Gottesdienst am Sonntag Misericordias Domini (Hirtensonntag) - 18. April 2021

 

Predigt:

Prädikantin Gabriele Hantke

"Ein guter Hirte sein ist harte Arbeit"

Gebet

Herr, unser Gott, Du hast uns in Jesus den guten Hirten unserer Seelen an unsere Seite gestellt, damit wir nicht verzweifeln in den Tälern unseres Lebens. Hilf uns, seine Stimme zu hören und ihr zu folgen. Lass uns auch mit Deiner Hilfe die Freude erleben, dass jedes dunkle Tal einmal zu Ende geht. Jesus, dem guten Hirten, vertrauen wir uns an, der mit Dir lebt und herrscht in Ewigkeit.

Amen.

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Amen.

Lasst uns miteinander in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten. (Stille)

Der Herr segne Reden und Hören. Amen.

 

Predigttext (Hes 34,1-2(3-9)10-16.31):

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut. Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder sie sucht. Darum hört, ihr Hirten, des Herrn Wort!

So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten, darum, ihr Hirten, hört des Herrn Wort!

So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
              

Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.  Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.

Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande.

Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Herr, gib uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für dein Wort. Amen.

 

Ein ganz schön mutiger Mann, dieser Hesekiel! In der Zeit, in der er gelebt hat, den Mächtigen seiner Zeit so die Leviten zu lesen!

Kritik wird ja eh nicht immer gern gesehen. Sie wird oft als Nestbeschmutzung empfunden, auch wenn die Absicht des Kritikers eine gute ist, wenn er mit seiner Kritik auf Missstände oder Fehler aufmerksam machen will, damit es für die Gesellschaft besser wird.

Und immer schon gab es Zeiten, da war es sogar gefährlich, die Mächtigen zu kritisieren. Das sehen wir heute an der Situation in Myanmar oder z. T. in Russland.

Das sehen wir auch im Rückblick in der deutschen Geschichte: So haben ein Dietrich Bonhoeffer und viele andere unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mit ihrem Leben für ihre Mahnungen im Namen Gottes bezahlen müssen.

Und in der ehemaligen DDR war es alles andere als ungefährlich, der Diktatur die Stirn zu bieten.

Das können wir uns heute hier kaum vorstellen, was das bedeutet! Deshalb ist es auch ein Unding ohnegleichen, heute von ‚Corona-Diktatur‘ oder ähnlichem Unsinn zu reden! Denn immerhin muss hier niemand für seine möglicherweise berechtigte, ja nicht einmal für seine dumme und sinnfreie Kritik um sein Leben fürchten!

Aber Hesekiel ist durchaus, wie andere Propheten zu biblischer Zeit, ein hohes Risiko eingegangen.

Manchmal kostet es etwas, für Gott und sein Wort einzutreten!

Hesekiel verwendet in seiner Mahnung ein vertrautes Bild, das Bild vom Hirten.

Dabei muss man sich vor Augen führen: Hirte sein – das ist alles andere als romantisch, auch wenn viele so ein idyllisches Bild vor Augen haben von dem Schäfer mit Schlapphut und Hirtenstab, an den die Schafe sich kuscheln. Nein, Heimatfilmromantik wird dem nicht gerecht!

Hirte sein ist harte Arbeit! Es heißt, bei Tageshitze unterwegs sein. Und in der Kälte der Nacht in der Nähe seiner Schafe zu sein und dabei wachsam zu bleiben. Und Hirte sein kann auch gefährlich sein. Nicht umsonst ist der Hirte bewaffnet mit seinem Hirtenstab, einem scharfen Dolchmesser und einer Schleuder, die eine wirkungsvolle Waffe sein kann, wie es ein David im Kampf gegen Goliath bewiesen hat. Da war man den Unbilden des Wetters ausgesetzt, da hatte man mit Raubtieren zu kämpfen und auch den einen oder anderen Dieb abzuwehren. Da waren manchmal weite Strecken zu überwinden, immer auf der Suche nach Nahrung und Wasser.

Bequem geht anders!

Das ist nicht jedermanns Sache!

Und hier setzt die Kritik Hesekiels an.

