Gottesdienst am letzten Sonntag im Kirchenjahr - Totensonntag - 23.11.2014

St. Johannis

Predigt:

Pfarrer Jörg Mahler

"Lass nun ruhig los das Ruder"

Predigttext: 2.Petrus 3,8-13

8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass "ein" Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.

9 Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.

10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.

11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen,

12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.

13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Gnade sei mit Euch von dem, der da ist, der da war und der da kommt, Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Lass nun ruhig los das Ruder,
Dein Schiff kennt den Kurs allein.
Du bist sicher, Schlafes Bruder
Wird ein guter Lotse sein.
Lass nun Zirkel, Log und Lot
Getrost aus den müden Händen,
Aller Kummer, alle Not,
Alle Schmerzen enden.
Es ist tröstlich, einzusehen,
Dass nach der bemess’nen Frist
Abschiednehmen und Vergehen
Auch ein Teil des Lebens ist.

Diese Zeilen stammen von dem bekannten Liedermacher Reinhard Mey. Ihn werden wohl fast alle kennen, nicht zuletzt wegen seines bwohl bekanntesten Lieds „Über den Wolken“. Auf seiner neusten CD „Dann mach´s gut“ setzt Reinhard Mey sich mit dem Sterben und dem Tod auseinander. Ihn hat das Schicksal seines Sohnes Maximilian schwer beschäftigt. Im Jahr 2009 fiel Max nach schwerer Krankheit ins Wachkoma. Fünf Jahre lang hat Reinhard Mey mit seiner Familie um ihn gehofft und gebangt. In diesem Jahr ist Max im Alter von nur 32 Jahren verstorben. Jeder, der Schlimmes erlebt, jeder, der einen nahen Menschen verliert, muss das irgendwie verarbeiten. Ich habe den Eindruck, Reinhard Mey tut dies, indem er Lieder schreibt, seine Gedanken und Gefühle in Worte und Klänge fasst. Das Lied „Lass ruhig los das Ruder“ ist im letzten Jahr entstanden, als er sich wohl mehr und mehr damit abfinden musste, seinen Sohn zu verlieren. Er singt davon, nicht gegen den Tod zu kämpfen, sondern sich ihm anzuvertrauen: „Schlafes Bruder wird ein guter Lotse sein. Lass nun Zirkel, Log und Lot getrost aus den müden Händen.“. Wir selber können den Kurs im Tod nicht bestimmen und nicht halten, aber jener, Schlafes Bruder, weiß, wohin er das Schiff zu steuern hat. Es bleibt uneindeutig, wohin dieser gute Lotse das Schiff manöviert, welcher Hafen es erwartet. Und doch ist dieses Lied tröstlich, schenkt es Zuversicht, weil es eben jenen guten Lotsen gibt.

Andere sind dagegen angesichts des Todes nicht so hoffnungsvoll und sagen: „Leben entsteht und vergeht. Das ist der ewige Kreislauf der Dinge. Und das ist alles. Ein Mensch stirbt, sein Leben ist dann für immer vergangen. Höchstens lebt er noch in seinen Kindern fort.“. Diejenigen, die so denken, leiten das aus dem ab, was sie biologisch vom Leben wahrnehmen. Aber trotz ihrer nach außen getragenen Selbstsicherheit, hoffen sie manchmal doch ganz tief drin, dass es wäre anders. Manch einer hat Angst vor Enttäuschung, und wagt darum lieber gar nicht, etwas zu hoffen. 

I. 

Der 2.Petrusbrief setzt sich mit dieser vermeintlich rationalen Denkweise auseinander, denn solche Stimmen gab es schon zur Zeit des Neuen Testaments. Die Auseinandersetzung damals war aber noch viel weiter gefasst: Es ging nicht nur um die Frage, ob es eine individuelle Zukunft nach dem Tod gibt, sondern  v.a. auch darum, ob auf die ganze Welt und Gesellschaft eine gute Zukunft wartet. Eine solche Erwartung ist im Glauben des Gottesvolks (spätestens seit dem babylonischen Exil) fest verankert. Der Prophet Jesaja verheißt einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen es keine Stimmen des Weinens und des Klagens mehr geben wird (Jes 65,17ff). Und auch Jesus spricht vom Kommen des Menschensohns aus den Wolken mit Kraft und Herrlichkeit (Mark 13).

Viele Christen waren damals überzeugt, dass noch zu ihren Lebzeiten Jesus wiederkommt und sein Friedensreich aufrichtet. Doch immer mehr Mitglieder der Gemeinden sind gestorben, ohne dass sich dieses ereignet hätte. Eine Steilvorlage für die in der Bibel genannten Spötter, diese Erwartung überhaupt in Frage zu stellen, und noch hinzuzusetzen: Seit dem Anfang der Welt hat sich doch nichts verändert, wieso sollte zukünftig alles besser werden?

