Gottesdienst am 8. Sonntag nach Trinitatis in St. Johannis mit Diakon Günter Neidhardt - 07.08.2022

 

 

Predigt:

Gott spricht:
"Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig"

Liebe Gemeinde,

viele / einige von Euch werden es kennen. Das Märchen vom Sterntaler.

Ein armes, kleines Mädchen, dem nichts weiter geblieben war, als die Kleider, die es trug und ein kleines Stückchen Brot, das ihr jemand geschenkt hatte, der Mitleid mit ihr hatte, macht sich auf den Weg. Wohin, erfährt man als Leser nicht - es ist aber für die eigentliche Geschichte auchunwichtig. Unterwegs begegnen dem Mädchen fünf verschiedene Menschen - ein Mann, derHunger hat und vier Kinder, die alle unterschiedlich viel anhaben und alle vier frieren. DasMädchen hat ein so großes Herz, dass es erst ihr Brot und dann nach und nach alle seineeigenen Kleider weggibt - bis es ganz allein nackt mitten im dunklen Wald steht.

In dieser eigentlich sehr prekären Situation fallen plötzlich Sterne vom Himmel, die zu Talernwerden und das Mädchen hat mit einem Mal wieder Kleidung an, aus dem allerfeinsten Stoff,den es sich nur vorstellen konnte. Sie sammelt die Taler ein und hat für den Rest ihres Lebenskeine - finanziellen - Sorgen mehr.

Was für ein schöner Traum was für ein schönes Märchen… und die Moral von der Geschichte?  Und wenn sie nicht gestorben sind…?

Bisschen Holzhammermoral: Tue Gutes dann wirst du belohnt, finde ich.

Warum ich dieses Märchen erzähle? Na, hört mal den Predigttext aus Markus 12, 41 – 44. Da wird auch etwas vom sprichwörtlich letzten Hemd erzählt:

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Schauen wir etwas genauer hin:

Jesus sitzt irgendwo auf dem Hof vor dem Eingangsbereich des Tempels und beobachtet die Leute. Es kommt mir ein bisschen so vor, wie wenn wir in einem Straßenkaffee sitzen und die Leute die da vorbeikommen zu beobachten. Vielleicht kommentieren.

Viel los war da, vor dem Tempel. Händler die Lautstark und aufdringlich ihre Ware verkaufen möchten. Es wir gefeilscht und gehandelt, Kinder schreien, es riecht etwas streng. Die Atmosphäre eines orientalischen Bazars.

Da sitzt also Jesus und schaut dem Treiben zu. Vielleicht will er einfach mal nur schauen, nicht predigen, nicht im Mittelpunkt stehen, nicht selber bedrängt werden. So war es ja, während und nach seinem Einzug in Jerusalem, auf dem Weg zum Kreuz, wie wir wissen. Eben hatten die Menschen ihm noch zugejubelt, die klugen Theologen hatten knifflige Frage, die zu antworten waren. „Muss man dem Kaiser Steuern zahlen? Was ist das höchste Gebot? Wie ist das mit der Auferstehung.“

Jetzt mal nur so dasitzen im Wissen: Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. In wenigen Stunden werde ich meine Jünger zurücklassen, ohne mich. Habe ich denn schon alles Wichtige vermittelt? Kommen die klar, ohne mich. Verbreiten sie mein Evangelium weiter, so wie ich es verstehe und versucht habe zu leben.

Ich kann mich da schon reindenken.

Jesus schaut auf den Opferkasten, also die Schatzkammer des Tempels.   Dort standen mehrere Opferkästen. Jesus schaut zu, wie sich die Geber und Geberinnen verhalten. Viele Wohlhabende legen größere Summen ein. Dann nähert sich eine Frau einem der Opferkästen. Sie ist Witwe, das bedeutete in der Regel: Mittellos, rechtlos, auf Almosen angewiesen. Jesus sieht das an ihrer Kleidung. Sie ist arm. Sie legt nur ganz wenig ein: Zwei Scherflein. Ihre Gabe ist kaum der Rede wert. 50 Cent, 1 Euro? Sowas in der Gegend. Nicht viel.

