Gottesdienste im AWO und in St. Johannis am 12.11.2017

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AWO, St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Von Dämonen"

Predigttext: Lukas 11,14-23

Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich.  Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel. Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die Dämonen aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen.

1. Stummheit

Liebe Gemeinde,

jeden Sonntag Abend entscheidet es sich in vielen Familien: Tatort oder Rosamunde Pilcher respektive Inga Lindström. Leichen oder Romantik. Seit wir unseren Sohn haben, da sehen wir eigentlich zu Hause überhaupt nicht mehr fern. Doch vor Kurzem, da habe ich ihn doch mal wieder eingeschaltet – und ich gestehe es: auf ZDF, Inga Lindström („Das Postboot in den Schären“). Da wurde erzählt von dem Schärenpostboten Gunnar, der sich nach dem Tod seiner Frau immer mehr zurückgezogen hat, und der fast nicht mehr spricht, und wenn doch, dann nur brummelig. Ihm hat es im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen.

„Und Jesus trieb einen Dämon aus, der war stumm“, erzählt Lukas. Es gibt sie, diese Dämonen, die uns verstummen lassen. Schicksalsschläge und bittere Erfahrungen sind es meistens. Auch in unserer Gemeinde gibt es Menschen, die unter dem Verlust eines Kindes oder dem zu frühen Tod ihres Partners oder unter einer schweren Krankheit leiden und sich zurückziehen und stumm werden. Aber auch in der Arbeitswelt gibt es Dämonen, die einen verstummen lassen: Da läuft in der Firma einiges schief, das Arbeitsklima ist nicht das Beste. Und man wird müde, die Dinge immer wieder zu benennen, weil sich ja doch nichts ändert, oder weil Kritik nicht erwünscht ist. Und ähnliches kennen wir auch aus so manch einer Familie: wo einer dominiert, und der andere schon längst nicht mehr dagegen aufbegehrt, sondern sich in das Seine fügt. Oder wenn im Verein alle über Arbeitslose oder Flüchtlinge herziehen – finde ich dann noch die Kraft, selbstbewusst dagegenzuhalten oder verstumme ich da? Und natürlich dürfen wir diejenigen nicht vergessen, die körperlich oder kognitiv bedingt einfach nicht sprechen können, und die dann erst recht oft einsam und zurückgezogen sind, weil sie sich mit kaum jemanden so richtig unterhalten können, da nur die Wenigsten Gebärdensprache können.

Wir wissen nicht, welcher böse Geist den Menschen in unserer biblischen Geschichte zum Verstummen gebracht hat. Jedenfalls übersieht Jesus ihn und seine angespannte Lage nicht, sondern geht zu ihm hin und nimmt sich seiner an. Ohne große Einleitung erzählt Lukas, als wäre es etwas ganz Selbstverständliches für Jesus: „Und er treib einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich“. Ach, wenn das doch auch unter uns geschehen könnte, wenn Jesus auch meine Dämonen und Blockaden wegnehmen könnte…

2. Vorwurf statt Freude

Unsere Geschichte geht weiter: Wie so oft, wenn einer gute Arbeit macht und erfolgreich ist, freuen sich nicht alle andern mit, sondern da gibt es auch die, die neidisch sind: missgünstig und eifersüchtig schauen sie auf den Erfolg, reden ihn schlecht und würdigen ihn nicht. Bei Jesus nicht anders als heute manchmal. Und natürlich geschieht es oft hintenrum. Auch über Jesus reden sie und nicht direkt mit ihm. Statt sich zu freuen, werfen sie ihm vor: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul[1], ihren Obersten. Bis heute ist dieser Gedanke in unserem Sprachgebrauch, wenn man sagt: „Den Teufel durch Beelzebub austreiben“, d.h. ein Übel mit einem ebenso schlimmen oder schlimmeren zu bekämpfen.

Aber Jesus kannte ihre Gedanken und hat sofort eine Erwiderung parat, wie so oft verpackt in einen Vergleich: „Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre“.