Diese Spötter forderten den Apostel heraus, pointiert zu der Frage Stellung zu beziehen: Ist in unserer Welt alles sich selbst überlassen, oder garantiert Gott eine gute Zukunft, eine gute Zukunft für jeden einzelnen von uns und für die Welt als Ganze?

Wäre es nicht so, wäre das trostlos. Der Glaube an die Unwandelbarkeit der Welt läßt die allein, die auf ihr leiden. Sie werden abgefertigt mit einem „So ist das Leben eben!“. Für sie gäbe es keine Hoffnung. Und der Glaube an eine Unwandelbarkeit der Welt stößt auch die vor den Kopf, die die akute Bedrohung unserer Welt wahrnehmen, die davon tief beunruhigt sind, und sich für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Sie engagieren sich, weil sie darauf vertrauen, dass sich etwas ändern kann, und zwar schon jetzt mitten unter uns.

Der zweite Petrusbrief steht auf der Seite derer, die unter ungerechten Verhältnissen leiden, und derer, die Hoffnung für die Welt haben und mit anpacken. Er ist der Überzeugung: Es bleibt nicht alles, wie es ist. Es wird eine Verwandlung geben, sogar eine Gewaltige. Mit eindrucksvollen Bildern beschreibt der Brief die Kraft dieser Veränderung: Da werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen!

Diese gewaltigen, ja unvorstellbaren Vorgänge aus der Natur sollen in uns die Überzeugung stärken: Es bleibt nicht alles, wie es ist: Gott selbst wird eingreifen und eine gute Zukunft schenken. Eine Zukunft für die Welt und uns selbst. Der Brief spricht vom „Tag des Herrn“, an dem das dann für jeden sichtbar und erlebbar sein wird. Aber ihm fehlen ihm die Worte, das Kommende genau zu beschreiben: Er kann es nur staunend wie vor ihm Jesaja und nach ihm der Apokalyptiker Johannes einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ nennen, „in denen Gerechtigkeit wohnt“. Und die Gott verheißen, also ganz fest versprochen hat. Daher zieht er seine Gewißheit.

Zwei Argumente führt der Brief gegen die Spötter an, die diese Zukunft leugnen und meinen, dieser Tag des Herrn komme nicht mehr. Zum Ersten: Gottes Zeit hat ein anderes Maß als das menschliche: Vor ihm ist „ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre sind wie ein Tag.“. Er rechnet in ganz anderen zeitlichen Maßstäben. Und das zweite Argument, warum Gott nicht schon längst in all das Negative eingegriffen hat: „Der Herr hat Geduld mit Euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.“. Gott will der Menschheit und jedem einzelnen die Chance geben, den rechten Weg zu erkennen und ihn zu gehen, damit wir, wenn er kommt, „dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen.“. Hier wird klar, dass es Gott nicht egal ist, wie wir leben.

II.

Im Mittelalter wurde den Menschen mit solchen Gedanken Schrecken eingejagt:  dass einmal der Moment kommt, wo wir vor Gott stehen, und er sich unser ganzes Leben nocheinmal anschaut. Ich denke da genau anders: Gerade dadurch, dass wir bei Gott unser Leben mit ihm noch einmal anschauen, liegt die Würde unseres Menschenseins. Wir werden ernstgenommen, mit dem, was wir sind. Unser Leben ist nicht belanglos, selbst wenn es uns arm und unerfüllt erscheinen mag. Bei manchem werden wir beschämt wegsehen wollen, bei anderem, da hätten wir nie vermutet, wieviel Segen darauf lag. Dass vieles nocheinmal zur Sprache kommt, darin liegt die Würde unserer Person. Ich kann mir ein ewiges Leben nicht anders vorstellen als so, dass wir unsere Individualität behalten, dass wir als der Mensch, der wir sind, hineingehen in diesen neuen Himmel und die neue Erde.

Christliche Zukunftshoffnung tröstet aber nicht allein mit dem, was sie am Tag des Herrn erwartet. Sie begründet auch ein Leben in Verantwortung: Hoffnung auf den Tag des Herrn zu haben, bedeutet gerade nicht, es sich auf einem Ruhekissen bequem zu machen. Diese Hoffnung läßt uns die heutigen Zustände auf der Welt kritisch sehen, nämlich im Licht des Kommenden. Manches ist da in Frage zu stellen. Wer diese Hoffnung hat, der sieht, was ist, und was sein könnte. Der läßt sich von diesem Kommenden zum Reden und Tun inspirieren. Es bleibt nicht alles, wie es ist! Der 2.Petrusbrief macht hellwach und mutig, und hält die Hoffnung aufrecht. Und gleichzeitig entlastet er uns Menschen ungemein: Letztlich müssen nicht wir es schaffen, Recht und Gerechtigkeit bis ins Letzte durchzusetzen, das können wir auch gar nicht. Das wird Gott an seinem Tag tun.

