Gottesdienste am Gründonnerstag im AWO und in St. Johannis am 2. April 2015

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AWO, St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Abendmahl und
Fußwaschung"

 

Predigttext: Joh 13,1-15

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. 

2 Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten, 

3 Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging, 

4 da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. 

5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war. 

6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? 

7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. 

8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. 

9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! 

10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. 

11 Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. 

12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? 

13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin's auch. 

14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. 

15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

 

Predigt:

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

I.

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Wann habt ihr euer letztes Fußbad gemacht? Bei mir ist es schon eine Weile her, aber ich erinnere mich noch: Es war nach einer großen Wanderung. Die Füße taten ein bisschen Weh vom vielen Laufen und zuletzt hatten auch die Schuhe gedrückt. Dann kam sie: Die Schüssel mit dampfenden Wasser, das nach einer guten Seife roch. Socken runter, Füße rein. Die ersten Sekunden war es fast zu heiß, doch dann durchströmte eine wohlige Wärme den ganzen Körper. So lässt es sich aushalten und entspannen. Die Füße regenerieren sich, und das hat Auswirkungen auf das ganze Wohlbefinden. Nach so einem Fußbad fühlt sich das Laufen ganz anders an, poetisch könnte ich sagen: als würde man schweben.

So einen Wohlgenuss hat Jesus seinen Jüngern bereitet. Wir haben in der Lesung gehört, was der Evangelist Johannes vom letzten Abend Jesu berichtet. Er hat die Erinnerung an ein ungewöhnliches Ereignis bewahrt, von dem Matthäus, Markus und Lukas in ihren Evangelien nichts wissen. Zunächst feiert Jesus mit seinen Jüngern das Mahl. Dann steht er plötzlich auf, legt sein Obergewand ab und bindet sich eine Schürze um. Er gießt Wasser aus einer Kanne in eine Schüssel, kniet sich hin und beginnt, dem ersten der Jünger die Füße zu waschen. Füße, die schmutzig vom Staub der Straße sind, denn ordentliche Schuhe wie bei uns gab es damals nicht. Füße, die müde vom vielen Umherziehen sind. So eine Fußwaschung reinigt und belebt. Auch durch die Berührungen: Jesus streicht über die Füße, bestimmt musste er auch ab und an mal ganz schön rubbeln. Wohltuende Berührungen sind das, heute würde man sagen: Eine Massage. Wellness pur. Als Jesus die Füße des ersten Jüngers gewaschen und sie auch mit seinem Schurz abgetrocknet hatte, geht er weiter zum Nächsten und wäscht ihm die Füße. 

Ich kann mir vorstellen, dass da im Saal eine gespannte Stille herrschte. Keiner der Zwölf traut sich etwas zu sagen. Bis auf den einen, der immer schon ein bisschen Vorlaut war. Als Petrus an der Reihe ist, wehrt er Jesus ab und spricht das aus, was wahrscheinlich alle denken: „Jesus, was machst Du da? Halte ein! Du sollst mir doch nicht die Füße waschen!“. Petrus hat im Gespür, was sich gehört, und was nicht. Jesus ist der Lehrer und Meister. Er ist der angesehene Prediger, der in Vollmacht spricht und der sogar im Namen Gottes Kranke gesund machen kann. Füßewaschen, das ist die Aufgabe der Hausangestellten und nicht der Herren. Bei den Römer, da erledigen da die Sklaven.

Ich habe mich gefragt, mit was man das heute vergleichen könnte: Vielleicht mit einem Minister, der eine gute Creme holt und seinem Chauffeur mal kurz den Rücken massiert, weil der den ganzen Tag hinter dem Steuer sitzen muss. Es gibt Dinge, die sind einfach nicht passend. Deshalb protestiert Petrus!

Und es stimmt: Jesus ist tatsächlich ihr Herr und Meister. Unumwunden und selbstbewusst sagt er: „Ihr nennt mich Meister und Herr, und sagt es mit Recht, ich bin’s auch.“. Er lehnt den Titel nicht ab, er weiß um seine göttliche Sendung. Er ist der Herr. Aber als Herr tut er ganz bewusst etwas, das man von Herren nicht gewohnt ist: Er  wäscht seinen Jüngern die Füße.

