Gottesdienst in St. Johannis am 24. Oktober 2021 (21. Sonntag nach Trinitatis)


Predigt:

Prädikantin
Gabriele Hantke


Jesus spricht:
"Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert"

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Amen.

 

Lasst uns miteinander in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten. (Stille)

Der Herr segne Reden und Hören. Amen.

 

Predigttext (Mt 10,34-39):

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Herr, gib uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für dein Wort. Amen.

Ganz ehrlich, ist dieser Text nicht eine Zumutung?

Hätten Sie so harte Worte aus dem Mund von Jesus erwartet? Haben wir nicht gerade eben noch im Evangelium den Text aus der Bergpredigt gehört, wo Jesus davon spricht, dem, der einen ohrfeigt, auch noch die andere Wange hinzuhalten? Wo er uns auffordert, unsere Feinde zu lieben und für sie zu beten? Kennen wir nicht Jesus als den, der uns Gleichnisse von der unendlichen Liebe und Vergebungsbereitschaft Gottes erzählt? Der die Kinder in seine Arme schließt? Der sich der Sünder annimmt wie kein Zweiter?

Passt das, was wir da hören, in unser Bild eines doch eher sanften und zurückhaltenden Jesus?

Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

Das klingt doch ganz anders!

Wirklich eine Zumutung!

Und manch einer mag sich jetzt auch aufregen:

Wollt Ihr Christen damit rechtfertigen, dass im Namen des Christentums Kriege geführt wurden? Wollt Ihr damit Inquisition und Hexenverfolgung rechtfertigen?

Eine Zumutung!

Oder ruft Ihr jetzt dazu auf, einen Keil in die Familien zu treiben? Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.

In den letzten Jahren werden immer mal wieder Krimis oder Familiendramen im Fernsehen gezeigt, die thematisieren, wie irgendwelche Sekten Menschen aus ihren Familien lösen und welche Folgen das hat. Fordert Jesus etwa sowas?

Eine Zumutung!

Und, das muss ich ehrlich zugeben, ich habe mich wahrhaftig nicht darum gerissen, über ausgerechnet so einen Text predigen zu müssen!

Wie also jetzt umgehen mit diesen harten und fremd klingenden Worten Jesu?

Bibel zuklappen und sagen: Damit kann ich nun wirklich nichts anfangen? Lassen wir das lieber und decken wir den Mantel des Schweigens darüber?

Oder doch durchbeißen?

Ich will genau das tun und versuchen, Sie hier ein Stück mitzunehmen.

Eines vielleicht gleich vorab:

Wir sehen Jesus gerne als den sanftmütigen Prediger. Und auf vielen Bildern ist er auch mit einem entsprechend sanften Blick dargestellt. Da schaut er manchmal auch nahezu verklärt.

Aber wenn wir das Neue Testament einmal genauer und nicht nur in Ausschnitten lesen, dann fällt auf, dass Jesus durchaus auch mal harte Worte sprechen kann, klar und pointiert, dass er aneckt:

Wenn er z. B. Streitgespräche mit den Pharisäern führt, wenn er den einen oder anderen auch mal vor den Kopf stößt und etwas sagt: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. oder Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Unmissverständlich und auch für den Angesprochenen eine Zumutung.

Und: Als er im Tempel in Jerusalem die Händler und Geldwechsler vertrieb, wurde er sogar handgreiflich!

Also – nicht das dauerhaft „liebe Jesulein“. Vielleicht müssen wir da unser Jesusbild auch ein wenig korrigieren!

Aber zurück zum Text.

Jesus spricht hier davon, wie Risse durch Familien gehen. Eine Erfahrung, die Menschen heute immer wieder machen. Das ist nicht nur in Glaubensdingen so, sondern auch in anderen Fragen. Ich denke nur daran, wie die Einschätzungen zu den Corona-Maßnahmen, zu Impfung ja oder nein, wie die Sicht auf die Klimakrise und ihre mögliche Überwindung, wie die Frage, ob Nachrichten Fake News sind oder nicht, Menschen spalten, die sich eigentlich nahestehen. Wie sich solche Dinge anfühlen, können auch heute viele Menschen nachempfinden.

Das tut weh. Das schmerzt. Das macht oft auch hilflos.

Jesus spricht von solchen Rissen, kurz nachdem er seine Jünger berufen hat. Die und er machten die Erfahrung, dass ein konsequentes Leben ihres Glaubens auch ihre engste Familie nicht unberührt lässt.

Jesu eigene Familie hat ihn (Mk 3,21) von Sinnen genannt, ihn für verrückt erklärt!

Manche Menschen können dankbar darauf schauen, dass ihr Glaube in ihren Familien gut angesehen ist. Manche können froh sein, dass die Familie das auch gerne mitträgt und mitglaubt.

Aber es gibt auch die anderen – die extremeren Erfahrungen. Und davon wohl spricht Jesus hier.

Wenn sich heute ein Muslim in einem streng muslimischen Land zum christlichen Glauben bekennt, sich taufen lässt, dann macht er oft die Erfahrung, dass ein Riss durch die Familie geht, dass er im schlimmsten Fall ausgeschlossen, ausgestoßen wird, dass er ggf. sogar um sein Leben fürchten muss.

