Gottesdienst in St. Johannis am Sonntag Exaudi - 24. Mai 2020

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St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Ein neuer Bund"

 

Predigttext: Jeremia 31,31-34:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloß, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: «Erkenne den HERRN», sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

 

Predigt:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

ab und an habe ich die Ehre, Ehepaare besuchen zu dürfen, die ein Ehejübiläum begehen: 50, 60, 65, ja sogar 70 Jahre ist es her, dass sie den Bund der Ehe geschlossen haben: Damals hatten sie  sich füreinander entschieden, dazu, miteinander durchs Leben zu gehen und Verantwortung füreinander zu übernehmen, in guten wie in schlechten Tagen. Und der Ehebund hat gehalten, manchmal auch durch Durststrecken hindurch. Ein Grund, Gott Lob und Dank zu sagen, und kräftig zu feiern.

Der „Bund der Ehe“, der „Bund fürs Leben“ – so pflegen wir zu sagen. Bund, d.h. man bindet sich aneinander. „Ehebund“ - auf diese Bezeichnung ist man wohl gekommen, weil ein anderer Bund für diesen Ehebund das Vorbild ist: nämlich der Bund zwischen Gott und Mensch. Jeremia spricht in unserem heutigen Predigttext von diesem Bund. Um diesen Bund geht es heute in unserem Gottesdienst, oder müsste man nicht vielleicht sogar besser von „Bünden“ reden? Denn immer wieder hat sich Gott doch mit einzelnen Menschen oder dem ganzen Volk verbündet. Ich möchte heute in der Predigt einen Weg durch die Bibel und damit die Geschichte des Gottesvolkes beschreiten, und dabei die wichtigsten dieser Bundesschlüsse zum Leuchten bringen.

1. Der Noahbund:

Der erste und bekannteste Bund ist wahrscheinlich der mit Noah: Angesichts der Bosheit auf der Welt hatte Gott eine furchtbare Strafe geschickt, die große Flut. Doch als die Wasser zurückgegangen waren, reute Gott sein Tun, und er versprach Noah: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen. Solange die Erde steht soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Und Gott segnete Noah und die Seinen. Er gab ihnen aber auch die sogenannten noachitischen Gebote mit auf den Weg: 
Verbot von Mord, Diebstahl, Götzenanbetung, Unzucht und Gotteslästerung. Auch das Verbot, das Fleisch eines noch lebenden Tieres zu essen.

Wir merken hier: Zwei Kennzeichen gehören zum Bund mit Gott: Gott schenkt einerseits Wohltaten, andererseits ist der Bund aber auch mit Pflichten verbunden. 

Der Bund mit Noah ist grundlegend für alle Welt und alles Leben: denn Gott spricht den Menschen, aber auch den Tieren, ein „unbedingtes Ja“ zu. Es ist seine feierliche Zusage, die einseitig von ihm ausgeht und für alles, was lebt, relevant ist. An diesen Bund erinnert der Regenbogen. Lasst uns immer, wenn wir ihn sehen, an Gottes „ja“ zu unserer Welt, an seinen Segen, den er in unsere Welt hineingibt und an seine Treue denken. Und ihm freudig danken.

2. Der Sinaibund:

Der wichtigste Bund für das Volk Israel ist der Bund vom Berg Sinai. Da hat Gott mit dem ganzen Volk einen Bund geschlossen. Und wieder besteht dieser Bund aus Wohltaten Gottes und aus Pflichten der Menschen: Ich habe euch aus der ägyptischen Sklaverei befreit, und werde euch in ein Land führen, in dem Milch und Honig fließen. Gott erweist sich hier als segnender und mitgehender Gott. Und andererseits die „Vertragsbedingungen“ für die Menschen: Diese 10 Gebote auf diesen beiden Steintafeln gebe ich euch, da haltet ihr euch dran, dann wird euer Leben gelingen. Diese beiden Steintafeln sind das Zeichen des Sinai-Bundes.

Interessant an den 10 Geboten ist ihr hebräischer Ursprungstext: Der lässt sich nicht nur mit „Du sollst nicht“ übersetzen, sondern auch mit. „Du wirst“. Weil Gott dir soviele Wohltaten erwiesen hat, wirst du so leben, wie es dem Plan Gottes entspricht. Du wirst …

Das ist auch ein Impuls für uns: Gott hat auch mir viel Gutes geschenkt. Dankbar und gerne möchte ich deshalb so sein, wie es gut und im Sinne Gottes ist…

3. Der neue Bund bei Jeremia:

Was ist aus dem Bund Gottes mit Israel geworden? An seine Gebote sollten sie sich halten, an die Grundregeln für das Leben - damit es gelingt und damit die Menschen sich nicht gegenseitig das Leben schwermachen. Doch immer wieder haben sie die Gebote übertreten, Gott aus den Augen verloren, Leid über andere gebracht.

