Gottesdienste in Oberwohlsbach und St. Johannis am 14. Sonntag nach Trinitatis - 02.09.2018

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OWB, St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Paulus freut sich"

Predigttext: 1. Thess 1,2-10

Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserm Gebet und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus. Liebe Brüder, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid; denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Gewissheit. Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen. Und ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist, sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja. Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir es nicht nötig haben, etwas darüber zu sagen. Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet. 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. 

Liebe Gemeinde, 

„Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserem Gebet“, so beginnt Paulus seinen Brief. Wertschätzend, fröhlich, geistlich.

1. 

Eines fällt mir daran auf: Dieser Brief richtet sich nicht an einzelne Personen, sondern Paulus schreibt an die Gemeinde als Ganze. Und er schreibt über die Gemeinde. Und das tut er in den meisten seiner Briefe. 

Das ist ein Unterschied zu den meisten Predigten heute: Oft sprechen wir Pfarrer über den einzelnen Christen: über den Menschen mit seinen Freuden, Sorgen und Nöten, und wir wollen zur Sprache bringen, wie das Evangelium sich heilsam auswirkt, Kraft schenkt und neue Perspektiven eröffnet. Paulus dagegen schreibt meist über die Gemeinde: Er stellt die Gemeinde als Ganzes unter das Wort Gottes, schreibt oft vom Zusammenleben in der Gemeinde und von ihrem Dienst. 

Da hat sich im Laufe der Jahrhunderte die Perspektive verschoben: Früher dachte man von der Gemeinschaft her, in der ein Mensch lebt: in der Familie, in der Gemeinde, im Land. Erst im 17.Jhd. kam der Individualismus auf, in dessen Folge sich das umgekehrt hat: Da steht der einzelne Mensch im Mittelpunkt. 

Selbst bis in unser Gesangbuch hinein zeigt sich diese Verschiebung vom Kollektiv zum Individuum: ich war auf der Suche nach Liedern, die von der Gemeinschaft in der Gemeinde handeln, über den Auftrag und Dienst der Gemeinde, aber dazu gibt es fast kein Liedgut: Fast all unsere Lieder haben die persönliche Beziehung zu Gott zum Thema bzw. was Gott dem Einzelnen Gutes tut. 

In osteuropäischen Ländern und im Orient ist das z.T. ein bisschen anders: da reichen oft die finanziellen Mittel oder die politischen Freiheiten nicht zu einem Individualismus wie wir ihn kennen. Da identifizieren sich Menschen noch eher mit der Gemeinschaft, freuen sich an ihrem starken Präsidenten und denken: Durch die Zugehörigkeit zu diesem Volk, zu diesem Präsidenten bin ich wer. 

Wir dagegen wissen, dass wir an sich schon wer sind. Individuelle Menschen, von Gott geliebt, durch die Taufe ihm zugehörig. Das fängt schon bei den Kleinen im Kindergarten an, die selbstbewusst ihre Interessen vertreten. 

Ich denke, beides ist nötig: ein starkes Individuum und eine starke Gemeinschaft. Nur starke einzelne Menschen können eine starke Gemeinschaft bilden. 

Immer wieder sagen Menschen: „Gott ist mir wichtig, aber in die Kirche gehe ich nicht“, oder manchmal treten sie sogar aus und sagen: Für den Glauben brauche ich keine Kirchenmitgliedschaft“. Wer so denkt, der meint aber nicht den Glauben an den Gott, den uns Jesus und Paulus nahegebracht haben: denn da kann es nicht sein, dass die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen unverbindlich wird. 

Christen haben von Anfang an ihr Glaubensleben gemeinsam gestaltet: denn Christsein war schon immer etwas gemeinschaftliches, nichts rein individuelles. Gemeinsam Gott loben und ihn feiern; gemeinsam sein Wort hören, sich gemeinsam unterstützen und Verantwortung übernehmen. 

2. 

Deshalb schreibt Paulus der ganzen Gemeinde und über die Gemeinde: „Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserem Gebet“. 

Paulus freut sich und dankt, weil er viel Gutes in der Gemeinde sieht. Werfen wir doch einen Blick auf die Gemeinde in Thessalonich, auf das, worüber Paulus sich so freut. Und werfen wir zugleich einen Blick auf unsere eigene Gemeinde. 

Zum Ersten: 

Die Gemeinde in Thessalonich ist eine Gemeinde, die geistlich aktiv ist. Paulus freut sich, dass die Gemeinde das Wort Gottes nicht nur empfangen hat, sondern auch auf- und angenommen, und das mit großer Freude. 

Auch jeder von uns hat irgendwann einmal das Wort Gottes aufgenommen, sonst wären wir heute nicht hier im Gottesdienst. Und wir nehmen es immer wieder neu auf – bleiben nicht stehen bei dem, was wir einmal erkannt haben, sondern lassen uns immer wieder neu anreden und in Frage stellen vom Wort Gottes, lassen es immer wieder neu zu uns reden. 

