Gottesdienst im Curanum und in St. Johannis am Ewigkeitssonntag - 25. 11. 2018

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Curanum, St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Sterben ist mein Gewinn"

Predigttext: Phil 1, 21-26 

Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll. Denn es setzt mir beides hart zu: ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben, um euretwillen. Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben, damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme. 

Predigt: 

Gnade sei mit Euch, und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen. 

1. Sterben ist mein Gewinn 

Noch ein letztes "Prosit, auf unser Wohl!" und dann werden wir die Rechnung bezahlen Tief im Inneren spüren wir beide bereits die Kühle des Herbstes Zugvögel, die wir beide sind fliegen wir instinktiv los Wenn der Sommer vorbei ist und die dunklen Wolken die Sonne verdecken Weder du noch ich bin schuld, wenn alles gesagt und getan ist. 

Mit diesen Worten beginnt das Lied „When all is said and done“ der bekannten schwedischen Popgruppe Abba aus dem Jahr 1981, das wir gerade gehört haben. Das Lied umkreist das Abschiednehmen, gedichtet um die Trennung zweier Bandmitglieder zu verarbeiten. Zugleich ist das Lied durchsichtig für den Abschied, den wir von einem Menschen nehmen müssen, den uns der Tod entrissen hat. Die Kühle des Herbstes – ein Bild für das Älterwerden, für das Näherrücken des Todes. Zugvögel die wir sind – wir müssen irgendwann wieder los, aufbrechen von dem Ort, wo wir uns eingerichtet haben. Weder du noch ich bin schuld – der Tod kommt einfach, wir können ihn nicht aufhalten. Bitter, melancholisch spricht das die Realität des Todes aus. 

Wir Menschen sind sterblich. Und wir sterben ganz verschieden. Auch in unserer Kirchengemeinde im vergangenen Jahr. Gott Lob, wer „alt und lebenssatt“, wie die Bibel es nennt, sterben durfte, wer alt werden konnte, viel erlebt hat und zufrieden durch sein Leben ging. Gott geklagt, wo jemand unseres Erachtens „vor der Zeit“ gehen musste. Aber auch das gab es: Menschen, die zu leiden hatten, ohne Aussicht auf Besserung, und die gesagt haben: „Ich mag nimmer“, oder: „Ich möchte gern gehen“. Da kann dann der Tod sogar eine Erlösung sein, die schlimmeres Leiden erspart. 

Der Apostel Paulus sagt in unserem heutigen Bibelwort, das wir als Lesung haben zu uns sprechen lassen, ähnliches, und er meint doch ganz anderes. Er schreibt: „Sterben ist mein Gewinn“. Als Paulus diese Zeilen verfasst, sitzt er zwar im Gefängnis. So schlecht, dass er sich nach dem Tode als Befreiung von starken Schmerzen sehnen würde, geht es ihm aber nicht. 

Warum hat der Tod für ihn aber trotzdem etwas Gewinnbringendes? Ein Gewinn, das ist doch etwas Gutes und Schönes, das Freude macht. Vielleicht spielt jemand von ihnen gerne Lotto oder macht bei Preisausschreiben mit. Da winken tolle Preise oder hohe Geldsummen. Aber welchen Gewinn sollte der Tod bringen, wo doch ein individuelles Leben zu Ende ging, ein Mensch mit seiner ganzen Geschichte nicht mehr ist? 