Liebe Schwestern und Brüder!

Beides sind die positiven Folgen dieser Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde: Hier im Leben am Ruder stehen, das Leben anpacken, Verantwortung zu übernehmen für unsere Welt. Und dann, im Sterben das Ruder loszulassen, sich dem Lotsen anzuvertrauen auf den Weg ins Unbekannte.

 Lass nun ruhig los das Ruder (Reinhard May)

III.

„Doch wir dürfen weinen“ – das sind die letzten Worte des Lieds von Reinhard Mey, und sie stimmen. Weinen dürfen wir, jede Träne zeigt, wie lieb wir unseren Verstorbenen hatten. Und doch kann mitten in den Tränen auch Hoffnung wachsen, vielleicht auch durch dieses Lied. Es bleibt ungenau, wie Reinhard Mey seine Hoffnung inhaltlich füllt. Als Christ höre ich dieses Lied eines weltlichen Liedermachers durch die Brille meines Glaubens.

Es kommt nicht der grimme Schnitter,
Es kommt nicht ein Feind,
Es kommt, scheint sein Kelch auch bitter,
Ein Freund, der’s gut mit uns meint.

Im Tod nimmt mich keine grimmige Gestalt mit ihrer Sichel an die Hand, kein Feind zerrt mich weg aus diesem Leben. Nein: Es kommt ein Freund, der es gut mit mir meint. Im Johannesevangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern: Ihr seid meine Freude. Und das gilt allen Menschen, die mit ihm leben! Einem echten Freund vertraut man, mit ihm wagt man sich auch in die Dunkelheit, weil man weiß, dass er es nicht böse meint, dass es zum Besten ist.

Es kommt, scheint sein Kelch auch bitter,
Ein Freund, der’s gut mit uns meint.

Es wird nicht verschwiegen, dass der Tod ein bitterer Kelch ist, den wir lieber nicht trinken wollen. Der Tod wird nicht verharmlost, auch von Jesus nicht. In der Trauer fühle ich mich Jesus nahe, wenn er in Gethsemane zu Gott ruft: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“. Doch Jesus musste diesen bitteren Kelch des Leids und des Tods trinken. Aber Gott hat seinen Sohn nicht im Tod gelassen, er hat ihn auferweckt!

Und das Dunkel weicht dem Licht,
Mag es noch so finster scheinen.

Diese beiden Zeilen des Lieds, das ist die Osterbotschaft: Mitten im Grabesdunkel geht die Morgensonne der Auferstehung auf. Für Jesus ist das Dunkel dem Licht gewichen, und seine Freunde nimmt er mit auf diesen Weg. Hoffen wir, dass er auch unsere Verstorbenen und uns freundschaftlich ansieht. Dann wird auch für unsere Verstorbenen das Dunkel dem Licht weichen, und für uns selbst. Christus ist der Lotse, der uns an der Hand nimmt, der den Kurs kennt:

Heimkehr’n in den guten Hafen
Über spiegelglattes Meer,
Nicht mehr kämpfen, ruhig schlafen,
Nun ist Frieden ringsumher.

Diesen friedlichen ruhigen Hafen, der auf uns wartet, das ist mit Jesaja, Petrus und Johannes gesprochen der neue Himmel und die neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt, und all das Dunkle überwunden sein wird.

Reinhard Mey verarbeitet das Sterben seines Sohnes in seinem Lied. Jeder muss selbst herausfinden, was ihm hilft: vielleicht auch dieses Lied oder ein anderes, die Gespräche mit Freunden, in denen man sich zurückerinnert und zugleich in die Zukunft blickt, stille Zeit mit Gott, und nicht zuletzt das Vertrauen auf den neuen Himmel und die neue Erde, die der 2.Petrusbrief heute in uns stärkt.

Mit dem heutigen Ewigkeitssonntag geht ein Kirchenjahr zu Ende, und nächsten Sonntag am ersten Advent beginnt ein neues Kirchenjahr. Advent heißt aus dem lateinischen übersetzt „Ankunft“. Wer kommt? Auf wessen Ankunft bereiten wir uns vor? Es kommt ein Freund, der es gut mit uns und unserer Welt meint. Bereiten wir ihm einen guten Empfang in unserer Welt und in unseren Herzen. Amen.

Und der Friede Gottes, der sich mit unserer menschlichen Vernunft nicht fassen läßt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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