Ich merke: Das Gottesvolk vor 3000 Jahren ist uns in manchem gar nicht so unähnlich. Die Erinnerung an Gottes Geschichte mit seinem Volk, aber auch mit uns selbst, ist eine Erinnerung an die Geschichte des empfangenen Segens, eine Geschichte, bei der Gott uns liebevoll an der Hand genommen hat. Sie ist aber auch eine Geschichte unseres Zurückbleibens hinter Gottes Erwartungen.

Wie reagiert Gott angesichts dessen, dass sein Volk den Bund mit Füßen tritt?

Wenn wir von Menschen enttäuscht werden, dann mögen wir oft nicht mehr. Wir brechen die Verbindung ab. „Dann eben nicht!“ Oder wir werfen unsere Aufgabe hin: „Macht eurer Zeug alleine!“.

Nein, eine neue Sintflut will Gott nicht mehr senden. Von Strafe oder von einer Aufkündigung des Bundes seinerseits spricht er nicht. 

Er beantwortet die Abwendung des Volkes nicht mit Abwendung, sondern mit noch größerer Zuwendung. Er beantwortet die Untreue nicht mit Untreue, sondern mit noch größerer Treue. Durch den Propheten Jeremja kündigt er an, was er vor hat, wir haben die Worte vorhin als Lesung gehört: Siehe, es kommt die Zeit, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.

Einen neuen Bund will er mit seinem Volk schließen, einen anderen, einen besseren Bund.

Was ist anders an diesem neuen Bund? Jeremja nennt drei Neuerungen:

    (1) Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Vergebung, Neuanfang. Ohne geht es nicht, weil wir es von uns aus nie schaffen, Gott und den anderen Menschen in allem gerecht zu werden. Dass Gott uns vergibt, dass er uns einen neuen Anfang schenkt, das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass es überhaupt weiterhin einen Bund geben kann. Vergebung, das wird oft wie eine Floskel einfach so dahingesagt. Dabei ist das ein so wertvolles Geschenk, ohne das Beziehungen zum Sterben verurteilt wären, erst recht unsere Beziehung zu Gott.

 

    (2) Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.

Das also ist sein Plan. So will Gott den Zustand der Welt verändern, all das Leid, das Menschen in Mißachtung seiner Gebote einander antun, überwinden. Wir merken erstaunt: Die menschliche Verpflichtung im Bund fällt weg. Der neue Bund ist eine einseitige Verpflichtung Gottes, er ist ein reines Geschenk an uns. Gott will sein Gesetz direkt in unser Herz schreiben, damit es unser Denken und Handeln bestimmt. Und dann verletzt keiner mehr den anderen. 

     (3) Sie sollen mich alle erkennen.

„Die Menschen sollen nicht mehr fragen: Meinst du wirklich, dass es ein höheres Wesen gibt? Oder: Wenn es einen Gott gäbe, wo soll er denn sein? Und: Wenn es der liebe Gott wäre, warum lässt er dann so viel Schreckliches zu? Alle sollen Gott begreifen können, durch alle Rätselfragen hindurch“ (Gotthard Preiser).

Einen neuen Bund kündigt der Prophet Jeremia an. Der Blick auf dieses Neue schenkt Hoffnung und Zuversicht.

4. Der neue Bund in Christus - Mein Bund mit Gott

Einen neuer Bund hat Jeremia angekündigt. Alles wird verwandelt werden. Zum Guten hin. „Es kommt die Zeit“, sagt der Prophet. Alles Zukunftsmusik? Ja, wann kommt sie denn, diese Zeit?

Ich behaupte: Es ist zwar vieles noch nicht so, wie Jeremja schreibt, aber der Neue Bund ist doch schon längst in Kraft, die Verwandlung hat begonnen.

Spricht nicht Jesus von diesem neuen Bund in Bezug auf sich selbst? Was hatte er an seinem letzten Abend gesagt, als er mit den Seinen Brot und Wein teilte?: Das ist mein Leib für Euch. Das ist das Blut des neuen Bundes - für euch vergossen zur Vergebung der Sünden.

Das Sterben Jesu zeigt uns, dass Gott schon das erste Kennzeichen dieses neuen Bundes wahrgemacht hat: die Vergebung unserer Schuld.

