Predigt beim Gottesdienst zum 1. Sonntag nach Epiphanias - 10. Januar 2021

Haus der Begegnung
Haarbrücken

Predigt:

Prädikantin
Gabriele Hantke

"Was bleibt von Weihnachten übrig?"

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Amen.

Lasst uns miteinander in der Stille um den Segen der Predigt bitten. (Stille)

Der Herr segne Reden und Hören. Amen.

 

Was bleibt von Weihnachten übrig?

Was bleibt von Weihnachten, wenn der Christbaum abgeputzt ist, die Engel und Sterne und Kugeln verräumt sind, das Weihnachtl wieder im Schachtl ist?

Was bleibt von Weihnachten übrig?

Die Erinnerung an die scheinbare Krippenidylle? Die paar Pfunde mehr, die wir dem guten Essen verdanken? Die Freude über ein paar schöne Geschenke oder die Überlegung, wie man die ungeliebten am elegantesten wieder los wird?

Was bleibt von Weihnachten übrig? Was bleibt von diesem so speziellen Weihnachten 2020?

Das stetige Starren auf die neuesten Zahlen, Inzidenzwerte, R-Werte? Die Erinnerung an die so anderen oder sogar ausgefallenen Gottesdienste? Die Trauer über die Beschränkungen auch zu den Festtagen? Das bange Blicken auf das, was da noch kommt?

Was bleibt von Weihnachten übrig?

Vielleicht hilft uns unser Predigttext aus dem Römerbrief hier weiter. Paulus schreibt:

Predigttext (Römer 12,1-8):

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

Herr, gib uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für dein Wort. Amen.

Uups. Passt das zu der Frage, die ich vorhin gestellt habe?

Dieser heutige Sonntag, der 1. Sonntag nach Epiphanias, ist schon seltsam in seiner Wahl der Texte. Dieser Predigttext, der so gar nicht weihnachtlich klingt. Und das Evangelium – die Taufe Jesu. Wie passt das alles zusammen?

Nun, wenn es an Weihnachten um das schöne Gefühl geht, wenn wir die Geburt Jesu als ein Schauspiel betrachten, das auf der Bühne einer romantisierenden Krippe stattfindet, wenn es um „Süßer die Glocken – oder vielleicht doch Kassen? – nie klingen“ geht, wenn dem Familien- und Geschenkefest der Zuckerguss aus Krippe, Stern und Engelchen aufgesetzt werden soll, dann hat dieser Paulustext wirklich nicht viel mit Weihnachten zu tun!

Aber wenn an Weihnachten Gottes Liebe Mensch wird, das Licht Person wird, Gott in unsere Welt kommt, dann sollten wir uns anstecken lassen von dieser Liebe, die in Jesus Mensch geworden ist. Und ich wünschte mir, dass diese Liebe 1000mal ansteckender wäre als jede Virusmutation!

Denn diese Liebe Gottes will auch in unserem Leben Raum gewinnen. Wir kennen es aus manch einem Advents- und Weihnachtslied:

„Komm, o mein Heiland, Jesus Christ, meins Herzens Tür dir offen ist“

„Eins aber, hoff ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen: dass ich dich möge für und für in, bei und an mir tragen. So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freunden.“

Und das ist es, worauf Paulus die Christen in Rom, die Christen in Deutschland, im Coburger Land, die Christen in Rödental hinweisen will:

Weihnachten ist nicht einfach ein fernes Ereignis vor rund 2000 Jahren, das gut für schöne Bilder ist. Weihnachten hat Konsequenzen! Weihnachten will uns verwandeln, will die Welt verwandeln!

Wie diese Konsequenzen aussehen, das entfaltet Paulus hier an dieser Stelle des Römerbriefes.

Der Wochenspruch drückt es so aus:

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. (Rö 8,14)

Und das ist auch die Klammer zum Evangelium.

Jesus wird getauft. Gott macht deutlich: Er ist mein Kind. Er lässt sich vom Geist Gottes leiten.

Er geht uns gewissermaßen auf diesem Weg, Gottes Willen zu tun, voraus.