 

Liebe Schwestern und Brüder! Das zeigt deutlich, wie Jesus Herr sein will. Er will nicht ein Herr sein, der über andere bestimmt und befiehlt, sondern ein Herr, der den Menschen um sich herum Gutes tut und ihnen dient. Ein Herr, der sich nicht um sein eigenes Wohl sorgt, sondern um das der anderen. Er tut etwas, was nur Diener tun, und hat sich dafür bewusst entschieden. Er tut es aus Liebe.

Und darin liegt auch eine Gemeinsamkeit zum Abendmahl, das Jesus zuvor mit seinen Jüngern gefeiert hat: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird“ – Jesus nimmt nicht sein Leben und sich selbst wichtig. Dann wäre er davongelaufen und hätte sich versteckt, damit ihn die Mörder nicht finden. Jesus geht den Weg weiter, auf den ihn Gott geschickt hat: Er hält an seiner Botschaft von der Liebe fest, von der Liebe Gottes, die jedem Menschen gilt, und von der Liebe untereinander, die eine Gemeinschaft möglich macht, die sich gegenseitig trägt. Dafür wird sein Blut fließen. Wie das Abendmahl drückt auch die Fußwaschung aus, worauf es ihm bei seiner ganzen Botschaft ankommt: Nicht herrschen, sondern dienen und füreinander da sein.

 

II.

Bei Beerdigungsgesprächen frage ich manchmal die Kinder des Verstorbenen: „Welche Werte hat der Verstorbene ihnen weitergegeben? Was könnten sie als sein Vermächtnis bezeichnen?“. Manch einer schreibt vor seinem Tod einen Brief mit dem, was ihm für seine Nachkommen wichtig ist. Jesus schreibt sein Vermächtnis nicht auf. Er praktiziert es: Er wäscht die Füße. Und er sagt dazu: „Nehmt euch an mir ein Vorbild. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“.

Sollen wir jetzt alle die Socken ausziehen und einander die Füße waschen? Der Papst in Rom wird es bestimmt heute Abend wieder tun: Letztes Jahr wusch er zwölf behinderten Menschen eines Therapiezentrums die Füße. Auch das ist ein starkes Zeichen. Aber eben nur ein Zeichen. „Ein Beispiel habe ich euch gegeben!“, sagt Jesus. Es geht eben nicht darum,  dass wir uns gegenseitig die Füße waschen sollen. Jesus will, dass seine Jünger wie er in diesem Geist des Dienens und Füreinander Daseins leben, dass sie in diesem Geist weiterleben, wenn ihr Herr nicht mehr so wie jetzt bei ihnen sein wird.

 

Dienen, auf Griechisch Diakonia. Vor eineinhalb Wochen war unser Kirchenvorstand auf einer Rüstzeit und hat sich Gedanken darüber gemacht, wie wir als Kirchengemeinde den Menschen in Rödental dienen können. Wir haben festgestellt, dass es in Rödental sehr, sehr viele Hilfsmöglichkeiten für Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen gibt, für Menschen, die vor unterschiedlichsten Herausforderungen stehen: Unsere Kirchengemeinden engagieren sich für Junge und Alte vom Kindergarten bis zum Seniorenkreis, von der Suppenküche bis zum Seelsorgegespräch. Die Kommune leistet wertvolle Dienste, sowie viele weitere Träger. Was können wir noch tun? Wir haben im Kirchenvorstand gesagt: Als Kirchengemeinde wollen wir in unserem Gemeindezentrum eine Anlaufstelle sein, wo Menschen mit den benötigten Hilfsangeboten zusammengebracht werden. Wir wollen vernetzen, so dass die Hilfe auch an den Mann bzw die Frau kommt. Jesu Vermächtnis gilt uns als Gemeinde, aber auch jedem Einzelnen. Wenn ich hier so in die Runde schaue, sehe ich viele, die Jesus folgen, die für andere da sind und ihnen dienen. Das fängt bei der Familie an: der Dienst für die Kinder oder die Eltern, die altgeworden sind. Es ist die Zeit ist, die ihr euch für jemanden nehmt, oder wenn ihr praktisch mit anpackt. Ihr dient anderen, wenn ihr Hilfsbedürftige unterstützt oder Euch in die Gemeinde und Vereine einbringt. Jesu Vermächtnis gilt uns. Dienen wir einander, so dass unsere von Christus gewaschenen Füße zu Füße werden, die seinen Frieden weitertragen.

 

III.

