Gottesdienst am Sonntag Septuagesimae in St. Johannis am 1. Februar 2015

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 St. Johannis,
Oberwohlsbach

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Von der Gerechtigkeit"

Predigttext: Matthäus 20,1-16a

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. 

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein großes Projekt der großen Koalition im vergangenen Jahr war der Mindestlohn: 8,50 EUR sollen es sein, die jeder für eine Stunde Arbeit mindestens bekommen soll. Der Mindestlohn wurde heiß diskutiert, und ist mit vielen Fragen verbunden. Die Hauptfrage dabei: Braucht es ihn überhaupt? Ich denke ja, denn ein Mensch soll von dem, was er für seine Arbeit bekommt, auch leben können: Rund 3,7 Millionen Beschäftigte im Niedriglohnsektor profitieren von dieser Neuregelung. Der Mindestlohn schützt sie vor Dumpinglöhnen und verringert so die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die trotz Vollzeitbeschäftigung auf Sozialleistungen angewiesen sind.

Aber die anderen Fragen sind da schon schwieriger zu beantworten: In welcher Höhe muss der Mindestlohn festgesetzt werden? Reichen 8,50 EUR?

Und ist es gut, dass manche Branchen ausgenommen werden, und ihnen Übergangsfristen zugebilligt wurden, wie z.B. bei den Friseuren und in der Landwirtschaft? Warum wird diesen Menschen der Mindestlohn vorenthalten, obwohl sie meist genauso hart arbeiten wie die anderen?

Und noch eine Frage: Sind wir selbst als Verbraucher auch bereit, mehr zu zahlen für die Zeitung oder die Frisur?

Was ist also gerecht?

Jesus erzählt uns heute eine Geschichte, die sich mit dieser Frage beschäftigt. Seine Geschichte stellt unsere Vorstellungen ersteinmal auf den Kopf.

Der Stachel im Fleisch unserer Gesellschaft

Liebe Gemeinde! Ist das gerecht, was jener Weinbergbesitzer tut, von dem Jesus erzählt? Den Protest der zuerst eingestellten Arbeiter haben wir bei Matthäus gehört.

Die zuletzt eingestellten Arbeiter dagegen werden das wohl ganz anders sehen und könnten sagen: „Wir hatten großes Glück! Wir haben nur eine Stunde gearbeitet, und hätten nach den üblichen Löhnen nur einen Bruchteil eines Silbergroschens verdient. Und das hätte mir großes Leid gebracht: Denn um meine Familie zu ernähren, da brauche ich pro Tag mindestens einen Silbergroschen. Ich sehe oft genug den enttäuschten Blick meiner Frau, wenn ich Abends oft nach Hause komme, und viel zu wenig Geld mitbringe, um genug Lebensmittel kaufen zu können. Heute ist das anders, obwohl es tagsüber für mich düster aussah. Da kam der Weinbauer gegen Abend, hat mich noch eingestellt, und mir einen vollen Tageslohn gezahlt. Welch ein barmherziger Chef!

Liebe Gemeinde! Die Geschichte ist also nicht so einfach einzuordnen: Sie ruft Widerspruch hervor, denn wer mehr arbeitet, der muss doch auch mehr verdienen. Sie enthält aber auch berechtigte Kritik an einer reinen Leistungsgerechtigkeit, weil sie die Bedürfnisse des einzelnen Menschen sieht.

Denn was ist mit denen, die arbeiten wollen, aber einfach keine Arbeit finden? Die keiner einstellt, und die den ganzen Tag warten? Was ist mit denen, die unverschuldet nicht mehr mithalten können? Die hören diese Geschichte mit anderen Ohren: Der Silbergroschen, den jeder empfängt, er reicht, um eine Familie einen Tag lang zu versorgen. Er ist also ein biblischer Mindestlohn, den jeder in dieser Geschichte bekommt. Jeder der Arbeiter, egal wie lange er gearbeitet hat, egal wie fit und leistungsfähig er ist, bekommt soviel, dass er und die Seinen diesen Tag versorgt sind. Diese Geschichte ist also ein Stachel für unsere Gesellschaft. Sie fragt uns, inwieweit wir den anderen im Blick haben, seine Versorgung mit dem, was zum Leben notwendig ist. Dazu ist der neue Mindestlohn ein wichtiger Baustein, und ebenso eine Grundrente. Was der Weinbauer tut, das ist gerecht, weil es dem einzelnen Menschen gerecht wird und ihm das Lebensnotwendige nicht vorenthält.