Auch wir, als getaufte Christen, nennen uns Gottes Kinder. Und so sollen wir uns in unserem Handeln, in unserem Denken von Gottes gutem Geist leiten lassen.

Glaube und Leben, Gottesdienst und Alltag, Sonntag und Werktag, Festzeiten und das übrige Jahr – sie gehören zusammen!

Dafür nennt Paulus hier Beispiele:

Paulus spricht von Hingabe und Opfer.

Das sind große Worte. Aber vielleicht heißt das ja, ein bisschen Christsein geht nicht! Das Christsein muss mein ganzes Leben durchdringen. Und manchmal kostet es auch etwas. Jesus hat das mit seinem Leben vorgemacht: Er hat sich eingesetzt, war für die Menschen da. Und es war nicht immer bequem für ihn, ganz im Gegenteil. Das kann dann schon mal heißen, dass ich nicht nur auf meinen Ersparnissen sitze, sondern dass ich davon abgebe. Oder, dass ich Zeit opfere. Viele unserer Kirchenvorsteher oder Ehrenamtlichen tun genau dies. Christsein ist nicht unbedingt eine Wellnesspackung.

Das führt zur nächsten Konsequenz: Sich der Welt nicht gleich stellen, oder, mit anderen Worten: schwimmt auch mal gegen den Strom.

Jesus war selbst durchaus auch mal unbequem, hat sich z. B. mit den Pharisäern und anderen religiösen und auch weltlichen Autoritäten angelegt. Er ist auch, um der Sache willen, um des Glaubens willen, einer notwendigen Konfrontation nicht aus dem Weg gegangen.

Das kann dann schon mal heißen, dass ich mir anhören muss, wenn ich mich auf diesen Quatsch mit Gott und Glauben einlasse und auch noch darüber rede, dass ich mich auf meinen Geisteszustand untersuchen lassen sollte.

Es kann sein, dass wir auch mal widersprechen müssen, wenn wir mitbekommen, dass etwas dem Glauben, dem Gebot der Nächstenliebe, den biblischen Geboten widerspricht. Bloß weil alle möglichst laut einen falschen Ton singen, wird er nicht richtig davon.

Mit seinen eigenen Worten spricht Paulus auch davon, dass es uns als Christen gut ansteht, bescheiden zu sein. Jesus hat wohl immer wieder klar Stellung bezogen, hat um seinen Wert als von Gott geliebtes Kind gewusst, aber sich nicht unbedingt in den Mittelpunkt gestellt. Wenn das kein gutes Programm für uns ist!

Paulus greift hier auch wie schon an anderer Stelle das Bild vom Leib und den Gliedern auf. Jeder hat in der Gemeinde eine Aufgabe, eine Begabung, mit der er für andere da sein soll.

Paulus schreibt uns hier ins Stammbuch: Wir haben Aufgaben, und damit auch eine Verantwortung, Verantwortung für andere, unsere Mitmenschen, Mitverantwortung für unsere und in unserer Kirche! Wie kann das aussehen?

Der Apostel erwähnt die Lehre in der Kirche.

Wer die Gabe zum Lehren, zur Verkündigung der Frohen Botschaft hat, wer in diese Verantwortung hineingerufen ist, muss sich immer wieder fragen: Wie kann das immer wieder, auch in einer sich wandelnden Gesellschaft, gelingen? Welche vielleicht neuen Formen müssen wir als Kirche finden? Und, angesichts abgesagter Gottesdienste und Veranstaltungen, wie kann das das in diesen Zeiten gelingen? Welche anderen Möglichkeiten haben wir, können wir nutzen – analog und digital – um die Menschen mit der guten Nachricht von der Liebe Gottes zu erreichen?

Und Paulus spricht vom Trösten und Ermahnen. Ich würde es im weitesten Sinne Seelsorge nennen.

