Gottesdienst zum Erntedankfest - 04.10.2020

 

St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Das Glück der Dankbaren"

Predigttext: Markus 8,1-9

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie haben nun drei Tage bei mir ausgeharrt und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Wie kann sie jemand hier in der Wüste mit Brot sättigen? Und er fragte sie: Wie viel Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben.
Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Und sie hatten auch einige Fische, und er dankte und ließ auch diese austeilen. Sie aßen aber und wurden satt und sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Und es waren etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Predigt

Gnade sei mit Euch, und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt, Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde, haben Sie auch Post von unserer Landeskirche bekommen? Nein, ich meine nicht den Kirchgeldbrief oder den Kirchensteuerbescheid. Ich meine so einen türkis-violetten Brief mit dem Label unserer Landeskirche drauf. Kommunikationsinitiative nennt sich diese Aktion, bei der Gemeindemitglieder zu bestimmten Anlässen einen Brief bekommen. Ich persönlich finde diese Briefe gut gemacht, knackige Texte, ansprechendes Layout – wobei man natürlich darüber streiten kann, ob hierfür Kirchensteuern ausgegeben werden sollten.

In dieser Woche haben auch meine Frau und ich wieder einmal so einen Brief bekommen. Sie vielleicht auch? (einmal Nicken oder Kopfschütteln).

Neben dem Adressfeld ist hier ein „Danke“ mit Ausrufungszeichen in einer Sprechblase drauf – und schon wusste ich: Ah, es geht wohl um Erntedank. Zuerst habe ich diesen Brief hier aufgemacht, adressiert an meine Frau. Ich breche jetzt einmal ganz frech das Briefgeheimnis und lese Ihnen vor, was die evangelische Kirche, die als Verfasserin genannt ist, schreibt:

Sehr geehrte Frau Mahler,

das haben Sie sicher als Kind auch erlebt: Die nette Metzgereiverkäuferin hält Ihnen lächelnd eine Scheibe Wurst entgegen.Ihnen läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Sie strecken erwartungsvoll ihre Hand aus - da ertönt gebieterisch die elterliche Stimme: "Wie sagt man?" - Ja, "Danke", natürlich. Aber auf Befehl will das niemand gerne sagen. Danken müssen fühlt sich falsch an.

Danken dürfen, danken können - das ist dagegen etwas ganz anderes. Das fühlt sich gut an. Und auch heute gibt es hoffentlich Vieles, wofür sie aus vollem Herzen dankbar sein können.

Das Erntedankfest kann uns daran erinnern, dass wir nicht alles aus eigener Kraft schaffen müssen. Dass es Menschen gibt, denen wir viel verdanken.Und dass Gott, der das Leben schafft, uns auf unserem Weg mit seinem Segen begleitet, gerade auch in schwierigen Zeiten.

Ein gesegnetes Erntedankfest am 4. Oktober wünscht Ihnen
Ihre evangelische Kirche

Was brauchts mehr der Worte? Eigentlich ist damit auf nette Art und Weise der Kern unseres Erntedankfests beschrieben, ja noch ausgeweitet auf den Dank für all das andere, wofür wir neben unserem täglichen Brot auch dankbar sein dürfen – wie die Menschen, denen wir viel verdanken, und dass Gott uns nicht nur mit Nahrung speist, sondern uns überhaupt seinen Segen zukommen lässt und uns begleitet. Das ist eine ganze Menge, wofür wir danken sollten, nein besser: aus vollem Herzen danke sagen dürfen und können, und es heute auch tun: Dir, Gott, sei Dank für all deinen Segen.

Neben diesem Brieftext findet sich hier noch ein Zitat von Francis Bacon, einem englischen Philosophen und Staatsmann, abgebildet mit Zylinder und der im 16.Jhd. üblichen Halskrause:

Francis Bacon
Bildrechte: Wikipedia

 

Nicht die Glücklichen
sind dankbar, 
es sind die Dankbaren,
die glücklich sind.

Das ist etwas zum Nachdenken, und ich finde, oft hat Francis Bacon schon recht: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“. Manch einer hat soviel Geld und Gut, und ist doch dabei nicht glücklich, weil er vielleicht die fasche Lebenshaltung und Lebenseinstellung hat. Wer aber dankbar ist, und sei es auch einmal für kleine Dinge wie dem Gesang des Vogels im Garten oder wenn einen ein Mensch anlächelt, was in Maskenzeiten selten zu sehen ist, wer dankbar ist, bei dem wirkt sich das auf den inneren Menschen aus, der ist ausgeglichener und glücklich.

Dankbar sein, das ist nicht  nur etwas für den Erntedanksonntag, dankbar sein, das kann eine Lebenshaltung sein und werden.

Jesus Christus hatte diese Lebenshaltung. Immer wieder wird erzählt, wie er seinem Gott dankt. Und wie er sich bei Gott geborgen weiß, im Wissen darum, dass der es ist, der ihn im Leben trägt.