Ähnliche Erfahrungen haben Christen, die sich im sog. „Dritten Reich“ der Bekennenden Kirche angeschlossen haben, auch gemacht. Sollen sie dem „Führer“ folgen oder ihrem Herrn Jesus Christus? Auch hier konnte es passieren, dass ein fanatischer Anhänger des NS-Regimes in der Familie das eigene Familienmitglied verriet. Oder Freunde der Familie, Nachbarn.

Und wenn wir in der Geschichte weiter zurückgehen, dann treffen wir auch auf Menschen, die im Römischen Reich zur Zeit der Christenverfolgung vor die Entscheidung gestellt wurden: Familientraditionen oder der christliche Glaube!

Dieses prophetische Wort Jesu betrifft also vor allem Extremsituationen. Aber dann kann es eben sein, dass man sich gegen seine engsten Angehörigen stellen muss, dass man eine klare Entscheidung treffen muss!

Sehen wir uns nun das Wort vom Schwert, das er bringen will, genauer an!

Wenn wir uns das im Zusammenhang mit seiner gesamten Botschaft anschauen, dann zeigt sich: Nein, Jesus fordert nicht dazu auf, tatsächlich und buchstäblich eine Waffe in die Hand zu nehmen! Wer dieses Jesuswort dahingehend interpretiert, verdreht das Wort Jesu.

Er spricht nicht davon, mit dem Schwert zuzuschlagen, sondern er verwendet das Schwert als ein Bild:

Ich musste dabei an ein Wort aus dem Hebräerbrief denken: Denn das Wort Gottes ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheide Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. (Hebr 4,12).

Es geht um Unterscheidung und klare Worte, klare Positionen. Ja, Jesus will, das macht er an vielen Stellen deutlich, dass wir in Frieden leben und uns kräftig dafür einsetzen.

Er fordert uns aber auch dazu auf, klar Stellung zu beziehen, z. B. Unrecht auch Unrecht zu nennen, z. B. unseren Glauben auch klar zu bekennen, z. B. nicht jedem nach dem Mund zu reden.

Wir Christen sollten Konflikte nicht einfach übertünchen, sondern auch ansprechen und austragen. Das aber in angemessener Form.

In einer Predigt von Johannes Taig, früher Pfarrer in Hof, über diesen Text habe ich folgende Aussage gefunden, die ich hier gerne zitieren möchte:

Johannes Taig schreibt: „Scheiden tut weh. Sich unterscheiden tut auch weh. Christen unterscheiden sich zwangsläufig von anderen, weil sie nicht auf der Seite der moralischen Mehrheit stehen, sondern an der Seite des Christus. Weil sie nicht die Meinung der Mehrheit vertreten, sondern Sprachrohr ihres Herrn sein sollen. Weil ihnen nicht das Vaterland, die Parteiraison, die Familienehre oder ihr guter Ruf heilig ist, sondern allein das Wort ihres Herrn.“

Und Taig hat Recht, wenn er schlussfolgert, dass das eben auch schmerzliche Konsequenzen haben kann.

Jesus macht hier eines deutlich: Es gibt kein ‚Christsein light‘! Sich auf Gott, sich auf Christus einzulassen, will unser ganzes Leben umfassen, kann unser Leben nachhaltig verändern.

Jesus hat, so wird es im Johannesevangelium überliefert, auch mit den sog. ‚Ich-bin-Worten‘ diesen Anspruch untermauert. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben – ich zeige euch, wo es lang geht, an meiner Botschaft soll sich alles Reden und Handeln messen, und das gibt euch das wahre Leben. Und gleichzeitig ist das eben nicht nur Anspruch, sondern auch Zusage: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht – wenn ihr an mir hängt, wenn ihr mit mir verbunden bleibt, dann gebe ich euch Kraft, dann hat euer Leben auch Sinn. Das werden wir nachher auch im Lied nach der Predigt singen.

Christen, so wird es hier deutlich, unterscheiden sich wirklich von anderen: Sie haben eine andere Kraftquelle, sie haben einen klaren Wertmaßstab.

Und ja, es bleibt eine Zumutung. Dieser Predigttext bleibt sperrig.

Und auch in den letzten beiden Versen bleibt es unbequem.

Wir leben in einer Zeit der Selbstoptimierung, der Selbstreflexion, der ständigen Nabelschau und des Kreisens um das eigene Ich. Dem widerspricht Jesus hier auch deutlich:

Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Nein, es geht nicht immer um mich selbst. Nicht immer um mein persönliches Wohlbefinden. Wenn wir immer nur darauf schauen, was für uns selbst dabei rausspringt, werden wir den Nächsten und unseren Auftrag aus dem Blick verlieren. Das war ja gerade das, was das Umfeld der ersten Christen so faszinierend fand, dass man aufeinander achtete und füreinander da war, und jeder nicht nur sich selbst und den eigenen Vorteil im Blick hatte.

Ein Sponti-Spruch, den man manchmal hört, lautet: „Jeder denkt an sich. Bloß ich denk an mich.“ Vielleicht könnte man den etwas umformulieren: ‚Jeder denkt an die anderen. So ist an jeden gedacht.‘

Nein, der Glaube an Jesus Christus soll nicht das Sahnehäubchen auf unserem Leben sein, nicht ein Dekoartikel in einem sonst beliebigen Leben.

Der Glaube an Jesus Christus soll unser Leben nachhaltig gestalten und formen, soll unser ganzes Leben durchdringen, so dass es ausstrahlt und Klarheit schafft.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.