Gottesdienst zum 1. Advent in St. Johannis - 3. Dezember 2017

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OWB, St. Johannis

Predigt:
Lektor Roland Dier

"Brot für die Welt"

Predigttext: Johannes 5,1-5(6-14)

Predigt:

Wenn ich das vorher gewusst hätte, liebe Schwestern und Brüder. Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich vielleicht nein gesagt. Nein gesagt, als ich gefragt wurde ob ich den Gottesdienst am ersten Advent halten möchte. 

Doch natürlich habe ich ja gesagt, ja gesagt, weil am 1. Advent traditionell die Aktion Brot für die Welt gestartet wird. Ich habe ja gesagt, weil das, wofür Brot für die Welt steht auch das ist wofür der Dritte Welt Laden Rödental steht. 

Doch dann habe ich den Predigttext für den heutigen Sonntag gelesen. Doch liebe Schwestern und Brüder hören sie selbst. Der Predigttext steht in der Offenbarung des Johannes 5,1-5(6-14): 

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. 

Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? 

Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen. 

Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. 

Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. 

Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. 

Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. 

Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. 

Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. 

Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! 

Und die vier Gestalten sprachen: Amen! 

Und die Ältesten fielen nieder und beteten an. 

Worum in Gottes Namen geht es hier? Ein Buch mit sieben Siegeln - ein treffliches Bild für diesen Text. Jetzt hätte ich mich noch immer drücken können. Hätte zu Pfarrer Mahler, der ja sowieso heute hier ist, sagen können, Jörg mach du die Predigt. Aber, liebe Schwestern und Brüder, nennen sie es falschen Ehrgeiz oder Selbstüberschätzung, ich habe es nicht getan. 

Vieles habe ich gelesen, um mir diesen Text zu erschließen. Und einiges ist mir dabei klar geworden. 

Die Gemeinden in Kleinasien waren in jener Zeit in einer tiefen Krise. Das Christentum geriet erstmals in Konflikt mit den Mächtigen des Staates: Die römischen Kaiser verlangten, als Herren und Götter verehrt zu werden. Kaiser Domitian lässt sich „Gott, der Herr“ nennen und seine Gesetze mit den Worten beginnen: „Der Herr, unser Gott, befiehlt.“ den Christen, die so etwas nicht mitmachten, drohten Zwangsmaßnahmen und Verfolgung. Das machte Angst. Viele, die sich einst mit großer Begeisterung zu Jesus als ihrem Herrn bekannt hatten, wurden jetzt nachdenklich: Ist Jesus wirklich der Herr aller Herren, der König aller Könige? Hat er wirklich Macht von Gott erhalten, ist er wirklich vom Tod auferstanden? Warum zeigt er seine Macht nicht? Warum schreitet er nicht ein, wenn seine Leute von irdischen Machthabern schikaniert werden? Lohnt es sich, auf der Seite Jesu zu stehen? Oder ist der christliche Glaube eine Illusion, eine Täuschung, die im täglichen Leben nur Konflikte und Nachteile bringt? 

In diese Situation hinein soll Johannes im Auftrag Gottes den zweifelnden und müde gewordenen Christen eine Botschaft ausrichten. Das Zentrum, die absolute Mitte dieser Botschaft findet sich im vierten und fünften Kapitel des Buches der Offenbarung. Dort lässt Gott den Johannes einen Blick werfen in den himmlischen Thronsaal, in die Schaltzentrale der Macht, die mit keinem Palast, mit keinem Präsidenten-Domizil dieser Welt zu vergleichen ist. Dorthin erhält Johannes sozusagen eine Live-Schaltung. Und was er sieht, das ist überraschend: Er wird Zeuge einer schwierigen, ja scheinbar aussichtslosen Situation. Im Thronsaal Gottes wartet nämlich ein gewaltiges Problem auf eine Lösung: 

Ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: 

Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? 

Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. 

Die Situation ist offenbar so dramatisch, dass Johannes, der Korrespondent, die Fassung verliert: 

Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. 

Worum handelt es sich bei diesem sprichwörtlich gewordenen Buch mit sieben Siegeln? Dieses Buch ist der Geschichtsplan Gottes für seine Welt. Es ist sozusagen der Rettungsplan Gottes für seine Schöpfung, das Sanierungskonzept für eine Menschheit, die Gott, ihrem Schöpfer, bisher wenig vertraut hat. Menschen, die selbst entscheiden wollen, was gut für sie ist, und dabei häufig in ihr Unglück rennen. 