Und zugleich ist es ungerecht gegenüber denen, die den ganzen Tag gearbeitet haben, die mehr Leistung gebracht haben. Und so werden viele von uns denken: Mindestlohn ja, aber eben Mindestlohn. Das heißt anders als in der Geschichte zugleich: mehr für diejenigen, die auch mehr gearbeitet haben.

Und so bleibt diese Geschichte ein Stachel, nicht nur für unsere Gesellschaft, sondern auch für unser Gerechtigkeitsempfinden.

Die Gerechtigkeit Gottes

Die Frage nach dem gerechten Lohn nutzt Jesus, um zu zeigen, wie fremd die menschlichen Einstellungen zu Leistung und Gerechtigkeit dem Wirken Gottes sind. Denn in seinen Gleichnissen nimmt er immer Situationen mitten aus unserem Leben, und verwendet sie als Bild für das Himmelreich. So auch hier. Jesus erzählt diese provozierende Geschichte, um damit etwas über Gottes Gerechtigkeit zu sagen.

Müssen wir also den Weinbergbesitzer mit Gott vergleichen und fragen: Welchen Lohn hält Gott für uns Menschen bereit?

Diese Frage wäre schon falsch gestellt, denn bei Gott gibt es keinen Lohn für irgendeine Leistung. Bei ihm geht es um Liebe, und die gibt es immer nur geschenkt. Martin Luther hat das damals neu entdeckt: Vor Gott zählen nicht unsere Verdienste, seine Gnade gibt es umsonst und aus Liebe. Aus Liebe schenkt Gott uns das Leben seines Sohnes, die Vergebung der Sünden. Das ist unser himmlischer Silbergroschen, und der ist genug. Ein „Mehr“ gibt’s nicht. Denn wem vergeben ist, dem ist vergeben: „Wie Leben und Tod gehört die Vergebung der Sünden zu den Dingen, die nur „total“ zu haben sind. Die Vergebung der Sünden hat man Ganz oder gar nicht empfangen.“ (G. Goldbach).

Zum Glück, liebe Gemeinde, ist die Gerechtigkeit Gottes im Himmel eine andere als in den alltäglichen Gegebenheiten. Denn wenn man sich den Himmel wirklich verdienen könnte, dann würde das eine große Unsicherheit und Angst auslösen: Habe ich wirklich genug getan, um diesen Lohn zu empfangen? Keiner weiß, wieviel Schuld er wirklich auf sich geladen hat, wo er überall andere verletzt hat, wo er ohne Gott gelebt hat, wo er sich überall hat nicht von der Liebe bestimmen lassen. Vieles ist uns gar nicht bewußt. Wie gut, dass wir uns den Himmel nicht verdienen können, sondern geschenkt bekommen.

Mit den Konfirmanden haben wir vor einer Woche das Thema Beichte besprochen. Beichte, das heißt: seine Schuld benennen, sie bereuen und dann Befreiung erfahren. In der Beichte geschieht es ganz praktisch, dass wir diesen göttlichen Silbergroschen bekommen, die Vergebung der Sünde. Jeder kann seinen Gott immer wieder darum bitten, und sich in der Beichte diese Vergebung auch ganz persönlich zusprechen lassen.

Der Wochenspruch für diese Woche fasst die Frohe Botschaft dieses Gleichnisses perfekt zusammen. Beim Propheten Daniel heißt es: „Unser Vertrauen richtet sich nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“( Dan 9,18).

Und doch gibt es auch dieses menschliche Gerechtigkeitsdenken bei manchen bezüglich des Glaubens. Da ist jemand, der seit Kindertagen an Gott glaubt, regelmäßig in die Kirche geht und in der Gemeinde mitarbeitet. Und da ist ein anderer, der sich erst auf dem Sterbebett zu Gott bekehrt. Also ein Erster, der schon immer dabei war, und ein letzter, der erst ganz am Ende in den Weinberg gefunden hat. Wie verständlich ist es, wenn der erste, der schon immer dabei war, mehr Gnade oder einen besseren Platz im Himmel erwarten würde. Das wäre doch nur gerecht! Aber nein: Wenn jemand so denkt, dann ereignet sich genau das, wovor Jesus seine jünger warnen will: Dann werden die Ersten zu Letzten: also nicht durch ihre Leistung, sondern durch ihr Vergleichen, ihr Murren und Rechten.