Aber wie groß ist unsere Gemeinde? Wieviele kommen Sonntags nicht in die Gottesdienste? Damals in Thessalonich waren es vielleicht 75 Mitglieder in der Gemeinde, aber die waren alle regelmäßig da zu den Versammlungen, die haben für ihren neuen Glauben gebrannt. 

Ich denke, es wäre gut, wenn wir deshalb verstärkt auch wieder das andere in den Fokus rücken würden, was die Thessalonicher auch getan haben: Sie haben den Glauben weitergeben. Der Glaube der Gemeinde hat sich herumgesprochen, sie wurde sogar zum Vorbild für andere Gemeinden. 

Und das ist ja genau das, wozu Jesus uns auch beauftragt hat: das Evangelium in alle Welt zu tragen, dass alle die frohe Botschaft für sich entdecken können. 

Als Gemeinde tun wir es: In den Gottesdiensten und bei den Amtshandlungen wie Taufen, Trauungen und Beerdigungen, zu denen auch kirchenfernere Menschen kommen. Wir tun es bei den Geburtstagsbesuchen, bei der Einweihung von öffentlichen 

Gebäuden. Wir tun es in unseren Kindergärten: Bei einem Taufgespräch habe ich einmal die Geschwister des kleinen Täuflings gefragt: Betet ihr am Abend mit euren Eltern? Nein, antwortete das Mädchen. „Aber im Kindergarten tun wir es, und wir hören Geschichten von Jesus.“. Das hat mich gefreut, dass die Kleinen in unseren Kindergärten auch lernen zu beten und Gott kennenlernen. 

Was wir als Gemeinde im Ganzen tun, nämlich über unseren Glauben reden, das muss sich von den einzelnen Mitgliedern her aufbauen, denn jeder von uns ist Teil der Gemeinde. 

Vielleicht fehlt das in unserer Zeit heute etwas: dass Menschen ich trauen, ihren Glauben nicht zu verstecken. Nicht als Missionar, der alle bekehren möchte. Aber indem man z.B. auch im Restaurant auf das Tischgebet nicht verzichtet. Indem man auf der Arbeit nicht nur von den Kindern erzählt, sondern auch sagt: Am Sonntag war ich im Gottesdienst, und da hat mich dieses eine Lied bewegt oder mich jener Gedanke aus der Predigt angesprochen. Oft verstecken Menschen ihren Glauben und erklären ihn zur Privatsache. Hätten die 12 Jünger auch so gedacht, wäre die gerade entstandene Kirche ein Privatclub geblieben. (Gott sei Dank hat da der Heilige Geist auch noch ein bisschen mitzuwirken.) Und auch das: Der Glaube selbst lebt davon, ja wird erst dann richtig lebendig, wenn die Erlebnisse mit Gott auch zum täglichen Gesprächsthema werden wie das Wetter, der Einkauf oder das Mittagessen. Für die Thessalonicher war es normal, über das zu reden, was sie in ihrem Innersten bewegt. Und das hat dazu geführt, dass auch andere den Glauben entdeckt haben. Manch einer lebt seinen Glauben vielleicht weltfremd und zurückgezogen. Andere leben ihr Leben fern vom Glauben. Ich finde, beides sollte zusammenkommen: Als Christ will ich mitten im Leben stehen, und zugleich mitten im Glauben stehen und mit Gott und der Gemeinde verbunden sein. Wie die Thessalonicher. 

Darüber freut sich Paulus. Worüber noch? 

Zum Zweiten: 

Die Gemeinde in Thessalonich ist eine diakonische Gemeinde. Paulus denkt an ihren Dienst in der Liebe. Dadurch haben sich die christlichen Gemeinde der Anfangszeit besonders ausgezeichnet: sie haben sich anderer Menschen angenommen, v.a. der Witwen und Waisen und der Kranken, die nicht mehr arbeiten konnten. In einer Zeit ohne soziale Sicherungssysteme war man auf die Gunst anderer angewiesen, und die christliche Nächstenliebe hatte sich da sehr positiv von der antiken Wohltätigkeit abgesetzt. 

Im diakonischen Bereich sind wir in St. Johannis auch sehr gut aufgestellt: Wir haben die Suppenküche, das Café Verschnaufpause, wir helfen in Einzelfällen bei Notlagen, wir vermitteln weiter zu anderen professionellen Hilfsangeboten, wir unterstützen geflüchtete. Nicht jedem können wir wie gewünscht und immer helfen, aber wir tun viel. 

