Andachtspredigt für den 2. Sonntag nach Ostern - Miserikordias Domini (Hirtensonntag) am 26. April 2020

 

St. Johannis

Auflage in der Kirche, Veröffentlichung in der Homepage

Predigt:

Diplom-Religionspädagogin Gabriele Hantke

Der 2. Sonntag nach Ostern wird auch der „Hirtensonntag“ genannt. Traditionell drehen sich alle Lesungen um das Thema „Hirte und Herde“: Gott als der gute Hirte, aber auch Menschen, die Gott zum Hirtenamt berufen und ihnen Verantwortung übergeben hat.

Der Psalm, der diesen Sonntag begleitet, ist der wohl bekannteste der 150 Psalmen, der Ps 23:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Viele kennen diesen Psalm als Lied/Gebet der Bibel von Kindesbeinen an auswendig. Es begleitet sie oft durch ihr ganzes Leben. Wir finden uns fast immer an irgendeiner Stelle wieder.

Meine Schulkinder lieben den Psalm mit seinem ganzen Reichtum an Bildern. Wir gestalten diesen Psalm auch immer mit Figuren nach, und ich fotografiere die Ergebnisse; daher stammen auch die Bilder.

Im Moment ist vielen von uns vielleicht das Bild vom dunklen Tal besonders nahe.

Ja, viele von uns gehen zur Zeit durch ein dunkles Tal:

Die, die krank geworden sind mit COVID 19, teilweise auch schwer, die, die um einen Angehörigen bangen müssen oder gar einen verloren haben und nun aufgrund der Bestimmungen nicht einmal richtig trauern können, die, die die Gottesdienste, das Gemeindeleben, das Zusammensein mit Familie und Freunden schmerzlich vermissen, die Brautpaare, denen das Virus einen dicken Strich durch ihre Heiratspläne gemacht hat, wir alle, deren Leben durch die vielen Beschränkungen durcheinander gewirbelt wurde, die Familien, die unter Schwierigkeiten ihren Alltag neu organisieren müssen und sich teilweise erheblich gegenseitig auf die Nerven gehen, die Alleinstehenden, die durch die Kontaktbeschränkungen unter Einsamkeit leiden, viele, die um ihr finanzielles Auskommen, um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten, die in den medizinischen und pflegerischen Berufen und die, die die Versorgung der Bevölkerung in Läden und im Transport gewährleisten und inzwischen teilweise völlig überarbeitet sind, die Kinder, die nicht verstehen, warum sie nicht mal Oma und Opa besuchen und mit Freunden spielen dürfen,…

Ja, das dunkle Tal steht uns deutlich vor Augen. Und in Zeiten der extremen Einschränkung der Religionsfreiheit, so nachvollziehbar die Gottesdienstverbote auch sein mögen, ist ein fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich nicht immer gleich spürbar.

Und doch – ER ist da, gerade auch in diesem dunklen Tal!

So, wie ER auch da war, als es uns gut ging, als wir Urlaub machen konnten, wo wir wollten, als es uns weder an Mehl, Toilettenpapier noch an sozialen Begegnungsmöglichkeiten mangelte und es uns leichter fiel, an den guten Hirten zu glauben.

Und ER wird bei uns sein, wenn ER uns – schrittweise und wahrscheinlich langsamer, als wir es uns wünschen – durch das Tal hindurch auf die nächste grüne Weide führen wird, wenn ER unsere Seele erquicken und erfrischen will und wird, weil wir wieder frei durchatmen können.

Dass das so ist, daran erinnert uns König David in seinem Psalm, wenn er das besingt und uns an all das Gute denken lässt, dass uns durch Gott schon widerfahren ist:

An den gedeckten Tisch, den Überfluss, in dem wir leben durften (und es vergleichsweise immer noch tun), daran, dass wir auch jetzt, vielleicht auch durch die Hilfe und Solidarität vieler Nachbarn, versorgt werden, wenn sie z. B. für uns einkaufen.

An all die Zeiten, in denen ER uns beschützt und bewahrt hat im Angesicht meiner Feinde.

Daran, wie oft ER uns auf rechter Straße geführt hat, uns Weg-Weisungen für unser Leben gegeben oder uns vergeben und auf den rechten Weg zurückgeführt hat.

Daran, dass ER uns nicht fallen lässt, sondern wir immerdar im Hause des Herrn bleiben werden, wie ER es uns in der Taufe versprochen hat.

Deshalb dürfen wir auch jetzt darauf vertrauen:

Gott ist mein, dein, unser guter Hirte, der uns durch das dunkle Tal geleiten und begleiten will und wird, der an unserer Seit sein und bleiben wird, der uns trösten und helfen wird, wenn es uns im dunklen Tal bang oder einsam wird, wenn wir tief traurig sind.

Das glaube ich fest!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Übrigens:

Vielleicht, statt 2x ‚Happy Birthday‘ dabei zu singen, beten Sie ja mal den Ps 23, während Sie sich lange die Hände waschen, und erinnern und wenden sich so an den, der der wahre gute Hirte ist?

Seien sie behütet! Gabriele Hantke