Die Lösung dieses Problems ist ein Buch mit sieben Siegeln – komplizierter und undurchsichtiger als jedes menschliche Schriftstück oder Vertragswerk. – Und im Thronsaal Gottes wird die Frage gestellt: Wer setzt dieses Konzept um? Wer verwirklicht den Rettungsplan, der in Gottes Hand bereitliegt? 

Johannes, der das Geschehen beobachtet, kann zunächst niemanden erkennen, der in Frage käme. Er weint, weil er weiß, dass damit die Welt, die Schöpfung Gottes, verloren gehen würde. Doch schließlich erhält er von einem hochrangigen Mitglied der himmlischen Regierung einen Hinweis: 

Einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. 

Johannes ist gespannt, wer denn dieser Löwe ist, dieser starke Mann, der Gottes Plan umsetzen kann. Erstaunt muss er feststellen, dass der Löwe gar kein Löwe ist, – sondern ein Lamm: 

Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; […]. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; [...]. 

Auf einmal begreift Johannes: Das Lamm ist Jesus! Der, von dem schon sein Namensvetter, Johannes der Täufer, gesagt hatte: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! 

Jesus ist es, der Gottes Rettungsplan umsetzen kann, der das Buch mit den sieben Siegeln aus Gottes Hand nimmt und öffnet. Dieser Jesus ist durch seine scheinbare Niederlage am Kreuz von Golgatha dennoch zum Sieger geworden: 

Diese letzte Bild, das Lamm als Bild für Jesus führt uns zu Adventszeit. Die Zeit der Erwartung, die Zeit in der wir uns auf das Kommen des Heilandes vorbereiten sollen. Und liebe Schwestern und Brüder „Macht hoch die Tür die Tor macht weit“ heißt nicht stürmt die Geschäfte und steigert den Kosum, heißt nicht trefft euch jeden Abend zum after work Glühwein auf einen der vielen Weihnachtsmärkte, heißt nicht O, du fröhliche schon am ersten Advent. 

Advent heißt vielmehr Vorbereitung, Erwartung, heißt sich der Frage zu stellen „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir?“. Die Antwort gibt ein anderes Adventslied „Mit Ernst o Menschenkinder“ 

Als ich dass alles niedergeschrieben hatte, stellte sich mir dann doch noch eine Frage: Wo ist, nein nicht Behle, jener Skilangläufer nachdem Bruno Morawitz in der Fernsehübertragung des 15 km Langlaufes damals bei der Winterolympiade in Lake Placid gesucht hat, sondern wo ist Brot für die Welt in diesem Text? Brot für die Welt, was mir wichtig ist. 

Ich denke wir finden es im historischen Hintergrund zu diesem Text. Da gab es einen König, der sich als Gott anreden und als Gott verehren ließ, weil er wirklich glaubte Gott zu sein. Allmächtig in seiner beschränkten Welt und gegenüber seinen Untertanen vielleicht, allwissend sicher nicht, sich selbst überschätzend ganz bestimmt. Wer so denkt, der wird sehr schnell den Bezug zur Realität verlieren, wird sehr schnell nur noch an sich denken. Die anderen Menschen spielen für ihn nur noch dann eine Rolle, wenn sie für die Erfüllung der eigenen Wünsche wichtig sind. Und dann haben sie alles herzugeben: Ihre Felder für unsere Bananen und unseren Kaffee. Ihre Arbeitskraft auf diesen Feldern zu Hungerlöhnen und ohne soziale Absicherung. 

Liebe Schwestern und Brüder, sollten sie jetzt vielleicht das unbestimmte Gefühl haben, meint der da oben auf der Kanzel vielleicht auch mich, so kann ich nur sagen, ihr Gefühl trügt sie nicht. 

Liebe Schwestern und Brüder, ich weiß auch jetzt noch nicht genau, was alles im Buch mit den sieben Siegel steht, was der Plan Gottes für diese Welt letztlich beinhaltet. Ich glaube aber, ja ich bin fest davon überzeugt, dass ein menschenwürdiges Leben für alle, d. h. ein Leben in Frieden ohne Angst und Hunger ganz bestimmt dazu gehört. Und ich bin überzeugt, dass dies keine schöne Zukunftsvision ist, sonder schon hier und heute ein Stück Wirklichkeit werden kann, wenn wir es nur wollen. 

Amen

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