Paulus könnte uns, wenn wir so fragen, eine Gegenfrage stellen: „Ja habt ihr denn vergessen, was damals bei Jesus geschehen ist? Als er am Kreuz gestorben war, drei Tage später? Da kamen doch die Frauen zum Grab und fanden seinen Leib nicht. Und der Engel sprach: Er ist nicht hier, er ist auferstanden! Und dann hat er sich ihnen gezeigt, und dann ist er den Jüngern erschienen, und schließlich sogar mir. Da haben wir begriffen: Gott hat den Tod besiegt. Und wenn du nun fragst: „Was hat das denn mit mir zu tun?“, so sage ich dir: Das hat Auswirkungen auf uns Christen, die wir durch die Taufe und unseren Glauben zu ihm gehören, Wir haben wir Anteil an seinem Sterben und Auferstehen. Deshalb bin ich gewiss: Nach dem Tod werde ich bei Christus sein. Das ist der Gewinn des Todes: ewige Gemeinschaft mit unserem Herrn.“ 

Liebe Schwestern und Brüder, Paulus hängt keinem Wunschtraum nach, sondern hat eine begründete Erwartung. Eine Erwartung, die Jesus selbst schon hatte, als er noch als Wanderprediger unterwegs war. Da hat er den Menschen ein großes Festmahl und himmlische Wohnungen, die er bereiten würde, vor Augen gestellt hat. Und auch Johannes von Patmos malt uns in seiner Offenbarung ein großartiges Bild von dem, was uns dort bei Gott einmal erwarten wird: ein himmlischen Jerusalem, wo Leid und Krankheit und Tod vergangen sein werden. 

Ein Festmahl, himmlische Wohnungen, ein neues Jerusalem – all das sind Bilder, die versuchen, das Unsagbare in Worte zu fassen. Keiner weiß, wie es wirklich dort bei Gott sein wird. Und doch tragen diese Bilder die Gewissheit in sich, dass wir in unserer persönlichen Identität bei Gott aufgehoben sein werden, und wieder Gemeinschaft mit ihm und unseren Lieben haben werden. 

Vertrauen wir also unsere Lieben und uns selbst auf dem letzten Weg Christus an! 

Hier vorne auf dem zweiten Emporenbild ist er dargestellt: Jesus Christus als Auferstandener. Auf der ersten Seite Ihres Liedblatts habe ich das Bild in der rechten Ecke abdrucken lassen. Er hat eine Fahne in der Hand, ähnlich wie die römischen Soldaten ihr Feldzeichen nach dem Sieg. Warum trägt Christus eine Siegesfahne? Seine Fahne, das ist die Siegesfahne über den Tod. Ein tröstliches Bild, wenn wir jemanden hergeben mussten oder selbst mit der Macht des Todes kämpfen. Christus hat den Tod besiegt. Er steht mit beiden Beinen fest im Leben und lässt uns an diesem Sieg teilhaben. 

Eine Gewissheit, die schon Auswirkungen auf unser Leben im Hier und Jetzt hat. 

2. Erinnerung und Situation des Paulus 

Wenn wir von jemandem Abschied nehmen müssen, dann blicken wir zurück auf die vielen gemeinsamen Wege, die wir gegangen sind. Etliche Erinnerungen kommen hoch an den Menschen, wie er war, an seinen Charakter und seine Vorlieben, an zusammen Erlebtes. Die Band ABBA blickt in der zweiten Strophe ihres Abschiedslieds auch zurück auf das, was gewesen ist: 

In unserem Leben sind wir einige seltsame und einsame Pfade gegangen Ich danke dir für deine großzügige Liebe und danke für all den Spaß. 

Ja, Dankbarkeit ist immer dabei, wenn wir Abschiednehmen. Sie steht neben der Trauer. Ich bin dankbar, diesen ganz besonderen Menschen gehabt zu haben. Ich bin dankbar für all das Gute, das gewesen ist und uns verbindet. Als Christ ist für mich Gott die Adresse, an die sich mein Dank richtet. 

Und ja, auch das stimmt: Ganz verschiedene Pfade geht ein Mensch im Leben. Es besteht aus viel Schönem und Gutem, aber auch aus schweren Wegen. Beides gehört dazu. 

So auch beim Apostel Paulus. Als er den Philipperbrief schreibt, befindet er sich in einem dunklen Tal, oder besser gesagt: in einem dunklen Gefängnisloch, wahrscheinlich in der Stadt Ephesus. Er ist gefangen und weiß nicht, was auf ihn zukommt. 