Jesus hat die Frau genau beobachtet, sie fällt ihm auf. Wohl Niemand sonst beachtet sie. Und Jesus ist es so wichtig, dass er seine Jünger zusammenruft um noch etwas ganz Wichtiges zu vermitteln. Viele Zeit ist ja nicht mehr. Dann müssen die Jünger alleine klarkommen.  

Und das heißt ja im logischen Fortgang auch: Damit müssen wir hier, heute auch alleine klarkommen. Seit 2000 Jahren müssen wir uns damit befassen. Was ist Gottes Wille, was bedeuten Jesu Worte und Taten für uns, heute, jetzt, hier? Und wer sind denn die „armen Witwen“, die ihr letztes Hemd geben. Und was sind denn die Großspender. Ok, Machen wir uns nichts vor.

Auch wir hier möchten / müssen unsere Orgel renovieren und das ist teuer und da sind Spenden notwendig. Und ja, auch das müssen wir wahrnehmen. Es gab damals und es gibt heute reiche Gemeindeglieder und arme Gemeindeglieder. Wobei ich arm und reich nicht nur auf verfügbare Finanzen beschränken möchte. Es gibt einen Reichtum an Chancen und eine Armut an der Möglichkeit eigenes Potential einzubringen. Behütetes aufwachsen in einer intakten Familie und Kinder aus zerrütteten Verhältnissen. Gemeinschaft und Einsamkeit. Krankheit und Gesundheit. Streit und Harmonie. Sprachbarrieren und Fluchterfahrungen und vieles mehr. „Armut“ hat viele Gesichter, nicht nur finanzielle Aspekte.

Jesus ruft seine Jünger extra zusammen, weil er um diese Ungleichheit weiß. Und das ist wichtig: Weil der Gefahr zu widerstehen ist, dass wir, also die Kirche, mehr Augenmerk auf die geldigen, gesunden, engagierten, frommen, unkritischen, braven Gemeindeglieder richten und die ärmeren, kranken, kaum engagierten, kritischen, … Karteileichen sagen oft mal despektierlich, dabei vernachlässigen.

Die Vorstellung: „Die bringen ja nichts“ ist Jesus vollkommen fremd. Das muss er den Jüngern unbedingt noch sagen: Behaltet die Witwen und Waisen im Blick und heißt sie genauso willkommen wie die Reichen und Schönen.

Apropos reich und schön: Diesen Einschub, wenn wir schon über Geld und so reden, möchte ich schon noch machen.

Es gibt ja Zeitgenossen, die sich aus ihrem finanziellen Engagement für die Kirche persönliche Vorteile, zumindest lobende Erwähnung, erwarten. Also die Goldtaler die vom Himmel regnen sollten. Da sagt Jesus: Nein, die rechte Hand soll gar nicht wissen was die linke Hand tut.

Und dann gibt es noch die, die zwar aus der Kirche ausgetreten sind, aber doch ganz gerne, vielleicht auch gegen eine großzügige Spende, kirchliche Dienstleistungen, wie die Nutzung einer Kirche und einer Pastorin für eine Hochzeitsfeier nutzen. Ja, da kann man streiten. Segen verweigern kann man eigentlich nicht. Aber käuflich ist ein Segen auch nicht, nie.

Ich komme zum Schluss: Die arme Witwe gehörte zu den Schwachen ihres Volkes. Aber bemitleidet werden wollte sie auch nicht. Sie wollte, mit ihren Mitteln dazu beitragen, dass die Priester Ihren Dienst verrichten, das die Gottesdienste stattfinden können. Es geht darum, dass die Kirche ihren Auftrag erfüllt:  Die Verkündigung / die Kommunikation des Evangeliums in Wort und Tat. Und dabei vergessen wir nicht: So spricht Gott: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

AMEN