Eines aber ist für alle bezüglich des Himmelreichs entscheidend: Dass wir nämlich der Stimme des Herrn folgen und uns zur Mitarbeit in den Weinberg rufen lassen. Dass wir nicht ablehnen und auf dem Marktplatz zurückbleiben, sondern sein Angebot annehmen und uns in Dienst stellen lassen. Da können wir dann Erste und Letzte sein, das ist egal. Die Reihenfolge entscheidet nicht über die liebende Zuwendung Gottes. Entscheidend ist, dass wir dabei sind und den Weinberg, das anbrechende Gottesreich mitgestalten. Manchen hat er schon mehrfach für die Arbeit gewinnen wollen, viele sind ihm gefolgt. Jeder kann sich selbst fragen: Arbeite ich schon für den Herrn? Und kostet mich diese Arbeit manchmal auch einen Tropfen Schweiß wie den Arbeitern in der Geschichte? Mit dieser Geschichte von den Arbeitern im Weinberg ruft uns Jesus neu in seinen Dienst.

Was haben wir verdient?

Wenig haben wir verdient!

 „Wer kann etwas für seine Herkunft (Land oder Zeitpunkt seiner Geburt), Eltern, Geschwister, für die Menschen, die das eigene Leben geprägt haben?

Wer kann etwas für seine körperliche Verfassung (Gesundheit ist nicht käuflich und ewiges Leben schon gar nicht!)?

Wer kann etwas für seine Begabungen, für seinen Charakter, Stärken, Erfolge?
Wer kann etwas für seinen Glauben, für das Vertrauen in Gott?
Allerdings tun wir oft so, als wären diese Dinge unser Besitz und allein unser Verdienst.“.

Sicher, bei manchem können wir viel beitragen, z.B. indem wir uns gesund ernähren.
Doch das Meiste ist zu aller erst ein Geschenk, Gnade Gottes!
Wer mit als Mitarbeiter im Weinberg Gottes arbeitet stellt fest:
An Gottes Güte und Segen ist alles gelegen!
Alles gehört Gott und alles kommt von Gott!

Impulse für unsere Gesellschaft

Jesu Geschichte sprengt das Leistungsdenken. Sie weist uns auch hin auf die vielen Menschen, die sich jenseits von Kosten- und Nutzendingen  engagieren:

  • Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen

  • Menschen, die ehrenamtlich für Vereine und Kirchen tätig sind (am vergangenen Donnerstag beim Stadtempfang hat unser Bürgermeister einige von ihnen geehrt und so das ganze ehrenamtliche Engagement überhaupt gewürdigt).

  • ein Kind, das großzügig ist und Süßigkeiten teilt

  • Unternehmen, die sich nicht nur am Gewinnprinzip ausrichten, sondern gleichzeitig versuchen, ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden.

In diesen Beispielen leuchtet etwas davon auf, wie auch mitten unter uns das Leistungsdenken heilsam durchbrochen wird. Gott sei Dank geschieht das sehr häufig.

Es ist gut, dass Jesu Geschichte ihren Stachel behält. Gleicher Lohn für unterschiedlich lange Arbeit im Weinberg, das trägt für uns einfach den Geschmack des Ungerechten in sich, wenn ich es nicht aufs Himmelreich beziehe, sondern auf das Berufsleben in unserer Welt. Und doch gibt genau das Impulse für die soziale Gerechtigkeit: Beim Ringen um den gerechten Lohn zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeber gilt es immer auch den einzelnen im Blick zu haben, sein Existenzminimum. Und für uns als Verbraucher stellt sich damit auch aus dem Evangelium heraus die bereits genannte Frage: Bin ich bereit, für manches mehr zu bezahlen, damit die Arbeiter einen Mindestlohn bekommen können?

Menschliche Gerechtigkeitsvorstellungen werden durch dieses Gleichnis sozial geerdet und zurechtgerückt. Und sie werden geöffnet für die Dimension der göttlichenGerechtigkeit im Himmelreich und für den, dem wir alles verdanken.
Der Maßstab, den unsere Welt meist anwendet, lässt Menschen immer wieder allein, zu Grunde gehen und ums Leben kommen.
(vgl.: Der Sünde Sold ist der Tod, Römer 6, 23)
Der Maßstab Gottes aber lässt die Menschen zum Leben kommen! Durch seine Güte!
(vgl. Römer 6, 23: Die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Jesus Christus unserem Herrn).

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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