Gottesdienst in St. Johannis am 11. Sonntag nach Trinitatis - 12. August 2018

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St. Johannis

Predigt:
Diakon Günter Neidhardt

"Die Goldene Regel der Liebe"

Predigttext (Übersetzung Gute Nachricht): Gal. 15+16, 19-21 

Zwar sind wir durch unsere Geburt Juden und keine Sünder wie die Menschen anderer Völker. Trotzdem wissen wir inzwischen sehr genau, dass wir nicht durch Taten, wie das Gesetz sie von uns fordert, vor Gott bestehen können, sondern allein durch den Glauben an Jesus Christus. Wir sind doch deshalb Christen geworden, weil wir davon überzeugt sind, dass wir nur durch den Glauben an Christus von unserer Schuld freigesprochen werden; nicht aber, weil wir die Forderungen des Gesetzes erfüllen. Denn kein Mensch findet durch gute Werke Gottes Anerkennung. Durch das Gesetz nämlich war ich zum Tode verurteilt. So bin ich nun für das Gesetz tot, damit ich für Gott leben kann. Mein altes Leben ist mit Christus am Kreuz gestorben. Darum lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir! Mein vergängliches Leben auf dieser Erde lebe ich im Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der mich geliebt und sein Leben für mich gegeben hat. Ich lehne dieses unverdiente Geschenk Gottes nicht ab – ganz im Gegensatz zu den Christen, die sich noch an die Forderungen des Gesetzes halten wollen. Könnten wir nämlich durch das Befolgen des Gesetzes von Gott angenommen werden, dann hätte Christus nicht zu sterben brauchen. 

Stilles Gebet 

Liebe Schwestern und liebe Brüder 

»Wie stehe ich vor anderen da?« darüber machen sich viele von uns Menschen Gedanken. Das gilt, so denke ich für Kinder, für Jugendliche (wie finden mich Andere, wie finden mich die Mädels? Umgekehrt wie finden mich die Jungs) das gilt aber auch für die mit20er, 30er, 40er, 50er, 60er, ja bis ins hohe Alter. ES hängt scheinbar viel davon ab, wie andere uns wahrnehmen. „Wie stehe ich vor anderen da?“ fragen Erwachsene vor allem bei einem Vorstellungsgespräch, bei der der Wohnungssuche. Man zeigt sich dann von seiner Schokoladenseite, möglichst kompetent und selbständig, Vielleicht auch cool. 

Wie stehe ich da? Wie sehen mich die anderen? Immer wieder geht es darum, sich im besten Licht zu zeigen. Dazu hilft ›Selbstoptimierung‹. Unzählige Personal Trainer, Coaches und Beraterinnen verdienen gutes Geld damit, uns fit zu machen für dieses oder jenes, unsere Kompetenzen zu erhöhen, unser Aussehen zu verbessern, unsere Gesundheit zu fördern und so unseren Erfolg zu ermöglichen. Der Griff in die Psychotrickkiste ist einfach, das Fintnessstudio verspricht einen definierten Körper und wenn das zu teuer ist, gibt’s ja noch die Schmicktipps…… 

Aber hilft das wirklich? Macht all das uns zu Menschen, die anerkannt und geachtet sind? Helfen uns modisches Auftreten, berufliche und sportliche Leistungsfähigkeit und Gesundheit zur Gemeinschaft mit anderen Menschen auch fern vom Berufsalltag? 

Hilft es uns, Angehörigen und Freunden treu zu sein und nahe zu bleiben nicht nur in guten Zeiten, sondern auch in den schweren? Was brauchen wir, um nicht nur oberflächliche Gemeinschaft mit anderen Menschen zu haben im Verein, einer Initiative, einer Partei oder der Kirchengemeinde? Was ist der Sinn unseres Lebens, was gibt uns Halt? Helfen irgendwelche Aktivitäten und Verhaltensweisen uns, zu leben, was wir als wahr und richtig erkannt haben, und vor allem, helfen sie uns, so zu leben, wie es Gottes Willen entspricht? 

Nein, musste Paulus, der Verfasser unseres heutigen Predigttextes, erkennen. Das tun sie nicht. Es ist ein Trugschloss zu meinen, wir könnten uns mit allerhand Methoden selbst optimieren. Zumindest nicht wirklich. Vordergründiges Blenden mag sein, auf Dauer trägt das nicht. 

Als Hinweis und Richtschnur für unser Handeln lässt Paulus einzig das Beispiel Jesu gelten. Er hat vorgelebt, wie Zusammenleben möglich ist, über alle gesellschaftlichen und religiösen Unterschiede hinweg. Zwar lebte Jesus im Geist der zehn Gebote und der anderen 603 Gebote der Tora, aber er legte sie jeweils situationsbezogen kreativ aus. So befolgte Jesus die jüdischen religiösen Gesetze nicht schematisch (das macht man eben so, basta) ja, er widersetzte sich sogar ihrer allgemein üblichen Auslegung. 

Damit irritierte Jesus strenggläubige Juden – zuerst auch den Apostel Paulus, einen hasserfüllten Gegner der jungen Jesusbewegung. Erst als Jesus selbst ihn ausbremste, legte Paulus eine 180-Grad-Lebenswende hin und wurde fortan zu einem glühenden Anhänger Jesu (Apg. 9), (ich erinnere daran, wie, in der direkten Begegnung mit Christus, aus dem Saulus ein Paulus wurde) der viele Gemeinden gründete, auch die in Galatien (das liegt heute inmitten der Türkei). ER gründete diese Gemeinden auch mit nichtjüdischen Mitgliedern, sogenannten ›Heiden‹. Und es war ja tatsächlich eine große Auseinandersetzung in den erst christlichen Gemeinde, ja am Rande der Spaltung diskutiere man die Frage: Muss ein Christ zunächst Jude sein und alle jüdischen Gesetzte halten oder weißt das Christentum über das Judentum hinaus. 