Er muss mit dem Todesurteil rechnen. Genauso kann es aber sein, dass sie ihn wieder freilassen werden. 

Vor dieser Alternative stehend, überlegt Paulus sich, was besser wäre. Und erstaunlich. Er sagt angesichts dieser Wahl, die er eigentlich gar nicht hat: „Sterben oder weiterleben - ich weiß nicht, was ich wählen soll. Es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben, um euretwillen.“. 

Auch ihm setzt das Sterben hart zu, wie wahrscheinlich jedem Menschen. Auch für ihn ist Sterben nicht leicht. Aber Paulus hat keine Angst vor dem Tod an sich. Er weiß sich im Sterben in Gottes Hand geborgen und ist sich sicher, dass er durch den Tod die Gemeinschaft mit Christus sicher erfahren wird. Darauf hat er Lust, auf diese Gemeinschaft mit Christus. Aber es gibt ein großes Aber: Paulus sieht sein Leben auch als Aufgabe: „Sterben wäre besser, aber es ist nötiger am Leben zu bleiben um euretwillen. Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen.“ 

3. Weiterleben mit einem Ziel 

Weiterleben – das ist ein Stichwort, das uns alle als Hinterbliebene oder besser: als noch auf Erden Zurückgebliebene betrifft. Auch die Band ABBA kennt diese Erfahrung, dass es irgendwie weitergehen muss, und thematisiert das in der dritten Strophe: 

Es ist so seltsam, wenn man niedergeschlagen ist und auf dem Boden liegt Wie man sich dann wieder aufrappelt, den Kopf schüttelt und es aufs Neue versucht Klar im Kopf und mit offenen Augen nichts unversucht gelassen 

„Aufrappeln“ nennt ABBA es, das Leben wieder in Gang bringen. Das fällt nicht jedem leicht: Ein 3-facher Vater und 7-facher Großvater hatte mit 63 Jahren viel zu früh seine Frau verloren. Für ihn war das fast wie sein eigener vorweggenommener Tod: Er hat über 10 Jahre ihre Hausschuhe unter dem Wohnzimmertisch stehen lassen und im Haus nichts verändert. Er hat sich in seiner Trauer vergraben und zurückgezogen. Dabei hätten ihn die Kinder und Enkel noch gebrauchen können, hätte das Leben vielleicht mit ihm noch einiges vorgehabt. 

Wir leben weiter, aber die entscheidende Frage ist: Wie? Oder auch: Wozu? Paulus hat sich diese Frage gestellt und sie für sich beantwortet. Sein Weiterleben dient dazu, Frucht zu schaffen. Dafür lebt er. Die Frucht besteht nicht nur darin, noch mehr Menschen die Frohe Botschaft zu bezeugen und sie zum Glauben an den dreieinigen Gott einzuladen, sondern auch darin, die bereits gewonnenen Christen in den Gemeinden mit Rat und Tat zu unterstützen. Genauso kam es dann auch: Er wird tatsächlich wieder aus dem Gefängnis entlassen und wirkt weiter segensreich als Apostel. 

Wie aber leben wir weiter? 

Die Toten sind in unseren Herzen, und Trauern ist wichtig. Und doch gilt es, sich auch dem Leben wieder neu zuzuwenden, sich wieder aufzurappeln, wie ABBA singt. Oder sogar noch eins mehr, wie es Paulus sagt: Frucht zu bringen. 

