Gottesdienst in Oberwohlsbach und St. Johannis am 6. März 2022 - Invocavit

Diakon Günter Neidhardt
Bildrechte W. Fritze

 

Predigt:

Diakon Günter Neidhardt

"Ich habe meinen Sohn zum Krieger nicht erzogen"

(I didn't raise my boy to be a soldier)

Bibeltext: Math. 5, 1-10

Die Seligpreisungen: Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg. Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Kanzelgruß

Liebe Schwestern liebe Brüder,

es treibt mich um, es treibt uns alle um. Der russische Präsident hat seinen Truppen befohlen gegen die Ukraine einen Eroberungskrieg zu beginnen. Ich halte mich deshalb heute nicht an den vorgeschlagenen Predigttext, weil ich nicht einfach schulterzuckend zur Tagesordnung übergehen möchte.

Und ich beginne deshalb mit einem anderen kurzen Text:
„Ich habe meinen Sohn zum Krieger nicht erzogen, ich zog ihn auf als Stolz und Freude meiner alten Tage. Wer wagt es, ihm die Waffe in die Hand zu drücken, damit er einer anderen Mutter teures Kind erschießt? Es ist die höchste Zeit, die Waffen fortzuwerfen. Es könnte niemals einen Krieg mehr geben, wenn alle Mütter in die Welt es schreien würden: Ich habe meinen Sohn zum Krieger nicht erzogen!“

Originaltext (Einfügung durch die Redaktion):

Millionen Soldaten sind in den Krieg gezogen
und kommen vielleicht nie zurück,
Millionen Mütterherzen brechen
vor Kummer um die umsonst Gestorbenen.
Den Kopf gramgebeugt,
zur Einsamkeit verdammt,
hörte ich das Flehen einer weinenden Mutter:

(Refrain)
Ich habe meinen Sohn zum Krieger nicht erzogen,
ich zog ihn auf als Stolz und Freude meiner alte Tage.
Wer wagt es, ihm die Waffen in die Hand zu drücken,
damit er einer anderen Mutter teures Kind erschießt?

Die Nationen müssen ihre Probleme friedlich regeln.
Es ist die höchste Zeit, die Waffen fortzuwerfen!
Es könnte niemals einen Krieg mehr geben,
wenn alle Mütter in die Welt es schreien würden:
Ich habe meinen Sohn zum Soldaten nicht erzogen!

Welcher Sieg könnte das Herz einer Mutter erfreuen,
wenn sie auf ihr zerstörtes Haus schaut?
Welcher Sieg könnte ihr zurückbringen,
was einst ihr eigen war?
Laßt künftig jede Mutter antworten:
Denkt daran, daß mein Junge zu mir gehört.

(Refrain)
Ich habe meinen Sohn zum Krieger nicht erzogen …

Liebe Gemeinde, am 23. Februar 1915 also mitten im 1. Weltkrieg, erschien in einer österreichischen Zeitung dieser kurze Text, der in den USA zu dieser Zeit als Refrain eines Liedes sehr bekannt war.

In der Nacht vom 23. Februar auf den 24. Februar 2022, auf den Tag genau nach 107 Jahren begann der Angriffskrieg gegen die Ukraine. Was für ein Zufall!?

Seit den beiden großen Weltkriegen gab es keinen Tag, an dem nicht an irgendeinem Ort der Welt ein Krieg geführt worden wäre. Menschen wird das Recht auf Leben abgesprochen, auf Freiheit, auf Selbstverwirklichung und auf ein Streben nach Glück. Dies aber sind heilige und unveräußerliche Rechte jedes Menschen. So wurde es  schon 1776 in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten formuliert wurde.

Der Einmarsch in die Ukraine macht viele von uns ungleich mehr betroffen als alle anderen Kriegshandlungen auf der Welt. Vielleicht aufgrund der räumlichen Nähe zu uns. Vielleicht aber auch, vielleicht weil Menschen die in der Ukraine oder auch in Russland geboren sind hier unter uns Leben, als Nachbarn als Freunde, als Kollegen. Lasst mich darum auch sagen: Es sind nicht die (einfachen) Menschen eines Landes, weder Russen Ukrainer, die Söhne und Töchter der Mütter und Väter überall auf der Welt,  die die Kriegstreiber sind. Es sind die, die kaltblütig und gezielt über Jahre diesen Krieg vorbereitet haben. Soll ich sagen es sind nicht die, sondern der, eine einzelne Person, die Mord und Leid kaltherzig geplant und vorbereitet hat.

Natürlich unterstützt von einem Apparat der über viele Jahre so umgestaltet wurde, dass dies möglich wird.

Vielleicht macht es uns so betroffen, weil alles was wir für verbindlich gehalten haben in einer Nacht vom Tisch gefegt wurde. Friede, Freiheit, Sicherheit,...

Vielleicht auch, weil wir sehen wie zerbrechlich die Welt ist, die wir um uns herum erleben.

In den letzten Tagen höre ich oft, dass Menschen zum Ausdruck bringen, dass Sie sich sprachlos, machtlos oder hilflos fühlen.

Und ich kann das gut nachvollziehen. Ja, wir mögen machtlos sein, aber wir müssen nicht tatenlos bleiben.

Da wird zu Menschenketten aufgerufen und zu Kundgebungen der Solidarität.