Auch das hat Jesus schon gewusst: Wir sehen das in Syrien massiv – da ist ein Land verwüstet worden, weil nicht alle Kräfte zusammenstehen. In der Türkei ist die politische und gesellschaftliche Kultur am erodieren, in Amerika treibt sich ein Keil in die Gesellschaft, und auch bei uns hat die letzte Wahl gezeigt, dass es viele Unzufriedene gibt, und Gefahren für Freiheit, Demokratie und Menschenwürde heraufziehen. Auch die Kirche ist so ein Reich: Zum Glück erleben wir in den letzten Jahren eine große Annäherung voll gegenseitiger Achtung und Verständnis, so dass sogar Evangelische und Katholische gemeinsam das Reformationsjubiläum feiern konnten, auf Weltebene in Lund mit dem Papst, aber auch in vielen Gemeinden wie in unserer. In diesem Reich des Glaubens, der Kirche tun viele mit, dass es mehr und mehr zusammenwächst. Dass alle an einem Strang ziehen und sich konstruktiv einbringen ist in jedem „Reich“ wichtig, ob in einzelnen Ländern, in der UNO, der EU, in der Kirchengemeinde oder auch in der Firma bzw. Kindergarten. Denn wie Jesus richtig beobachtet hat. „Wenn ein Reich mit sich uneins ist, zerfällt es.“

Jesus wendet diesen Vergleich auf das Reich des Beelzebuls an und sagt damit: Beelzebul würde es niemals zulassen, das bereits gewonnene Territorium, also die Menschen, in denen böse Geister hausen, aufzugeben und schon gar nicht würde er sie selbst verlassen. Deshalb kann es gar nicht sein, dass er, Jesus, einen Dämon mit Hilfe des Obersten der Dämonen austreibt. Im Umkehrschluss beweist Jesus damit: Was er tut, das kommt von Gott.

„Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist das Reich Gottes zu euch gekommen“.

Das Reich Gottes ist also da – mitten unter uns ist die Herrschaft Gottes erlebbar, wo Dämonen schwinden! Eine unglaubliche Vorstellung: Gott wirkt hier und jetzt!

3. Reich Gottes konkret

Kann Jesus dann auch die Dämonen bannen, die mich fesseln? Wie tut er das denn ganz konkret?

In dem Film „Das Postboot in den Schären“ von Inge Lindström wird dem Selbstzerstörungstrieb von Gunnar Einhalt geboten, als vermittelt durch seine Tochter seine Jugendliebe wieder in sein Leben tritt: Da taut er auf. Elsas Nähe tut ihm gut. Er lässt sich auf sie ein, und das verwandelt ihn, und lässt ihn schließlich auch mit den anderen Menschen wieder herzlich umgehen.

Jesus ist der, der uns guttut. Und der uns helfen und uns verwandeln kann. Warum er das kann, sagt er in einem zweiten Bildwort, V21f:

„Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute.“

Der Stärkere gewinnt. Gott ist dieser Stärkere: stärker als die Dämonen und das, was uns Sorge macht.

Gott wirkt in uns, wenn wir ihm und seiner Stärke Raum geben. Im aktuellen Gemeindebrief habe ich im Gedankengut davon geschrieben, wie gut Gottes Wort tut, und ich habe dafür geworben, es immer wieder aufzuschlagen, sich mit seinem Leben reindenken. So kann die Kraft, von der die biblischen Geschichten erzählen, zu uns überspringen.

Genauso wichtig ist es, Gott auch im Gebet hineinzurufen in unser Leben: „Gott handle und wirke an mir“. Wer immer wieder so betet, bei dem verändert das auch die innere Einstellung und die Gewissheit wächst: Ich weiß, ein Stärkerer ist mit mir!

Kinder reden sich oft ein: „Ich habe Superkräfte“. Das hilft ihnen, stark zu sein und anderen selbstbewusster gegenüber zu treten. Wir Christen reden uns das nicht nur ein, bei uns ist der Stärkere wirklich dabei. Wer das im Kopf und im Herzen trägt, der muss nicht verstummen, sondern kann anderen selbstbewusst gegenüber treten: in Familie, Arbeit, Verein; aber auch den bösen Geistern, die in uns schlummern und uns kleinhalten wollen.

Der Stärkere ist da, wo Menschen Vergebung für ihre Schuld zugesprochen wird, wo sie Kraft für ihre Herausforderungen bekommen und um das Schwere zu tragen. Der Stärkere ist da, wo Menschen getröstet, werden, wo sie sie heil werden an Körper und Seele. Wer um den Beistand und die Hilfe des Stärkeren betet, der wird die Erfahrung machen, wie Gott in seinem Leben wirkt. Und der muss Jesus recht geben: Die Herrschaft Gottes ist nichts, was nur in Zukunft einmal anbrechen wird, das Reich Gottes ist zu uns gekommen!