Die Lebenssituationen, in denen jeder von uns steckt, unterschieden sich da sehr. Den einen bleibt gar nichts anderes übrig, weil sie noch mitten im Berufs- und Familienleben stehen. Andere sind gefragt, Menschen und Orte zu finden, die ihnen selbst gut tun und/oder wo sie Frucht bringen können: zusammensein mit der Familie, für Kinder und Enkelkinder Dasein und sie hinein ins Leben begleiten, gute Gemeinschaft mit Freunden pflegen, eine angenehme Freizeitbeschäftigung, Engagement im Verein oder wie Paulus sich für die Sache Gottes in der Kirche einbringen. Auch gerade hier in der Kirchengemeinde ist der Ort, wo Christinnen und Christen Frucht bringen und für andere ein Licht sein können. Es stimmt: Der Verlust eines Menschen ist ein trauriger Einschnitt. Aber er darf uns nicht fesseln. Denn damit beginnt zugleich ein neuer Lebensabschnitt, der aber sein eigenes Gewicht und sein eigenes Recht hat. Das Leben geht weiter. Das gilt für uns alle. Gehen wir doch einmal in einer ruhigen Minute in uns mit der Frage: Was könnte Gott mit mir vorhaben? Was könnte mein Ort sein, Frucht zu bringen? Und wenden wir uns dem Leben neu zu. Mit all dem, was es mit sich bringt an Schönem und Gutem, vielleicht aber auch an Schwerem. 

Der Apostel Paulus hatte etwas, das ihn getragen hat bei all dem, was im Leben noch auf ihn zukam. 

4. Christus ist mein Leben 

„Sterben ist mein Gewinn“ sagt er, aber zuvor setzt er den Satz: „Christus ist mein Leben“. Bei Trauerfeiern werde ich gebeten, oft anderes zu sagen, nämlich: „Arbeit war sein Leben“. Zu Arbeiten ist freilich eine gute Tugend, und manchmal ließen die Umstände es gar nicht zu, anderes zu tun. 

Was ist mein Leben? Es geht bei dieser Frage nicht nur um das, was wir tun, sondern v.a. um das, was unser Leben letztlich ausmacht. Für Paulus ist Jesus Christus das, wofür er mit seiner ganzen Existenz steht, was ihn als Apostel voll und ganz ausfüllt. Da geht’s uns i.d.R. anders: Vieles ist es, was unser Leben ausmacht: Arbeit, Familie, Hobby, Freunde, ehrenamtliches Engagement, und freilich hat auch der Glaube darin seinen Platz. 

Das muss aber kein Widerspruch sein zu dem, was Paulus sagt: „Christus ist mein Leben“. Dieser Satz ist ein tiefes persönliches Bekenntnis des Apostels. Christus ist für ihn der Grund, worauf alles andere gründet. Er ist der, der sein Leben trägt: Das Fundament, wenn ein Sturm kommt. Die Kraft, wenn er sich schwach fühlt. Der Trost, wenn ihm Angst und bange ist. Der Begleiter auf allen Wegen durch dick und dünn. Der, der ihn immer wieder an die Liebe erinnert hat, die die Richtschnur im Umgang mit allen anderen sein muss. Der, der ihn einmal ans Ziel kommen lässt. Jesus Christus ist der, der allem erst den rechten Stellenwert gibt. 

Wenn ich so auf Paulus blicke, dann möchte ich genau das auch für mich: den lebendigen Christus mit all dem Guten, das er auch für mein Leben bringt, mit den Herausforderungen, die ich zu bestehen habe. 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

„Wir streben nach dem Himmel“. Diese letzte Formulierung aus dem Lied von ABBA greife ich aus der Mitte des Lieds heraus: Auch wenn ABBA „Himmel“ wohl ganz irdisch meint, stimmt das für mich als Christ genau so: Ich strebe nach dem Himmel: dem Himmel Gottes auf Erden: ein lebenswertes Leben für alle Menschen, gelingendes Leben mit Gott an der Seite. Und ich strebe zugleich nach dem Himmel am Ende der Zeiten: Ich möchte dabeisein bei dieser ewigen Gemeinschaft untereinander und mit Gott. In der Gewissheit, dass Christus da ist, um mich in der Stunde meines Todes aufzunehmen, bin ich bereit, das Leben mit all seiner Freude, aber eben auch mit seiner Not und Trübsal anzunehmen. 

Und deshalb sage ich wie Paulus mit großem Vertrauen: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“. Amen 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus. Amen

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