Arbeitskreise werden gebildet, um in den Gemeinden zu überlegen, was getan werden kann, auch in unserer Gemeinde. Menschen bereiten leerstehende Häuser und Wohnungen für Geflüchtete vor, unzählige Briefe werden an die Mächtigen geschrieben, damit sie sich für Frieden einsetzen, an Arbeitskolleg*innen mit ukrainischen Wurzeln wird gedacht und sich um sie gesorgt und vieles mehr.

Ja, wir mögen sprachlos sein, aber wir haben eine Stimme, die sich an vielen Stellen bereits erhebt. Da werden seitens unserer Kirchenleitun Botschaften an die orthodoxe Kirche in Russland formuliert, damit sie ihren Einfluss geltend macht,

da werden Lieder geschrieben und angestimmt, die gegen den Krieg anklingen sollen von Menschen die wissen, dass kein Wort und kein Klang in dieser Welt ohne Wirkung ist.

Ja, wir mögen hilflos sein, aber wir vertrauen auf die Hilfe dessen, der Himmel und Erde geschaffen hat. Dem wir unsere Herzen öffnen, damit von dort der Friede in die Welt geht. Seit jeher läuten täglich um 12 Jahr unsere Kirchenglocken. Das Mittagläuten mahnt uns zum Frieden und bittet um Frieden.

Besinnen wir uns doch wieder dieser alten Tradition um auf der Höhe des Tages wieder für einen Augenblick in die Stille zu halten. Für den Frieden zu beten.

Friedensgebete finden in den Kirchen und auf den Straßen statt. Kerzen werden angezündet und sollen das zum Ausdruck bringen wofür es eigentlich keine Worte gibt.

Es stimmt, das alles mag nur Symbolcharakter haben – aber für mich steht hinter jeder Handlung ein Mensch, der angerührt ist von dem was geschieht. Ein Mensch, der spürt, dass da draußen etwas un-menschliches geschieht.  Dabei vergessen wir nicht die vielen anderen Konflikt und das Kriegsgeschehen auch in vielen anderen Teilen unserer Welt.

Ich wünsche mir, dass wir alle uns dieses sensible Herz bewahren, nicht nur für die Menschen, die in der Ukraine leiden, sondern für alle Menschen, die Leid erfahren.

Das macht uns zu Menschen.

Albert Schweizer hat das einmal so formuliert: „Wenn wir aus unserem Eigensinn heraustreten, die Fremdheit den anderen Wesen gegenüber ablegen und alles was sich von ihrem Erleben um uns herum abspielt, miterleben und miterleiden – in dieser Eigenschaft erst sind wir wahrhaft Menschen.“

Der Friede Gottes, der unser aller Begreifen übersteigt, bewahre unsere Herzen und unsere Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus. Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige, der Vater der Sohn und der Heilige Geist. AMEN

Fürbitten:

L: Lasst uns zu Gott beten, der alles Leben schenkt und erhält:

L: Wir beten zu Gott
für die Verantwortlichen in den zum Krieg bereiten Ländern,
Schenke ihnen Einsicht und Bereitschaft, aufeinander zuzugehen in gegenseitiger Achtung.
Hilf zu fairen Verhandlungen, damit sich Wege zu Frieden und Freiheit öffnen.

Wir rufen zu Gott:

G: Wir bitten dich, erhöre uns

L: Wir beten zu Gott
für die unschuldigen Opfer aller Kriege,
für die, die zwischen die Fronten geraten,
die Heimat und Geborgenheit verlieren,
für die Flüchtenden, die Hungernden, die Kinder, Frauen und alten Menschen,
die ohnmächtig dem Krieg ausgesetzt sind.

Wir rufen zu Gott: …

G: Wir bitten dich, erhöre uns

L: Wir beten zu Gott
für alle Menschen, die in Konfliktsituationen stehen,
dass er Herzen öffnet und Denken klärt,
dass die Spirale der Gewalt durchbrochen wird,
dass fanatisierte Menschen sich neu orientieren können
und jedes Menschenleben wertgeschätzt wird.

Wir rufen zu Gott: …

G: Wir bitten dich, erhöre uns

L: Wir beten zu Gott
für alle, die für Nachrichten und Wertungen,
für Bilder und Worte in den Medien verantwortlich sind,
dass sich die Wahrheit durchsetzt gegen Angstmacherei und Sensationslust.

Wir rufen zu Gott: …

G: Wir bitten dich, erhöre uns

L: Wir beten zu Gott
für uns selbst
um Einsicht in die Zusammenhänge,
dass wir mitwirken können an geeigneten Lösungen zum Frieden,
dass wir Zeichen setzen können für diejenigen,
die in der Verantwortung für Entscheidungen stehen.

Wir rufen zu Gott: …

G: Wir bitten dich, erhöre uns

L: Wir beten zu Gott
für alle Menschen, die von Angst und Sorge erfüllt sind,
dass dein Frieden sich bei allem Menschen ausbreite,
dein Friede, der alles Denken und Fühlen übersteigt.

[Stille]

Wir rufen zu Gott: …

G: Wir bitten dich, erhöre uns

L: Gott, wir vertrauen dir uns an,
uns und alle Menschen.

Dir sei Ehre in Ewigkeit. AMEN