

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext ist ein mutiges Gedicht, ein Revolutionslied gar. Vorgetragen von einer, bis dato unbekannten und unbedeutenden  jungen Frau, noch dazu schwanger und unverheiratet.

Sie haben es schon erraten? Richtig, wir sprechen von Maria der Mutter Jesu und ihr Lied „Der Lobgesang der Maria“ oder lateinisch das „Magnifikat“ steht im Lukuasevangelium, 1, 39-55

Lukas 1,(39-45)46-55(56)

(Maria machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe.

Und Elisabeth wurde vom heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: "Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!

Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.

Und selig bist du, die du geglaubt hast!

Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.")

Und Maria sprach:

"Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit."

Der Herr segne unser Reden und hören durch die Kraft des Heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde

dieses Lied der Maria ist das älteste Adventslied, das älteste Lied, das uns auf die Geburt, die Ankunft des Messias einstimmt. Und auf die Hoffnungen die mit dem Messias verbunden sind. Friede und Gerechtigkeit. Die Gewaltigen und die Gewalttätigen werden vom Thron gestoßen und die Niedrigkeit, die kleinen Leute, gewinnen die Oberhand:

Ein leidenschaftliches, wildes , revolutionäres Lied.

Hier begegnet uns nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie sie häufig auf Bildern dargestellt ist, oder wie wir sie aus Krippenspielen kennen.

Hier begegnen wir einer leidenschaftlichen, begeisterten Maria.

Sie singt ein starkes Lied – von umstürzenden Thronen und gedemütigten Herrschern dieser Welt. Sie singt ein Lied von Gottes Macht und von der Ohnmacht der Menschen.

Ich bin froh, dass auch das Magnifikat zur Advents- und Weihnachtszeit gehört. Ich denke sogar es ist ein unverzichtbarer Kontrapunkt zur oft allzu seligen, süßlichen „Heitschi Bumbeitschi“ Weihnachtstradition.  Versteht mich nicht falsch: Natürlich gehört auch das heimeliche, das stimmungsvolle, Kerzenlicht und Familie zur (Vor)-Weihnachtszeit, aber eben nicht nur. Wir sollen / dürfen die Geburt Christi nicht auf ein Fest des individuellen, heimelichen  Wohlbefindens reduzieren.

Die Geburt des Messias soll und muss in uns auch die Sehnsucht nach Veränderung, nach Gerechtigkeit, nach Frieden aufrechterhalten. Dass Unterdrückung und Ausbeutung ein Ende hat. Und damit die Hoffnung auf Gott, die Hoffnung auf Veränderung, das Vertrauen darauf, dass nicht alles so bleibt wie es ist.. Maria singt davon:

LIEDVERS: 605, Magnificat

Maria erfährt am eigenen Leib, dass Gott wunderbare Wege mit den Menschen geht. Er hebt mich, von ganz unten nach ganz oben. Maria jubelt und hat allen Grund dazu, weil Gott sie ansieht, sie bemerkt, sie berücksichtigt, sie würdigt.

Weil dieser Gott ein Gott der kleinen Leute ist.

Er macht  herrlich, was niedrig und gering ist. Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Natürlich ist es nicht einfach für Maria.

Wir begegnen einer jungen Frau, die schwanger wird, ohne verheiratet zu sein. Die Ankündigung der Geburt Jesu erschreckt sie, stellt sie vor Fragen. (Schön dass da Elisabeth ist, die Freundin in ähnlicher Situation)

Und dennoch jubelt sie:

Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Wir ahnen langsam, dass mit Niedrigkeit ganz einfach Menschlichkeit gemeint ist. Gott hat die Menschlichkeit Marias angesehen, ihre ganz normale, durchschnittliche, irdische Menschlichkeit.

Und das Ungewöhnliche geschieht.

So kann Maria ihren Lobgesang, Ihr Magnifikat anstimmen, denn die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach Umkehrung der Verhältnisse (Gott kommt nach unten!), diese Sehnsucht nach Veränderung bekommt leibhaftig Gestalt.

Veränderung, die nicht für möglich gehalten wird, wird möglich.