Auch in der Begebenheit, die dem Erntedanktag als Evangelium zugeordnet wurde, dankt Jesus, auch wenn man das fast überliest bei dem Wunderhaften, das da erzählt wird.

Eine große Menschenmenge war zu Jesus hinaus an einen einsamen Wüstenort gekommen. Warum? Wohl deshalb, weil sie gespürt haben: das, was er uns zu sagen hat, das ist für unsere Seele genau so wichtig wie für den Körper das tägliche Brot. „Brot des Lebens“, so nennt sich Jesus sogar selbst einmal. Schon drei Tage lang sind viele Menschen in seiner Nähe, können nicht von ihm loskommen, so sehr tut ihnen das gut, was Jesus zu sagen hat.

Da staune ich. Und ich frage mich: Wieviel Zeit nehme ich mir denn für Gott? Für das Gespräch mit ihm beim Beten? Für das, was er mir zu sagen hat, in dem ich die Bibel lese? Für den Gottesdienst? Jede geistliche Auszeit, und sei sie noch so klein, wirkt sich qualitativ aus auf die kommende Lebenszeit.

Drei Tage sind sie schon bei Jesus. Klar: Irgendwann gehen die mitgebrachten Vorräte zur Neige. Brot für die Seele ist dann eben doch nicht alles, jetzt ist echtes Brot notwendig. Und Jesus, der sieht nicht nur die geistigen und geistlichen Bedürfnisse, er merkt auch, dass nun der Körper sein Recht fordert: „Mich jammert, dass sie nichts zu essen haben“.

Da halte ich wieder inne: Jesus jammert die Not der anderen. Jammert es mich auch, wenn ich im Fernsehen die Bilder der Hungernden sehe, sofern sie überhaupt noch gezeigt werden? Oder sind wir abgestumpft nach dem Motto: Ich kanns ja eh nicht ändern, und wir nehmens emotionslos hin. „Mich jammert das Volk“, sagt unser Herr.

Die Jünger Jesu sind ratlos: „Wie kann sie hier jemand in der Wüste sättigen?“. Jesus agiert wie ein Manager: Bestandsanalyse: „Wieviel Brote habt ihr?“. Sieben Brote sind es, die die Zwölf noch in ihren Vorratsbeuteln haben.

Für Jesus ist ganz klar: Die sind nicht nur für uns Dreizehn, die teilen wir mit allen, die da sind. Und so kommt jetzt für mich der entscheidende, der wichtigste Satz dieser Geschichte, viel wichtiger als das anschließende Wunder, dass alle satt werden.

Und er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus.

Und mit den zwei Fischen, die jetzt noch in irgend einem Beutel auftuchen, tut ers genauso: Er dankte zuerst, und dann ließ er auch diese austeilen.

Das Allererste, was Jesus tut: Er dankt! Für die 5 Brote, und dann für die zwei Fische. Dieses Danken, das steht für mich heute im Zentrum. Danken für das, was da ist. Ob es viel oder wenig scheint.

In manchen Familien ist das Tischgebet eine gute Tradition: Für einen kurzen Moment vor dem Essen nochmal innehalten, sich bewusst machen, dass alles, was wir haben, ein Geschenk ist, und Danke sagen. Beim Tischgebet nimmt man sich in der Familie als kleine Gemeinschaft wahr, und wir verbinden uns mit Gott. Als Eltern vergisst man das Tischgebet schonmal bei all dem Vorbereiten, servieren und Kindern das Essen geben. Aber unsere beiden Jungs, die erinnern uns dran, egal ob Frühstück, Mittagessen, Kaffeetrinken oder Abendessen: „Wir müssen noch beten“. Nicht müssen, aber dürfen und können. Liebe Gemeinde, falls bei ihnen das Tischgebet keine Tradition ist: Vielleicht beginnen sie einfach eine neue Tradition und fangen einmal damit an. Der dankbare Blick auf die Nahrung ist ein  segensreiches Geschenk, und nicht vergessen: Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.

Ein zweites tut Jesus nach dem Danken: Er gab die Brote und die Fische seinen Jüngern, damit sie sie austeilten. Und das ist der zweite zentrale Moment dieser Begebenheit: Austeilen, teilen. Für Jesus ganz selbstverständlich. Für manche Kinder ganz selbstverständlich, die ihre Spielzeuge und Süßigkeiten gerne teilen. Auch für manch einen Erwachsenen selbstverständlich.

In der Geschichte reicht das Geteilte für alle. Hat Gott das Brot wundersam vermehrt? Oder haben die Leute auch ihre letzten Vorräte rausgekramt, die sie zurückgehalten haben, und haben diese dem Vorbild Jesu folgend geteilt - für eine letzte gemeinsame Mahlzeit, bevor es wieder nach Hause geht?

Es hat jedenfalls gereicht, und alle haben sie erkannt: Jesus, Gott ist einer, der für uns sorgt. So, dass es reicht.