Der Prophet wirft den ‚Hirten Israels‘, den Königen und Regierungsbeamten und Höflingen, so einiges vor: dass sie sich selbst auf Kosten anderer, auf Kosten der Armen bereichert haben, dass sie sich nicht der ihnen anvertrauten Menschen angenommen haben, dass ihnen scheinbar die Hilfsbedürftigen egal waren, dass sie soziale Ungerechtigkeit nicht beseitigten, sich nicht ausreichend um Krankenpflege gekümmert haben, dass sie den Menschen im Land keine ausreichende Orientierung gegeben haben, die Schwachen zu wenig geschützt, offensichtliche Missstände nicht beseitigt haben.

Kurz: dass sie eben keine guten Hirten gewesen sind. Jesus bezeichnet solche Hirten im Evangelium als Mietlinge.

Wenn man so diese Kritikpunkte Hesekiels hört, dann kommt man leicht in die Versuchung, da mit einzustimmen.

In die Kritik an denen ‚da oben‘, an den Fehlern, die man entdeckt. Da ist man versucht, in diese Stammtischparolen einzustimmen. Und ja, es gibt sie, die Politiker, die in die eigene Tasche wirtschaften, die Wirtschaftsbosse, die jedes Schlupfloch nutzen, um sich selbst auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern, usw.

Aber: es gibt auch die anderen, die ihre Verantwortung ernst nehmen und danach handeln, die sich in der Krise die Nächte um die Ohren schlagen, um Lösungen zu finden, die Menschen in der Wirtschaft, die mit ihren Gewinnen Stiftungen für die Allgemeinheit unterstützen, die gerechte Löhne zahlen und und und.

Passen wir auf, dass wir nicht eine diebische Freude daran finden, mit den Fingern auf andere zu zeigen und alles nur noch schlecht machen.

Ja, dort, wo die Verantwortlichen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, darf man den Finger in die Wunde legen und konstruktive Kritik üben und mahnen und warnen.

Aber in ein allgemeines destruktives Lamentieren und Schlechtmachen einzustimmen, ist nicht im Sinne des prophetischen Wortes und erst recht nicht hilfreich.

Zumal wir bedenken sollten, dass wir selbst, jeder und jede von uns, auch in verschiedenen Bereichen Hirtenfunktionen wahrnehmen.

Ob wir in der Kirchengemeinde bestimmte Aufgaben übernommen haben, bei denen wir Verantwortung für andere tragen, oder auf der Arbeitsstelle für unser Mitarbeiter und Kollegen. Eltern haben Verantwortung für ihre Kinder, Lehrer für ihre Schüler, Trainer im Verein.

Und spätestens jetzt wird das Prophetenwort auch für uns zur Anfrage, zur Mahnung, zur Warnung, aber auch zur Ermutigung! Werdet der Verantwortung gerecht, zu der ihr, im Großen oder im Kleinen, berufen seid!

Denkt dabei nicht vorrangig an Euch und Euren Vorteil, sondern an das Wohl der Euch anvertrauten Menschen und das der Gemeinschaft. Der Firma, in der ihr arbeitet, der Kirchengemeinde, der Familie, der Schule usw.

Und ja, das fordert etwas von jedem von uns! Das kann in Arbeit ausarten!

Und, man wir auch Rechenschaft fordern von den Großen, und von uns.

Das ist im Übrigen auch eine Anfrage an uns als Kirche, an unsere Gemeinden.

Werden wir unserer Hirtenfunktion gerecht? Suchen wir das Verlorene? So viele verlorene Schafe – suchen wir sie? Sprechen wir das tröstende, das mahnende, das wegweisende, das hilfreiche Wort, das Menschen heute brauchen?

Drehen sich unsere Kirchen auf all ihren Ebenen nur um sich selbst, oder haben sie die Menschen, die Jesus ihnen anvertraut hat – zu Petrus hat er nach Ostern gesagt: Weide meine Schafe! – ausreichend im Blick? Was ist uns wichtiger – dass es uns selbst gut geht, oder dass wir anderen Menschen helfen, für sie da sind, Fürsprecher für die Schwachen sind?

Nein, Hesekiels kritisches Wort ist mitnichten eine Ermutigung für uns, in die Stammtischparolen von ‚denen da oben, die die da unten ausnehmen‘, einzustimmen.

