Gottesdienst in St. Johannis am Buß- und Bettag am 22. 11. 2017

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St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Aus der Ferne....."

Vom Baum und seinen Früchten, Predigttext Matthäus 12,33-37
Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz. Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden. 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. 

Liebe Schwestern und Brüder! 

I.

Ich fliege nicht gern im Flugzeug. Aber auf meiner vorherigen Pfarrstelle auf der Krim blieb es nicht aus, dass ich ab und an ins Flugzeug steigen musste, um ein paar Tag Urlaub zu Hause in der Heimat zu verbringen. Bei jedem Start und bei jeden Landung habe ich mich am Sitz festgeklammert, als würde das etwas nützen. Doch dann war ich oben, hoch über den Wolken mit dem Blick nach unten auf Wälder, Flüsse, Seen, Straßen – und das ist schon ein besonderes Gefühl. Unseren Lebensraum so aus der Distanz zu sehen, und sich vorzustellen, wie dort unten Menschen gerade im Garten arbeiten, Kinder von der Schule nach Hause gehen und vieles mehr. Alles sieht so friedlich aus. „Aus der Ferne betrachtet“, so der Titel des Liedes, das wir gerade gehört haben: From a distance, geschrieben von Julie Gold, das gehörte musikalische Arrangement geht auf Bette Middler zurück. 

Aus der Ferne betrachtet sieht die Welt blau und grün aus. Und die Berge haben Mützen aus Schnee. Aus der Ferne betrachtet treffen die Ozeane die Flüsse und die Adler fliegen. 

Aus der Ferne betrachtet ist hier Harmonie und diese ist wie ein Echo durch das Land. Es ist die Stimme der Hoffnung, es ist die Stimme des Friedens, es ist die Stimme jedes einzelnen Menschen. 

So ist unsere Welt das aus der Ferne betrachtet. Doch wenn man ein gutes Fernglas hätte und mal ranzoomt, was da unten genau vor sich geht, dann ist Manches zum Erschrecken: 

Streit, böse Worte und Machtkämpfe in unseren Familien, in unseren Firmen, in unserer Politik. Vertriebene Menschen auf der Flucht. Hungertode und Kriegstote liegen auf den Schlachtfeldern und den Dürren Afrikas 

Julie Gold dichtet: 

Aus der Ferne betrachtet siehst du aus wie mein Freund, gerade noch so gedacht, haben wir Krieg. Aus der Ferne betrachtet kann ich es einfach nicht verstehen, für was all das Kämpfen gut sein soll. 

Aus der Ferne betrachtet sind doch all diese großen Kriege in der Welt und diese kleinen Kämpfe unter uns unnötig. Aus der Ferne betrachtet versteht man nicht, dass die Welt so ist, wie sie ist, es könnte doch alles so schön sein, mit den Worten des Lieds: 

Aus der Ferne betrachtet haben wir alle genug, und niemand ist in Not. Und da sind keine Waffen, keine Bomben und keine Krankheit, keine hungrigen Mäuler zu füttern. 

II. 

Julie Gold bringt in ihrem Lied auch Gott ins Spiel: 

Gott beobachtet uns, aus der Ferne. 

Ich stelle mir vor, dass Gottes Blick ähnlich ist. Er sieht aus der Ferne in uns seine guten Geschöpfe, und wie schön alles sein könnte: „Und siehe: Es war sehr gut“, das waren seine Worte bei der Erschaffung der Welt. 

Und zugleich sieht er aus der Nähe, was wirklich unter uns los ist. Und das tut ihm weh, und er will was ändern. 

Julie Gold hat einmal gesagt: „Ich glaube an einen immanenten und barmherzigen Gott.“. Dazu gehört auch, dass Gott heilend in unserer Welt wirken und sie wieder zurechtbringen will. Er tut dies auf ganz unterschiedliche Weise. 

Heute am Buß- und Bettag erzählt der Predigttext von einer dieser Weisen, nämlich davon, dass er uns den Spiegel vorhält und auffordert, uns zu ändern. Schon die Propheten mussten immer wieder an die Menschen appellieren, und manchmal war das sogar von Erfolg gekrönt, wie der Sinneswandel der Bewohner von Ninive beweist, zu denen Jona gesandt wurde. 

Das ist auch ein Teil von Jesu Sendung und von seinem Auftrag: Die Menschen zur Umkehr zu rufen!! 

Jesus lädt uns als seine Hörer im heutigen Predigttext heute ein, einen Baum zu betrachten: 

Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. 

Das ist zunächst eine biologische Beobachtung: Wir sehen die gute oder schlechte Frucht, und können daraus Rückschlüsse auf den Baum ziehen. 

Diese Beobachtung überträgt Jesus auf uns Menschen: 

Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz. 

Jesus beschränkt sich in seiner weiteren Rede auf eine Art von Frucht: nämlich auf den Bereich der Worte, getreu dem Spruch aus den Apokryphen: „An den Früchten merkt man, wie der Baum gepflegt ist und ebenso merkt man an der Rede eines Menschen, was das Herz denkt(Jesus Sirach 27,7). 

III. 

Worte sind scharf wie ein Pfeil, gute wie schlechte. Worte setzen sich im Herzen des anderen Menschen fest. Die deutsche Schriftstellerin Hilde Domin hat ein Messer mit einem Wort verglichen. Sie sagt: »Besser ein Messer als ein Wort. / Ein Messer kann stumpf sein. / Ein Messer trifft oft / am Herzen vorbei. / Nicht das Wort«. 

Das Wort hat Kraft und erreicht das Herz. Ein gutes Wort, das uns jemand sagt, tragen wir lange mit uns herum, freuen uns daran, denken gerne daran zurück, schöpfen daraus Kraft. Und unter einem schlechten Wort leiden wir. Es kann uns den Schlaf rauben. Es kann Beziehungen zwischen Menschen zerstören und Brücken abbrechen. 

»Unser Wort ist gefährlich; es kann der Giftpfeil sein, mit dem wir uns selbst und andere verderben können. ... Unser Wort ist aber auch köstlich, es ist die Schale, in der wir unser Herz verschenken« (Hans Asmussen). 

Beim genauen Blick auf die Welt, da fallen die vielen unnötigen Wörter auf, die verletzen und Menschen entzweien und manchmal schlimme Folgen haben. Vieles, auch die Kriege, fangen meist mit solchen Wörtern an. 

Jesus kennt die Worte, die wir Menschen von sich geben – es sind leider oft keine Worte des Friedens. Mit Worten werden wir oft aneinander schuldig. Und deshalb spricht er diesen Bereich heute einmal ganz besonders an. 

Es ist ein Teil von Jesu Auftrag, zur Umkehr zu rufen. Er tut dies heute, in dem er dieses Gleichnis vom Baum und seinen Früchten erzählt, und indem er das nicht verschweigt, was einmal auf uns zukommt, wovon aber viele Menschen nichts hören wollen, oder was sie am Liebsten ins Reich der Mythen verbannen würden: 

Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben. 37 Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden. 

Also: Prüfen wir unsere eigenen Worte! 

Befragen wir unsere Worte: 

- Baut das, was ich sage, den anderen, schenkt es Freude auf oder verletzt es und schafft es Kummer? 

- Hat unsere Stimme einen liebenswerten Klang oder einen aggressiven? 

- Sind wir nur zu denen freundlich, die auch zu uns freundlich sind? Oder sind wir auch zu denen freundlich, die uns unfreundlich entgegenkommen? 

- Sprechen und Schreiben wir stets die Wahrheit, oder mogeln wir uns manchmal aus welchem Grund auch immer mit Halbwahrheiten durch? 

Martin Luther schreibt zum 8.Gebot „Du sollst nicht lügen“ Interessantes: »Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unseren Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, übel nachreden oder bösen Leumund machen, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.«. Er sagt also: Das Gebot Gottes meint nicht nur, dass wir stets die Wahrheit zu sagen hätten. Gott will vielmehr, dass wir Gutes reden mit und über den anderen. Gutes Reden ist ein engagiertes Reden, das sich auf den anderen Menschen einstellt, absehen kann von vermeintlichen Wahrheiten. Jeder Mensch hat verschiedene Seiten, immer auch positive. Und wir dürfen einen Menschen nicht auf das Schlechte festlegen. Andere sind Kinder Gottes wie wir, und Gott sieht auch die guten Seiten. Wenn wir über das Gute reden, wird es gestärkt. Gutes Reden, will alles zum Besten zu kehren. So kann Gutes Reden zu einer Veränderung der Gesellschaft führen, weil der andere stärker in den Blick kommt, als Sachzwänge oder eigene Interessen. Am Buß- und Bettag sollen wir nicht nur unsere Schuld erkennen. Wir sollen nach vorne blicken und uns neu ausrichten. Dazu können diese Worte Luthers helfen: Gut von anderen zu reden, ist eine solche Perspektive der Erneuerung im Bereich der Worte, um die es Jesus heute geht. 

IV. 

Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens. 

Jesus verweist hier darauf, daß das Herz verändert werden muß, ehe sich Gedanken, Worte und Taten ändern können. Wir müssen uns von innen her erneuern, damit das Gute aus unserem Herzen herausfließen und zum Wort und zur Tat werden kann. Darum ist der Bußtag auch ein Bettag, an dem wir Gott unser Herz öffnen und ihn bitten, dass er es mit seiner Liebe füllen möge. So werden auch wir gute Früchte hervorbringen. 

Zum Buß- und Bettag gehören verschiedene Stationen, und wir werden sie heute im Gottesdienst durchlaufen: 

1) Zum ersten die Beichte mit dem Bekenntnis unserer Schuld: Wir werden nach der Predigt Gottes Willen hören, unsere Schuld erkennen und ihm diese Schuld nennen und um Vergebung bitten. 

Und wer ernstlich um Vergebung bittet, der darf wissen: Ihm ist vergeben durch Jesu Tod am Kreuz. Denn auch das wurde Teil seiner Sendung: Sein Kreuzestod hat ein für alle mal den Graben zwischen uns und Gott überbrückt. Gottes Vergebung steht über unserem Leben. Der Bußtag erinnert uns auch an diese immerwährende Liebe und Vergebungsbereitschaft Gottes. 

2) Das Abendmahl: Hier feiern wir die Gemeinschaft mit Gott: Denn er verstößt uns nicht. Wem er vergibt, dem ist vergeben. Es ist das Mahl der Versöhnung. 

3) Die Segnung: Uns wird neu und ganz persönlich der Segen zugesprochen, damit wir nicht nur Gottes Gegenwart neu versichert werden, sondern durch seine Kraft auch künftig auf seinen Wegen wandeln. Der Buß- und Bettag will uns ermutigen, uns an Jesus und an seiner Liebe zu Gott und den Menschen zu orientieren. 

4) Das Fürbittgebet: Wir werden die Nöte in der Welt Gott ans Herz legen und um Heilung aller Wunden bitten. 

Diese vier Stationen werden wir nun miteinander durchlaufen. Beichte, Abendmahl, Segen, Gebet – dadurch wirkt Gott und dadurch hilft er uns, dass wir neu werden und unsere Worte anderen zum Segen werden. 

Wenn sich immer mehr Menschen in diesen Prozess der inneren Neuorientierung rufen lassen, wird sich das Angesicht der Erde verändern. 

Diese Hoffnung auf Verwandlung und Überwindung des Bösen hat auch das Lied „From a distance“: 

Julie Gold dichtet: 

Aus der Ferne betrachtet ist hier Harmonie und diese ist wie ein Echo durch das Land. Es ist die Stimme der Hoffnung, es ist die Stimme des Friedens, es ist die Stimme jedes einzelnen Menschen. 

Dieses Echo durch das ganze Land, das ist für mich die Stimme des Evangeliums, das unsere Herzen und die aller Menschen erreicht und Hoffnung, Liebe und Frieden in diese unsere Herzen legen will. 

Wenn das mehr und mehr geschieht, dann können wir hoffentlich einmal unser Lied umdichten: 

Auch aus der Nähe betrachtet haben wir alle genug und niemand ist in Not. 

Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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