Paulus sagt das im Wochenspruch ganz direkt: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

4. Wie stehe ich dazu? Was ist meine Aufgabe?

Mit diesem tröstlich-erbauenden Wort könnte die Predigt zu Ende sein. Doch so einfach lässt uns Jesus nicht. Er sagt noch einen letzten Satz zu seinen Zuhörern, und damit fordert er uns alle auf, Stellung zu beziehen:

„Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“

Es scheint keinen neutralen Beobachterposten zu geben, auf dem ich mir das mit Jesus mal anschauen kann: nicht für ihn sein, aber auch nicht gegen ihn. Schon allein das Wort Atheist sagt das: a – gegen, theos – Gott: einer, der gegen Gott ist. Entweder bin ich Theist oder A-theist. Entweder bin ich für die Sache Gottes, und wenn nicht, bin ich automatisch dagegen.

Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. Auch das ein interessanter Gedanke: Wer nicht mit mir die Gemeinde zusammenhält und sie stärkt, wer sich nicht einbringt in die Kirchengemeinde, der ist mit dafür verantwortlich, dass sie immer mehr erodiert und auseinanderfällt. Nicht nur der trägt also Verantwortung, der sich in der Gemeinde und für Gott ehren- oder haupt- oder nebenamtlich engagiert, sondern auch der, der nichts tut: Er trägt die Verantwortung dafür, dass manches seine Lebendigkeit und Ausstrahlungskraft einbüßt und schlimmsten Falles sogar eingeht. Aus unserer Verantwortung kommen wir nicht raus.

Wer heute Jesu Worte hört, der muss sich von ihm fragen lassen: Wie stehe ich zu ihm? Und was ist meine Aufgabe, die ich für ihn tun kann?

Die Antwort wird jeder selber finden. Gott sei Dank gibt es in unserer Gemeinde so viele, die eine positive Antwort gefunden haben und sich für Jesus engagieren. An ganz unterschiedlichen Orten, mal öffentlichkeitswirksam, mal ganz still. Aus Anlass unserer Mitarbeitereinführung greife ich den Bereich der Kindergärten heute einmal exemplarisch heraus: Ihr seid Christinnen, die hauptamtlich im Dienst der Kirche stehen. Mancher hat vielleicht hier nur durch Zufall eine Stelle bei einem kirchlichen Arbeitgeber gefunden, aber mancher arbeitet von ganzen Herzen in einem kirchlichen Kindergarten und damit für die Sache Jesu.

Mit den Worten Jesu gesprochen sammelt ihr seine Gemeinde, und zwar die Jüngsten. Ihr tut das nicht nur aber v.a. durch eure religionspädagogische Arbeit. Es freut mich, wenn Kinder auf dem Nachhausweg vom Kiga christliche Lieder singen, oder wenn wie in OWB schon die Kleinsten die Perlen des Glaubens benennen und mit ihnen was anfangen können. Ich weiß ja von unserem Sohn, wie ganz selbstverständlich schon für einen Zweijährigen die Existenz Gottes ist, und wie man mit ihm über Gott reden kann.

Ich kenne einige Eltern, die sich ganz bewusst einen kirchlichen Kindergarten ausgesucht haben, weil es ihnen wichtig ist, dass ihre Kinder Gott kennenlernen und zu ihm vertrauen finden. Und ich danke Euch auch im Namen des Kirchenvorstandes, dass ihr diese religiöse Erziehung ernst nehmt. Die Kinder sind uns anvertraut, um sie auf dem Weg ins Leben hinein ein Stück zu begleiten, und dazu gehört auch die Begleitung auf dem Weg des Glaubens. Christliche Lieder singen, mit Kindern beten und sie anleiten, freie Gebete selber zu sprechen, Geschichten aus der Bibel erzählen, all das sind kleine Samenkörner, die irgendwann reiche Frucht tragen. Und Jesus wird sagen: Wow, ihr habt aber diese meine Kleinen gut gesammelt.

Das Reich Gottes ist durch Jesus Christus gekommen. Es fehlt nur noch eins: dass er wiederkommt nach seiner Himmelfahrt, um das Reich Gottes zu vollenden. Bis dahin ist es unsere Aufgabe, seinem (Wieder-)Kommen zuzuarbeiten, indem wir die Erfahrung des Reiches Gottes, die wir selber machen durften, auch anderen erfahrbar machen. Dazu gebe Gott uns allen die Inspiration durch seinen Heiligen Geist. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


[1] „Mit dem Namen Beelzebub wird im Tanach der Stadtgott von Ekron im Land der Philister bezeichnet. Die etymologische Herkunft ist wahrscheinlich vom hebräischen Sebul, „Kot“, „Dünger“ abzuleiten. Baal Zebub wird übersetzt mit „Herr der Fliegen“ und ist vermutlich eine Verballhornung des eigentlichen Namens בעל זבול Baal Zebul (‚erhabener Herr‘), um den heidnischen Gott zum Dämonen abzuwerten bzw. dessen Anhänger zu verspotten.“ (Wikipedia)

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