Hesekiels kritisches Wort ist eine Anfrage an jeden einzelnen von uns und an uns als Kirche.

Hesekiels kritisches Wort kommt uns ganz nahe und stellt unseren eigenen Lebensstil und unsere eigene Glaubenspraxis immer wieder auf den Prüfstand!

Seien wir solche Hirten, wie es dem Herrn gefällt!
Und was das Gute ist, auch darauf macht uns Hesekiel aufmerksam, wir sind dabei ja nicht allein! Denn ER ist unser guter und wahrer Hirte! Gott selbst ist der wahre Hirte, der das Verlorene sucht!

Das hat doch auch Konsequenzen für unser Reden und Handeln, für unser Leben!

Im Blick auf die Hirten im großen Stil – wer sagt mir als Schaf denn, dass ich jedem (selbsternannten) Hirten folgen muss? Orientieren wir uns an dem wahren Hirten, der es gut mit uns meint! Keiner verlangt von mir, dass ich ein doofes Schaf sein muss! Entscheide ich verantwortlich, wem ich folge, nicht blindlings! Meine Schafe hören meine Stimme, sagt Jesus. Tun wir das!

Im Blick auf die eigene Verantwortung, auf das eigene Hirte sein – wo wir Verantwortung haben, lassen wir uns vom Vorbild des guten Hirten leiten! Lassen wir uns helfen, lassen wir uns die Kraft und die Weisheit von Gott geben! Beten wir darum! Luther hat mal gesagt: „Ich habe heute viel Arbeit, deshalb muss ich viel beten.“ Bitten wir den großen guten Hirten darum, uns bei unseren Hirtenaufgaben zu helfen!

Im Blick auf unsere Fehler und unser Versagen – der gute Hirte Jesus sucht das Verlorene, auch uns, wenn wir Fehler machen. Und er lässt uns neu beginnen. Petrus hat das nach Ostern erfahren: Am Tag vor der Ermordung Jesu hat er seinen Herrn kläglich im Stich gelassen, hat ihn verleugnet. Kurz nach Ostern sagt Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Er durfte neu anfangen. Das dürfen wir auch. Immer wieder.

Trotz unseres Scheiterns gilt Gottes Zusage:

Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Fürbitten

Herr, unser Gott,

du bist unser guter Hirte, der es gut mit uns meint, jeden Tag unseres Lebens. Dafür danken wir dir.

Wir bitten für alle, die Mangel leiden, denen das Nötigste zum Leben fehlt, die nicht wissen, wie es wirtschaftlich in der nächsten Zeit weitergehen soll: Lass sie neue grüne Weiden finden und erwecke ihnen Hilfe.

Wir bitten für alle, die ausgelaugt sind, denen die Kraft fehlt, weil sie psychisch unter den Pandemiemaßnahmen leiden, weil sie in den Pflegeheimen und Stationen der Krankenhäuser an ihre Grenzen kommen: Erquicke sie und gib ihnen neue Kraft.

Wir bitten für alle, die orientierungslos geworden sind, die vor wichtigen Entscheidungen stehen oder die in Politik und Gesellschaft Entscheidungen für andere treffen müssen: Führe du sie und uns auf rechter Straße und gib, dass Entscheidungen in deinem Sinne zum Wohle aller getroffen werden.

Wir bitten für alle, die in den dunklen Tälern des Lebens stecken, für die Menschen, denen ihre Grundrechte und ihre Freiheit genommen wurden, für die, krank sind, für die, die einen lieben Menschen verloren haben: Lass sie Trost und Hilfe finden, bei anderen Menschen und bei dir.

Wir bitten für alle, die angefeindet werden oder im Streit mit anderen leben: Bereite du ihnen den Tisch, zeige ihnen, dass sie geliebt sind und hilf, dass das zerschnittene Tischtuch wieder heil werden kann und Versöhnung geschieht.

Wir bitten für alle, die sich wertlos fühlen und an sich selbst verzweifeln: Lass sie spüren, dass sie in deinen Augen wertvoll und geliebt und genug sind.

Lass uns deine Güte und Barmherzigkeit spüren, immer wieder, jeden Tag unseres Lebens neu.

Amen.