Ich blicke noch einmal in die Welt, in die Hungersnöte und die Regionen, in denen Wasser ein knappes und kostbares Gut ist. Hier reichts eben nicht. Haben wir nicht gerade gehört: Gott sorgt für uns? Was aber ist mit den Millionen von Menschen, denen es nicht reicht?

Wenn ich rechnen würde, käme bestimmt folgendes heraus: Alle Lebensmittel auf der Erde zusammengenommen würden reichen, damit niemand hungern bzw an Unterernährung sterben müsste. Was ist also zu tun? Ganz einfach: dem Beispiel Jesu folgen und teilen.

Klar, so einfach ist das dann doch wieder nicht. Es gibt hier eine Lebensmittelüberproduktion, anderswo eine Unterproduktion. Alles hängt mit der Weltwirtschaftsordnung zusammen. Aber könnte ich hier nicht weniger herstellen, damit nicht soviel auf dem Müll landen muss? Oder weniger kaufen, damit ich selbst nichts wegschmeißen muss? Und könnten wir nicht gerechte Preise für all die Güter zahlen, die wir aus der Ferne einführen, so dass die Produzenten davon leben könnten? Gerechte Preise für Kaffee und Kakao, für die seltenen Erden aus Afrika, die für Computer und Smartphones benutzt werden? Und für vieles mehr…

Ja, es ist eine Systemfrage, es braucht politischen Willen. Und doch ist zugleich auch jeder von uns gefragt, kann mit seinen Kaufentscheidungen schon ab und an Einfluss nehmen. Teilen, das gehört für Jesus untrennbar zum Danken, und für uns Christinnen und Christen zu Erntedank. Ohne den Blick auf die Menschen in Not und ohne die Bereitschaft zu Teilen kann man nicht ernsthaft Erntedank feiern. Teilen auch, in dem ich meinen Geldbeutel aufmache und aus Dankbarkeit auch finanziell Projekte unterstütze, die sich den Kampf gegen den Hunger zum Ziel gesetzt haben. Wir werden dann die gleiche Erfahrung wie diejenigen machen, die damals dabei waren: Es reicht. Vielleicht haben wir selbst etwas weniger, vielleicht merken wir gar nicht, dass wir etwas abgegeben haben. Wenn wir teilen wird es weiterhin genug sein, und sogar etwas übrig bleiben.

Und er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie und gab sie seinen Jüngern. Diese Formulierung erinnert mich sehr ans Abendmahl, da werden fast die gleichen Worte verwendet.  Teilen ist ganz wichtig, und durchs Teilen von Brot und Kelch gewinnen wir Anteil aneinander und an Christus selbst. Von daher ist es schön und gut und richtig, dass wir gerade heute an Erntedank wieder am Tisch des Herrn zusammenkommen nach dieser langen Pause ohne Abendmahlsgottesdienste.

Liebe Gemeinde,

eingangs habe ich von den Briefen an meine Frau und mich erzählt, ihren habe ich vorgelesen. Die Kirche hat sich die Mühe gemacht, verschiedene Briefe zu entwerfen, wahrscheinlich, damit keine zwei Personen in einem Haushalt den gleichen Brief bekommen. Zum Abschluss der Predigt möchte ich gerne noch den an mich adressierten Brief vorlesen. Passend zu dem Zitat von Francis Bacon: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“.

„Ansichtssache“
Sehr geehrter Herr Mahler, manchmal geht es schon gleich nach dem Aufstehen los mit dem Ärger: Das Handy unauffindbar, der Kaffee kalt und alle Ampeln auf rot. Wie lästig. Aber ist das die einzig mögliche Sichtweise? Es kommt auf die Perspektive an. Darauf, wie wir auf die Erfahrungen blicken, die wir täglich machen. Da kann uns Vieles nerven - oder es eröffnen sich unverhoffte Möglichkeiten. Das Erntedankfest am 4. Oktober lädt ein, unser Leben aus dem Blickwinkel der Dankbarkeit zu betrachten. Das gilt in schwierigen Zeiten vielleicht sogar besonders. Probieren Sie es einmal aus! Manche Menschen und Dinge, über die wir uns eigentlich ärgern, erscheinen dann in einem anderen Licht. Das beigefügte Gebet möchte Ihnen dazu ein paar Anregungen geben.

Und dazu dieser Text (Idee: Der Andere Advent 2016, Verein Andere Zeiten Hamburg):

DANKBAR

Früh wach - Gelegenheit zum Nachdenken
Haus voller Unordnung - ein Dach über dem Kopf
Schon wieder Regen - gut für die Natur
Bus verpasst - geschenkte Zeit
Kollegen ständig am Telefon - Menschen um mich herum
Der tägliche Einkauf - Versorgung gesichert
Erschöpft ins Bett - ein Tag voller Leben

Amen

Und der Friede Gottes bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen