Gottesdienst in St. Johannis am 3. September 2017 - Einweihung des behindertenfreundlichen Zugangs

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St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Weggefährten"

Predigttext:

1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.

2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.

3 Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!

4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;

5 denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet.

Predigt:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Weggefährten,

sich auf den Weg machen, unterwegs sein – das haben viele in den letzten Wochen getan oder tun es gerade jetzt: Es ist Ferienzeit, Urlaubszeit.

Wir waren eine Woche in Kroatien. Und sind dabei ganz unterschiedliche Wege gegangen. Da war die breite Strandpromenade, eben und barrierefrei, auf der wir gemütlich entlangspaziert sind. Freilich war sie oft überfüllt, so dass man Slalom laufen musste, um voranzukommen. Und wir waren in den Bergen, steile und enge Pfade von der Küste nach oben, Geröll, Wurzeln, Felsen, um die es zu klettern galt. Überhaupt nicht barrierefrei, oft anstrengend zu gehen, und das mit einem kleinen Kind auf dem Arm – und trotzdem war es natürlich ein tolles Erlebnis: nicht nur, dann oben zu sein und die Aussicht zu genießen, sondern auch die interessanten Pfade mitten durch die Natur. Wege gibt es verschiedene, steile und steinige, breite und ebene. Das gesamte Dasein des Menschen lässt sich auch als so ein Weg verstehen – manchmal steil und steinig, manchmal breit und eben. Und auch unsere Beziehung zu Gott ist wie ein Weg: Denn in Beziehungen kommt der eine zum anderen oder man geht gemeinsam aufeinander zu.

1.

Wie ist dieser Weg zwischen uns und Gott beschaffen? Ist er barrierefrei, kommen wir oft zueinander, oder gibt es da Hindernisse?

Vorhin haben wir vom Propheten Jesaja gehört, welcher Ruf in der Wüste laut wird: „Bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott. Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade werden, und was hügelig ist, soll eben werden“. Soll – das heißt, dass es im Leben solche Berge und Täler zwischen uns und Gott gibt.

Für viele besteht das größte Hindernis darin, dass sie einfach zu viel um die Ohren haben: Arbeit, Familie, Haus und Garten, Freizeit, Hobby. Eingebunden in diese Geschäftigkeit ist kaum Raum, um Gott zu begegnen.

Für andere ist vielleicht die Kirche an sich eine Hürde: weil sie keinen Zugang finden zum kirchlichen Denken, weil sie nicht in christlicher Tradition aufgewachsen sind und die kirchliche Sprache nicht verstehen, und sie unsere Rituale nicht nachvollziehen können.

Es gibt auch die Berge von Arroganz und Selbstgefälligkeit, die den Blick auf Gott verstellen, bei den Zeitgenossen, die nur sich selbst sehen und denken, sie seien die Besten.

Und genauso gibts tiefen Täler des Leids und der Einsamkeit, die blind dafür machen, dass Gott uns begegnen und mit uns Gemeinschaft haben will. Und das Tal der Schuld, die auf einem Menschen lastet, und der sich deswegen nicht traut, Gott im Gebet unter die Augen zu treten.

Gegenüber diesen Bergen und Tälern, die einen Menschen von Gott trennen, ist das Problem eines unebenen Weges oder besser das Vorhandensein von Treppenstufen, die für Kinderwägen und Rollstühle den Zugang zur Kirche sehr schwer machen, rein technischer Natur.

Und doch war der Zugang für unsere Kirche für viele Menschen ein wirkliches Problem: Seit die Kronacher Straße höher gelegt wurde, gibt es diese Treppenstufen, die hinab zum Portal unserer St. Johanniskirche führen. Ich weiß nicht, wieviele Menschen sich im Laufe dieser Jahrzehnte schon über diese Stufen geärgert haben, wieviele nur mit größter Mühe in die Kirche gekommen sind, und wieviele vielleicht auch gerade wegen dieser Stufen nicht mehr gekommen sind. Ich erinnere mich gut daran, als wir ab und an Rollstuhlfahrer mit ihrem Rollstuhl diese Stufen hinabgetragen haben. Sehr beschwerlich, und von alleine könnten sie nie in die Kirche kommen.

Passt das zu dem, was Gott ankündigt?

Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist.

Zu jedem Menschen will Gott eine Beziehung haben. Jeder wird von ihm geachtet, ob alt oder jung, ob krank oder gesund, ob Christ oder Nichtchrist. Jedem Menschen soll deshalb die Möglichkeit gegeben werden, in die Kirche zu kommen. Viele öffentliche Gebäude erreichten barrierefreie Zugänge, z.B. auch unser Rathaus. Und gerade auch als kirche müssen wir jedem die Möglichkeit geben, zum Gottesdienst kommen zu können. – Aber warum eigentlich?

2.

Warum ist es eigentlich wichtig, die Täler und Berge, die uns von Gott trennen, zu überwinden? Und: Warum ist es wichtig, dass durch barrierefreie Zugänge mehr Menschen ermöglicht wird, in die Kirche zu kommen?

Oder anders gefragt: Was geschieht, wenn ein Mensch mit Gott zusammentrifft, wenn Mensch und Gott sich begegnen?

a.

Der Prophet Jesaja beschreibt genau das näher. Er zitiert Gott, der spricht: Tröstet, tröstet mein Volk!

Trost findet ein Mensch in der Gegenwart Gottes. Wie geschieht das, dass Gott tröstet? Der Trost liegt in der Gottesbeziehung selbst: zu wissen, dass er für mich da ist und um meine Not weiß, zu sehen, zu hören, zu fühlen und in Brot und Wein sogar zu schmecken, dass Gott auf meiner Seite ist. Mit neuer Kraft den Weg weitergehen. Gott vertröstet nicht, sondern macht, dass Menschen stark wie ein Baum werden und es bleiben können.

b.

Was geschieht, wenn Mensch und Gott sich begegnen?

Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist.

Gott macht uns frei von all dem, was uns knechtet, sogar das sich ständig drehende Mühlrad unserer Geschäftigkeit kann er bremsen.

Er nimmt Lasten ab. Und er macht uns frei dazu, Schuld nicht unter den Teppich zu kehren, sondern beim Namen zu nennen und zu überwinden, weil Gott um Christi willen seine Vergebung anbietet. Gott vergibt, und hilft, einen neuen Anfang zu wagen. Er eröffnet neue Wege zueinander und miteinander. 

c.

Kurz und bündig sagt Jesaja: Wo wir mit Gott zusammentreffen, da wird die  Herrlichkeit des HERRN erlebbar.

Die Herrlichkeit Gottes blitzt auf, mitten im Leben. Die Herrlichkeit Gottes, der uns stützt und trägt und auf rechter Straße führt, der uns reichen Segen schenkt. Die Herrlichkeit Gottes, der uns durch sein Wort recht leitet und stärkt.

3.

Es lohnt sich, mit Gott zusammenzutreffen. Darum der freudige Ruf der Stimme in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg, macht eine ebene Bahn unserem Gott. An das ganze Volk Gottes ergeht dieser Auftrag: Bereitet dem Herrn den Weg, helft dazu, dass Gott bei euch und bei den anderen ankommt.

a.

Für unsere St. Johanniskirche haben wir diesen Ruf gehört und beherzigt:

Vor vier Jahren haben wir im Kirchenvorstand begonnen, die Idee eines behindertenfreundlichen Weges zu verfolgen. Und heute weihen wir das Resultat ein. Macht eine ebne Bahn unserem Gott, ruft die Stimme in der Wüste. Wir haben die Bahn  geebnet, damit Menschen einfacher in die Kirche kommen können.

Wir freuen uns heute sehr über diesen neuen Weg. Wir freuen uns, dass nun Eltern mit ihren Kinderwägen, ältere Menschen mit ihren Rollatoren, körperlich behinderte Menschen mit ihren Rollstühlen viel einfacher als früher in unsere Kirche kommen können, und dass dies auch dankbar genutzt wird. Wir freuen uns, dass wir diesen Weg heute offiziell einweihen.

b.

„Macht eine ebne Bahn unserm Gott“: „Es handelt sich bei diesem Bibelwort nicht um eine altorientalische Anleitung zum Autobahnbau, sondern um die Frage, was wir denn selbst tun können, um Gott zu begegnen. Wie wir uns auf ihn vorbereiten können.“

Wie sieht es also aus mit den anderen Barrieren, mit den anderen Bergen und Tälern, die uns von Gott trennen? Wollen wir diese auch abbauen? Und wie bauen wir sie ab?

Man könnte jetzt in der Predigt über vieles theoretisch nachdenken. Aber hilfreich für jeden persönlich wird es nur, wenn jeder für sich selbst zuvor die Frage beantwortet: „Was sind die Berge, die Klippen und die tiefen Täler in meinem Leben, die einer Gottesbegegnung im Weg stehen? Was versperrt mir den Blick auf den Glanz seiner Herrlichkeit?“.

Wer sich diese Frage stellt und für sich beantwortet, der stößt dann oft schon auf die Antwort, wie er ein Tal zu Gott auffüllen oder einen Hügel einebnen könnte.

Für diejenigen mit dem Berg der Geschäftigkeit beispielsweise könnte die Antwort darin bestehen, sich einfach mehr Gott auszusetzen, ihm Raum zu geben, um im eigenen Leben zu wirken: sich ihm auszusetzen, indem ich Worte der Bibel in mein Leben sprechen lasse, indem ich wirkliche Zeit fürs Gebet finde, in dem ich regelmäßig den neuen Weg in die Kirche  nutze.

c.

„Macht eine ebene Bahn unserem Gott“. Ein Auftrag, auch den Weg zwischen Gott und anderen Menschen hin zu ebnen. Wir als Gemeinde setzen ja viel auf Eigeninitiative und sagen: Jeder kann ja im Gemeindebrief und in der Presse lesen, was es für Veranstaltungen in der Gemeinde gibt, und überlegen ob er kommen will. Jeder kann ja selbst was lesen, wenn er mehr über Gott und sein Wirken in der Welt wissen will. Aber manchmal, da wartet jemand nur darauf, persönlich angesprochen zu werden, und manchmal erkennt jemand erst im persönlichen Gespräch, was ihm guttun würde. Und manch einer erlebt nur so, dass Kirche gar nichts lebensfremdes ist, sondern dass ein Christ mitten im Leben steht, und dass sich das Leben mit Gott rentiert.

Mach eine ebene Bahn deinem Gott, damit er zu dir und zu anderen kommen kann - ein Auftrag an uns alle.

d.

Manchmal aber, da schaffen wir das aus uns nicht, ihm den Weg zu bahnen, z.B. wenn wir im Tal großen Leids gefangen sind. Können wir jedes Tal, das uns von Gott trennt, selbst auffüllen? „Alle Täler sollen erhöht werden und alle Berge sollen erniedrigt werden“ übersetzt Luther. Hier steht ein neutrales „Sollen“, hier ist anders als zuvor, wo wir einen Auftrag bekommen,  von unserem Tun nicht mehr die Rede. Ich habe nachgeschlagen: Wörtlich übersetzt steht hier: „Alle Täler werden erhöht werden, und alle Berge werden erniedrigt werden.“. Dieses „Werden“ zeigt: Es steht fest, dass es geschehen wird. Weil es eben zum Glück nicht nur an uns liegt, ob wir Gott begegnen. Wir können ihm dem Weg ebnen, aber er ist es, der kommt. Und der selbst die Macht hat, die Hügel einzureißen, die Täler zu füllen und alle Barrieren zur Seite zu räumen kann: seine Herrlichkeit wird offenbart werden.

Liebe Weggefährten auf dem Lebens- und Glaubensweg,

im Urlaub sind wir auf steilen Pfaden hinauf in die Berge gewandert. Manchmal war es mühsam, manchmal ist auch ein schwerer Lebensweg zu gehen. Doch oft sind es genau solche schweren Wege, auf denen wir Gott ganz nahe kommen, weil er uns da seinen Trost, seine Kraft erleben lässt. Oft ist unser Lebensweg barrierefrei wie die Strandpromenade. Achten wir aber darauf, dass bei all dem, was auf dieser Promenade los ist, wir auch Gott immer wieder finden.

Liebe Weggefährten,

bauen wir Barrieren ab, und nutzen wir unseren barrierefreien Weg in unsere Kirche, denn hier in St. Johannis ist einer dieser Orte, wo wir auf Gott treffen: wo nicht der Lauf der übrigen Welt und des Lebens ausgeklammert wird, sondern wo Menschen auf ihrem Weg durch diese Welt immer wieder neu an die Herkunft und das Ziel ihres Lebens und der ganzen Schöpfung erinnert werden. Hier in St. Johannis ist einer der Orte, an dem die Herrlichkeit Gottes aufblitzt, der hier dem kleinen Baby in der Taufe, dem Konfirmanden und dem Brautpaar genauso wie jedem Besucher am Ende eines Gottesdienstes seinen Segen schenkt und dadurch im Leben Gutes gedeihen lässt, und der uns an seinen festlichen Tisch zu Brot und Wein einlädt, ein Vorgeschmack auf das große Mahl im himmlischen Jerusalem.

Lasst uns regelmäßig den neuen Weg oder die alten Stufen nutzen, und in St. Johannis auf unserem Lebensweg Rast machen und hier die Herrlichkeit Gottes erleben.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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