Paulus hatte erkannt: Im Christentum geht es nicht darum Gesetzte einzuhalten und so schreibt er den Galatern: (Gal 2,16), das war Paulus umstürzende Glaubenserkenntnis, die er immer wieder betonte. Ja, die Auseinandersetzung um die Frage der sogenannten Jundenchristen und der sogenannten Heidenchristen droht die Gemeinden aufzureiben. Vielleicht zu spalten, vielleicht wäre das Christentum nur ein Fußnote in der jüdischen Geschichte geworden, wenn diese Erkenntnis „Durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht“ die richtige Richtung wies. In bester Absicht und vollster Überzeugung in die falsche Richtung zu laufen, ist auch uns nicht fremd. Einsicht kommt manchmal erst durch einen Burnout, eine schwere Krankheit, eine Lebenskrise oder auch dadurch, dass jemand erfährt, dass es nicht sinnlos ist, zu beten, und Gott uns hört, wenn wir verzweifelt rufen und uns dadurch neue Kraft zuwächst, mit der wir niemals mehr gerechnet hätten. 

Unterschiedlichste Methoden der Selbstoptimierung, vielfältige Aktivitäten oder umfassende Schulungen verhelfen zu keinem erfüllten Leben, das auch Tiefschläge aushält. Im Coburger Land war vor Jahren die Methode des Neurolinguistischen Programmierens (NLP weiter verbreitet. Auch in kirchlichen diakonischen Einrichtungen. Die Methode ist letztlich daran gescheitert, weil Sie keinen Lebenssinn, der in dunkelsten Stunden noch trägt, vorsah. Weil sie vorgaugelte, das Leid und Not auszuprogrammieren. Selbstoptimierungsmethoden scheitert in den dunklen Stunden.. Sie geben keine Kraft für die Zukunft. 

„Durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht“, erkannte Paulus. Doch was ist ›gerecht‹? In den letzten Jahrzehnten ist Gerechtigkeit bei uns aus der Mode gekommen. Nur Papst Franziskus beharrt immer wieder darauf, und manchmal manche PolitikerIinnen. Dabei ist Gerechtigkeit für das Zusammenleben grundlegend (z.B. gleicher Lohn für Frauen und Männer, gerechte Verteilung der Ressourcen dieser Erde, Umweltzerstörung im Norden und Süden, Hungersnöte und Kriege, Klimawandel und seine Auswirkungen auf den Meeresspiegel). 

So verstandene Gerechtigkeit ist Verteilungsgerechtigkeit und leuchtet wohl jedem*r ein. Wer hat nicht schon als Kind um das größte Stück Kuchen oder den schönsten Apfel gestritten? Gerecht verteilt werden sollen aber auch Chancen – nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen den Generationen und Völkern aller Kontinente. Gewiss: Unsere Kinder sollen es einmal besser haben – aber wie ist das gerecht für alle Menschen auf dieser Erde in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Migration von Süd nach Nord? 

Solche Gerechtigkeit zwischen Menschen ist wichtig, keine Frage. Aber Paulus geht es vor allem um Gott und Gottes Gerechtigkeit. Sie ist der Maßstab für die Beurteilung unseres Lebens, nicht innerweltlicher statistischer Ausgleich von Ressourcen und Chancen. Nicht die Beziehung zwischen Menschen allein ist wichtig. Vorrang hat die Beziehung zwischen Gott und Mensch, konkret: zwischen Gott und jedem einzelnen Individuum. Die Tora-Gebote und insbesondere die 10 Gebote stützen und schützen diese Beziehung. Und im allen übergeordneten Gebot der Nächstenliebe sind alle anderen Gesetze zusammengefasst. 

Jesus Christus selbst hilft uns, diese „Goldene Regel“ „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“, zu befolgen und immer wieder mit Leben zu füllen.Das ist die Glaubenserfahrung zuerst von Paulus und später von Martin Luther und vielen anderen. Es kommt deshalb nicht mehr darauf an, religiöse Pflichten oder moderne Selbstoptimierungsstrategien geflissentlich zu befolgen. Denn weder die einen noch die anderen können uns vor Gott gerecht machen, erlösen, befreien. 

Das kann ausschließlich Jesus selbst. Wenn aber auch in uns wirksam wird „nicht mehr ich lebe, sondern Christus in lebt in mir“ (V. 20), wenn wir also Christus in unserem Leben Raum geben und Einfluss gewinnen lassen, können wir wie Paulus hoffen, ja mehr, darauf trauen, vor Gott gerecht, gerechtfertigt, zu werden. Z u sein! Aus eigner Kraft? Keine Chance! Sichtbar werden könnte solche Glaubenshaltung darin, dass wir versuchen, möglichst vielen Menschen gerecht zu werden, sie als Geschöpfe Gottes mit je eigener Würde zu achten und im Einklang mit der Schöpfung zu leben. 

Das ist die Folge daraus, vor Gott gerechtfertigt dazu zustehen. Die Folge, nicht die Voraussetzung!

Amen!

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