Das Neue hat begonnen, und Jesus hat uns ein Zeichen für diesen neuen Bund geschenkt: Unter dem Regenbogen des Noahbundes teilen wir Christinnen und Christen Brot und Wein.

Und was ist mit dem zweiten und dritten Kennzeichen des Bundes, von denen Jeremia spricht?

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben. Und: Sie sollen mich alle erkennen.

Als Jesus diese Welt betrat, da war plötzlich klar, wie der von Jeremia geschaute Mensch wohl sein müsste – mit Herz und Hirn verankert in Gottes gutem Willen. 

Und Jesus will die Menschen ins einen Bann oder besser: in den Bund Gottes ziehen. Anstecken will er uns mit seinem Weg der Liebe und des Gottvertrauens.

Wir stehen „vor dem Pfingstfest. Auch damals haben Menschen unterschiedlichster Coleur am eigenen Leib die umgestaltende Kraft Gottes erfahren. Wo der Geist Gottes Mensch ergreift, wo sich Gottes Wille in das Herz und die Gedanken der Menschen schreibt, geschieht Veränderung“ (Birgit Aschoff).

 „Sicherlich machen wir auch noch viele Fehler. Aber auch wenn wir es selber vielleicht gar nicht so deutlich wahrnehmen verändert sich unser Leben immer mehr in die richtige Richtung. Dies geschieht weil Gott mit seinem Geist in uns wirkt.“ (Daniel Paulus)

Liebe Gemeinde: Gott hat einen neuen Bund aufgerichtet!

Er hat sich neu mit den Menschen verbündet. Auch mit uns. Und dieser Bund mit Gott, der wird für jeden Menschen persönlich in einem ganz besonderen Ereignis geschlossen: in der Taufe.

Vor vielen Jahren bzw. Jahrzehnten, da hielten uns unsere Eltern und Paten über den Taufstein. Vielleicht hier in dieser Kirche an diesem Taufstein oder anderswo. Der Pfarrer hat dreimal Wasser über unseren Kopf gegossen. Und er hat uns den Segen Gottes zugesprochen. In unserer Taufe hat Gott sich mit uns untrennbar verbunden. Die Taufe ist etwas ganz Besonderes und Wertvolles.

Unsere Taufe ist mittlerweile schon lange her, und so frage ich: Was ist draus geworden? Aus dem Bund, den Gott mit mir geschlossen hat?

Schauen wir zuerst auf die Seite unseres Bündnispartners, auf die Seite Gottes: Wie war das in diesen vielen Jahren mit seinem Segen? Haben wir ihn gespürt, weil er uns eine Familie geschenkt hat, eine eigenes Heim, Urlaube, Menschen, bei denen wir uns geborgen fühlen? Einen Sinn in unserem Leben? Hat er uns im Schweren getragen, Kraft gegeben, aus dem Dunkel wieder rauszukommen? Ich hoffe es! Und ich hoffe, dass wir immer einmal wieder Gott Danke sagen für all seine Wohltaten.

Gott sagt: „Ich habe mich mit dir verbündet, bin dir treu gewesen.“ Und wir?

Was sehen wir, wenn wir auf unseren Glaubensweg zurückblicken? Wie ist das in meinem Leben mit Gott bisher gewesen? 

Habe ich im Laufe meines Lebens entdeckt, wie gut der Kontakt zu Gott tut? Ist der Kontakt zu ihm irgendwie auch mal eingeschlafen, weil das Leben so viel Verschiedenes mit sich brachte? Hatte ich durch leidvolle Erfahrungen meinen Glauben, meinen Gott zeitweise verloren? Bin ich jeden Tag mit Gott in Kontakt, oder nur in Nöten?

Jeder von uns hat seine eigene Glaubensgeschichte, die das Leben schrieb. Und das Leben schreibt sie weiter, unsere Glaubensgeschichte. Und wir schreiben entscheidend mit! Und dazu gehört auch, wie wir miteinander umgehen, wie wir aus der Liebe Gottes leben.

Liebe Gemeinde,

heute wurden wir an die Geschichte Israels mit Gott durch die Zeiten hindurch erinnert. „Wir werden aber auch erinnert an eine lange Geschichte der Güte Gottes mit uns selbst. Und diese soll weitergehen. Mit jedem von uns.“ (Preißer).

Gott ist uns treu. Damit können wir getrost nach vorne in die Zukunft blicken: Er will mit uns sein. Und wir sollen sein Volk sein. Bis einmal alle Welt ganz bei ihm ist, und sich die Verheißungen Jeremias gänzlich erfüllen, und er alles neu macht. Da wollen wir doch dabei sein. Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.