Ja, einige haben einen besonderen Auftrag zur Seelsorge. Für Pfarrer und Pfarrerinnen gehört es zu ihrem Dienstauftrag. Auch im Ehrenamt sind einige besonders beauftragt – ehrenamtliche Krankenhausseelsorge, Besuchsdienste z. B. Aber in unserem persönlichen und familiären Rahmen und Umfeld sind wir hier alle gefragt!

Und wie nötig ist das zur Zeit! Nutzen wir die technischen Möglichkeiten! Rufen wir die an, die allein zu Hause sitzen, vor allem, wenn die Kontaktbeschränkungen jetzt noch einmal verschärft werden! Schreiben wir Briefe, Postkarten, verschicken wir Emails, chatten wir, skypen wir und führen Videotelefonate! Zeigen wir unseren Freunden, Nachbarn, Bekannten, Menschen aus der Gemeinde, dass wir sie nicht allein lassen! Das ersetzt die persönlichen Kontakte nicht, aber sie sind besser als keine Kontakte, besser als Alleinlassen!

Barmherzigkeit ist noch ein wichtiger Punkt, den Paulus hier anspricht.

Mit Freude sollen wir Barmherzigkeit üben. Das Jahr 2021 steht ja mit der Jahreslosung Seid barmherzig, wie auch eurer Vater barmherzig ist. (Lk 6,36) genau unter diesem Motto. Auch wenn das Wort nicht mehr zu unserem allgemeinen Sprachgebrauch gehört, so brauchen wir doch Barmherzigkeit in unserem Leben ganz dringend. Schon in normalen Jahren – wie gut tut es doch, wenn einer barmherzig ist, nicht nachtragend, wenn wir eine neue Chance bekommen!

Und auch in diesem Jahr könnten wir sie so sehr brauchen! Die Schüler und Schülerinnen könnten es brauchen – die Lernsituation mit dem Distanzlernen ist im Augenblick alles andere als einfach. Statt eine Woche Ferien zu streichen, damit das bayrische Niveau nicht leidet, vielleicht könnte man da ja doch etwas mehr Druck von den Schülern nehmen, barmherzig sein.

Wir hadern mit den Entscheidungen der Politiker, die uns Einschränkungen bescheren, und vielleicht wird sich zeigen, dass nicht alle Entscheidungen wirklich hilfreich waren. Aber es ist eine schwierige Zeit. Und ich möchte deren Entscheidungen nicht fällen müssen – und deshalb sollten wir vielleicht barmherziger sein und nicht gleich über diese Verantwortlichen herfallen und den Stab über sie brechen.

Aber auch im privaten Bereich – bei vielen liegen die Nerven z. Zt, blank, und da wäre es so wohltuend, wenn wir gegenseitig nicht alles auf die Goldwaage legten.

Paulus nennt dies alles einen vernünftigen Gottesdienst. Nein, natürlich ersetzt das nicht den Gottesdienst in der Kirche, die liturgische Feier. Deshalb vermissen wir die Gottesdienste in der St. Johanniskirche auch so schmerzlich!

Aber Gottesdienst geht weit hinaus über das, was in den Kirchen gepredigt, gebetet, gehört und gefeiert wird! Was sonntags gepredigt und montags getan wird, muss etwas miteinander zu tun haben!

Weihnachten mit Folgen: ER kommt in diese Welt, in unser Leben, und erfüllt das. ER beginnt, uns Schritt für Schritt zu verändern, lässt uns Gottes Kind sein, das von seiner Liebe etwas weitergeben will.

Ja, ein hoher Anspruch, eine große Aufgabe, gewiss. Wir können das sicher nicht in Perfektion schaffen.

Aber Gottes Kind zu sein, heißt auch, dass wir Fehler machen dürfen. Auch davon schreibt Paulus: Gott ist barmherzig mit uns.

Und er verlangt nicht von uns, dass jeder alles macht. Wer die Gabe hat, der… Gott weiß um unsere Grenzen.

Gott fordert uns heraus, aber er überfordert uns nicht. Dann brauchen wir das auch nicht.

Und weil das so ist, darf – und soll – Weihnachten ruhig Folgen für unser Leben und Handeln haben!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.