Wir sind vorhin in unserer Geschichte beim Protest des Wortführer Petrus stehengeblieben. Jesus versucht, ihn zu überzeugen, sich die Füße waschen zu lassen, und spricht zu ihm: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du keinen Anteil an mir!“. Sich von Jesus die Füße waschen zu lassen, das hat also auch etwas damit zu tun, Anteil an ihm zu gewinnen, also seine Gegenwart im eigenen Leben zu haben. Dazu muss Petrus einfach einmal still sitzen. Er ist es als Fischer gewohnt, jeden Tag fürs Brot hart zu arbeiten. Auch die Wanderungen mit Jesus durch Palästina sind nicht leicht. Er ist es gewohnt, immerzu etwas zu tun. Und Gott sei Dank haben wir auch in der Gemeinde viele Menschen, die freiwillig viel zu tun. Das ist sehr gut. Die Gegenwart Gottes in unserem Leben bekommen wir aber nicht durch unser Tun, sondern dann, wenn wir bereit sind, Gott an uns wirken zu lassen. 

Gerade wer gewohnt ist, selbst immer viel zu geben, der tut sich schwer, einen Dienst anzunehmen. Für uns heißt das: zur Ruhe kommen, damit Gott an uns wirken kann. Aber auch: bereit sein, das andere mir dienen. 

Heute Morgen hatten wir Gottesdienst im Seniorenheim. Da hatte das noch einmal eine ganz besondere Bedeutung. Die meisten sind dort auf die Pflege durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen.  Bei etlichen Pflegerinnen ist das nicht nur Arbeit, sondern Berufung: Sie haben den Ruf Christi zum Dienen zum Beruf gemacht. Diese Liebensdienste dürfen wir dankbar annehmen. Genauso wie den Liebesdienst Jesu.

Als Petrus das begriffen hat, dass Jesus an ihm und in ihm wirkt, da will er gleich mehr: „Ach Herr, wasche mir doch nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt!“. Ja, so geht es dem, der einmal die Gnade Gottes in seinem Leben gespürt. Wer den lebendigen Gott erlebt hat, der will wie Petrus immer mehr davon. Jesus antwortet ihm: „Wem die Füße gewaschen sind, der hat alles, denn er ist rein!“.

Das Gespräch Jesu mit Petrus öffnet uns eine neue Dimension der Fußwaschung: Anteil an Jesus bekommen, das heißt: ihn an uns wirken lassen und so Reinwerden. Anteil an Gott bekommen geht, indem all das, was uns von Gott trennt, weggenommen, abgewaschen wird. So wie der Dreck von den Füßen, so dass sie danach wieder duften. Jesus weiß, dass nicht alle rein sind. Er kennt den Verräter, der mit in der Runde sitzt, uns sagt deshalb: Ihr seid nicht alle rein! Dieses Wort unseres Herrn trifft auch uns, weil auch wir immer wieder Schuld auf uns laden, weil es viele Momente gibt, in denen wir hätten anderen dienen können und müssen, und es nicht getan haben.

 

Aber Jesus lädt uns ein, uns von ihm die Füße waschen zu lassen, durch ihn rein zu werden. Und zwar in der Beichte. Gleich werden wir sie feiern. Wir sind eingeladen, Jesus unsere dreckigen Füße zu geben, ihm unsere Schuld zu nennen, und dann die Vergebung zugesprochen zu bekommen. Letztes Jahr hat mich eine Gottesdienstbesucherin nach dem Beichtgottesdienst angesprochen und war sichtlich bewegt von der Beichte: Wie einen heiligen Schauer hat sie sie erlebt, ganz intensiv und befreiend. So ist es, wenn Christus uns reinmacht. Da will man wie Petrus mehr davon.

Dieses Freiwerden passt zum heutigen Abend wie zu keinem anderen Abend: 

- Es ist der Abend des jüdischen Passahfestes, an dem Jesus mit seinen Jüngern zu Tisch sitzt und die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei feiert. 

- Es ist der Abend, wo er das Abendmahl einsetzt, das sein Eintreten für uns bis zum Tod vergegenwärtigt, damit wir frei würden. 

- Es ist der Abend, wo er den Seinen die Füße wäscht: ein Zeichen der Vergebung und ein Vermächtnis, seinen Weg des Dienens weiterzugehen.

- Und es ist der Abend, an dem sich seine Gemeinde bis heute in den Kirchen versammelt und Anteil an ihm gewinnt: an seiner Gegenwart durch sein Wort und in Brot und Wein und an der Vergebung. Es ist der Abend, an dem er unsere Herzen anrührt, damit wir wie er zum Dienen bereit sind. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

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