Zum sozialen Engagement unserer Gemeinde gehört auch der Besuchsdienst. Ich danke Gott, dass es eine Gruppe Ehrenamtlicher gibt, die in der AWO und im Fazit und in unserer ganzen Gemeinde Menschen besuchen; die im Namen der Gemeinde zu Geburtstagen gratulieren und sich Zeit für ein Gespräch nehmen und gute Worte sagen und für und mit den Besuchten beten. Als Diakon und Pfarrer könnten wir nie alle besuchen. Zum diakonischen Engagement gehört auch der Behindertenclub und vieles mehr. 

Spannend ist ja, dass man bei all dem so scharf zwischen Diakonischem und Geistlichem trennen kann: Denn gerade auch in unserem diakonischen Tun spielt auch der Glaube eine Rolle und wird er weitergetragen, in Wort und Tat. 

Worüber freut sich Paulus? 

Zum Dritten: 

Die Gemeinde in Thessalonich ist eine Gemeinde, die Geduld und Hoffnung hat. Geduld hatte die kleine Gemeinde damals nötig, denn sie war Verfolgungen ausgesetzt. Einige verleumdeten die Christen politisch und verbreiteten das Gerücht, sie seien revolutionär gesinnt und würden einen neuen Weltenherrscher proklamieren (Apg 17,7). Natürlich mussten die Stadtoberen dagegen vorgehen, um nicht der Untreue gegenüber dem Kaiser bezichtigt zu werden, und so kam es zu Verhandlungen gegen Christen. 

In unserer Welt, da gibt es ganz andere Bedrängnisse: die Not der Menschen, die sich in unserer Gesellschaft abgehängt vorkommen, und deshalb innerlich Stück für Stück verzweifeln oder die deshalb Kanäle suchen, das rauszulassen – wovon die Ereignisse in Chemnitz zeugen. Oder da ist die Not der vielen, die unter Krieg und Unrecht leiden. Die Ungewissheit, wie es weitergeht in unserer Welt, wo mehr und mehr Staaten zweifelhafte Führungsfiguren zu bekommen scheinen. 

Auch wir haben Geduld und Hoffnung nötig. 

„Nicht zuletzt hilft gerade die Gemeinschaft der Glaubenden, die Hoffnung durchzuhalten und Liebe zu üben. Wo ich allein verzagen müsste, helfen Mitchristen beim Widerstand gegen 

das, was das Leben hemmt. Nicht die bedrohliche schlechte Zukunft ist das Maß aller Dinge, sondern der rettende Gott! Weil die Gemeinde an den auferstandenen Christus glaubt, sind in Thessalonich nicht die spürbaren Bedrängnisse prägend, sondern Glaube, Liebe und Hoffnung.“. 

Als Kirche und Gemeinde hoffen wir auf Jesus Christus. Denn wir gehören zu ihm, und sind durch ihn innerlich stark. Und so tun wir als Gemeinde das unsere, in der Hoffnung, dass Christus mittut und dass unsere kleinen Schritte heilsam aufs große Ganze wirken. 

Die Gaben der Geduld und der Hoffnung sind auch ein Grund zum Danken. Die Hoffnung schlägt die Brücke zwischen der Gegenwart und der verheißenen Zukunft. Von dieser Zukunft schreibt Paulus: „Wir warten auf Gottes Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet.“ 

Paulus weiß: Jesus, der Auferstandene wird kommen, und uns das Lebens seiner Auferstehung bringen und uns auferstehen lassen aus allen Bedrängnissen. Wann wird das geschehen? Das geschieht mitten im Leben, dass Gott seine heilende Gegenwart schenkt. Darauf hoffen wir als Christen. Als Christen haben wir aber auch die Hoffnung, dass einmal am Ende der Tage alles sich zum Guten wendet. 

3. 

„Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserem Gebet.“ 

Liebe Gemeinde, 

Paulus hat allen Grund, für die Gemeinde dankbar zu sein: Er dankt - dafür, dass die Thessalonischer eine geistlich und diakonisch lebendige Gemeinde voller Hoffnung sind. 

Paulus dankt, und das dürfen wir auch tun für all das Gute, das sich in unserer Gemeinde findet. 

Paulus dankt, und er begleitet die Gemeinde im Gebet. Auch das ist wichtig, dass wir nicht nur für einzelne Menschen beten, sondern auch für die Gemeinschaft. Tun wir es Paulus gleich, und schließen wir doch unsere Gemeinde mit in unsere Gebete ein, im Wissen, dass auf dem Gebet Segen liegt. Ich weiß, dass z.B. unser Hauskreis ganz treu unsere Gemeinde und ihre Anliegen vor Gott bringt. 

Paulus denkt von der Gemeinschaft her. 

Jeder von uns ist ein Teil dieser Gemeinschaft, wir sind durch Jesus aneinander gewiesen und zu seiner Gemeinde zusammengefasst. Und gemeinsam sind wir in die Welt gesandt, die Frohe Botschaft in Wort und Tat zu bezeugen, und gemeinsam sind wir stark. Schon jetzt und durch ihn, unseren Herrn. Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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