Es mag die (Vor)weihnachtszeit noch so oberflächlich und manchmal kitschig erscheinen, es mögen noch so viele Geschäfte gemacht werden, es bleibt doch immer dieses eine: Weihnachten hält die Erinnerung wach, dass es Dinge gibt, mit denen sich, nach unser Vernunft, nicht rechnen lässt.

Die Hoffnung auf Veränderung, ja die revolutionäre Hoffnung die Maria besingt, kann immer wieder konkret werden. Ereignet sich.

Dass uns mitten im Leben ein Engel begegnet. Dass in einem kleinen Kind das Göttliche aufleuchtet. Dass es jenseits all dessen was uns machbar erscheint, Überraschungen gibt, die wir nicht planen können. Dass das Ziel der Welt Gerechtigkeit heißt.

Maria hat es uns vorgesungen (und vorgeglaubt). Es ist das Lied vom Umsturz aller gängigen Vorstellungen:

Der Kaiser Augustus glaubte, er wäre der Größte. Und er war groß und mächtig. Er war der Herrscher über die ganze damalige Welt. Aber heute ist von ihm nur noch die Rede, weil in seiner Regierungszeit in einer entlegenen Provinz von einem jüdischen Mädchen ein Kind geboren wurde, in einem Stall, mit armen Eltern. Von heute aus betrachtet ist er, der damals mächtigste Mann der Welt, nur eine Randfigur in der Geschichte der Geburt des göttlichen Kindes. Weiß Gott: Er stößt die Gewaltigen vom Thron.

Ein Kind, das verkörpert, was sich die Menschen seit Jahrtausenden erträumen: Frieden auf Erden, Erfüllung der alten Prophezeiungen, Sehnsucht nach Liebe, endlich Gerechtigkeit!

LIEDVERS: Magnificat

Maria, die Zimmermannsfrau, die Arbeiterfrau, unbekannt, bei den Menschen unangesehen. Nun aber gerade in ihrer Unansehnlichkeit, in ihrer Niedrigkeit von Gott angesehen und ausersehen, Mutter des Weltenretters zu sein. Nicht, weil sie besonders klug ist. Nicht, weil sie besonders schön ist. Nicht, weil sie besonders fromm oder demütig ist. Sondern allein, weil Gottes Wille das Niedrige, das menschliche das Unansehnliche, das Geringe liebt, erwählt und groß macht.

Wo Menschen sagen: „verloren“, da sagt er: „gefunden“.

Wo Menschen sagen: „gerichtet“, da sagt er: „gerettet“.

Wo Menschen sagen: „Nein!“, da sagt er: „Ja!“

Wo Menschen ihren Blick gleichgültig oder hochmütig abwenden, da ist sein Blick voller Liebe.

Wenn so etwas Unlogisches passiert, dass Gott als Mensch zur Welt kommt, dann gerät die Logik dieser Welt ins Wanken:

Die Starken bilden keine Seilschaften mehr, sondern werden zerstreut. Die Mächtigen tauschen die Plätze mit den Ohnmächtigen. Die Reichen gehen leer aus, die Hungrigen dagegen werden mit Gütern gefüllt.

Alles, was mit menschlicher Selbsterhöhung zu tun haben kann, sei es Wissen, sei es Macht, Einfluss oder Geld, all das wird mit dem Kommen Gottes umgestoßen.

Ein Gott der kleinen Leute. Gott ist unten.

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Maria lenkt unseren Blick auf Christus, auf den, der uns von Gott her entgegenkommt. Und wir spüren, dass sich in diesem Augenblick unsere Werte zu einem Nichts verflüchtigen, weil da etwas anderes, Größeres hereinbricht.

Zu Maria, der Niedrigen, hat sich der Himmel herabgebeugt – das ist es, was sie groß macht und was alle irdisch-menschliche Herrlichkeit neben ihr in den Staub sinken lässt.

Singen und preisen wir Gott, noch einmal mit Maria:

Und Maria sprach:

"Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun
an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit."

AMEN

Und der Friede Gottes. Der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

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