Gottesdienst am Ostersonntag (Auferstehungsgodi - 05:30 Uhr) in St. Johannis am 5. April 2015

Bildrechte: beim Autor

St. Johannis

Predigt:

Pfarrer Jörg Mahler

"Der Weg hinaus"

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Lasst uns in der Stille um Gottes Segen für die Predigt bitten.

Gott, schenke uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.

Liebe Ostergemeinde!

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ich erinnere mich noch gut an meine Jugend. Da hatte ich ab und an diese Angst vor dem Tod. Abends, wenn ich im Dunkeln im Bett lag, da kamen die Gedanken. Besonders nach dem Tod meiner Großmutter: Stimmt denn das mit der Auferstehung? Oder kommt nach dem Tod einfach Nichts? Werde ich dann für immer nicht mehr sein? Kommen und gehen wir, während das Universum still seine Runden dreht? Klar wusste ich von Ostern, aber dann immer mal wieder hat der Tod mich geängstigt. Angst vor dem Tod, wer sie hat, der sitzt wie in einer dunklen Kammer, so wie wir sie auf einer Illustration von Carl-W. Röhrig finden, die sich auf der Rückseite unseres Gottesdienstzettels befindet. Es gibt aber nicht nur diese dunkle Kammer der Angst. In unserer Osternacht sind uns vier Schicksale begegnet, vier Menschen, die in ihrer eigenen dunklen Kammer saßen: Sie litten unter dem Tod des Ehepartners, unter Streit in der Familie, Krankheit und Arbeitslosigkeit. Es gibt so viele Dinge, die einen Menschen belasten, die wie eine Mauer zwischen uns und einem Leben stehen, wie wir es gern hätten. Was kann da helfen?

Aus dieser dunklen Kammer kommen wir nur raus, wenn jemand von außen ihre kalten Mauern aufbricht. Dann trifft uns die helle Sonne, und lockt uns hinauszugehen.

Und genau das ist an Ostern passiert: Gott selbst hat die Mauer eingerissen. In unser Dunkel fällt die helle Ostersonne. Der halb erkennbare Satz auf dem Bild an der Wand neben dem Durchbruch könnte jener Satz sein, der von der Friedensbewegung der 60-er und 70-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts an viele Häuserwände gesprüht wurde: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“.[1]

Heute an Ostern muss dieses Graffiti lauten: „Stell dir vor, es gibt Ostern, und einer hat den Durchbruch geschafft“. Der Tod und mit ihm alles, was das Leben einschränkt und hindert, ist besiegt. Das Loch bleibt in der Mauer, niemand wird es mehr zumauern können.

Mancher lässt sich von dieser Botschaft sofort erfüllen. Sie dringt ihm ins Herz und in ihm wird es hell. Andere brauchen ihre Zeit, um diesem einbrechenden Licht in ihrem Leben Raum zu geben. Und manch einer sieht das Licht, das in seine Kammer hineinscheint noch gar nicht, weil er vor Traurigkeit mit verweinten Augen nur vor sich zu Boden schauen.

Auch die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben eine Zeit gebraucht, um mit diesem Loch in der Wand richtig umzugehen, um es richtig zu deuten. Wir sind den Weg mit ihnen heute mitgegangen:

Petrus hat das leere Grab gesehen, das Loch in der Wand. Aber er konnte es nicht fassen. Haben sie Jesu Leichnam gestohlen? Das leere Grab macht ihn ratlos.

Maria von Magdala ist dagegen dem Auferstandenen selbst begegnet. Nicht ein leeres Grab macht sie froh, sondern dass sie ihn gesehen hat, mit ihm geredet. Und dass er sie zur Freudenbotin der Auferstehung macht.

Thomas hat diese frohe Botschaft wohl gehört. Das reicht ihm aber nicht. Er will Jesus selber sehen, und mehr noch: Er will tiefer verstehen, analysieren, die Hände in seine Wundmale legen, um sich zu überzeugen. Und dann begegnet auch er dem Auferstandenen. So intensiv muss diese Begegnung mit Jesus gewesen sein, dass es für ihn nicht mehr nötig war, die Hände in Jesu Wundmale zu legen.

Ja, so geht es dem, der dem Lebendigen Christus begegnet. Den macht das gewiss: Die Ostersonne ist wirklich aufgegangen und scheint. Das Dunkel ist besiegt. Auch mein Dunkel macht sie hell.

Der Weg aus dem Dunkel heraus ins Licht, den Petrus, Maria und Thomas gegangen sind, das ist auch unser Weg. Das Bild auf der Rückseite unseres Liederzettels trägt den Titel: „Der Weg hinaus“. Es geht nicht automatisch, es ist eben ein Weg, um durch das Mauerloch aus dem Dunkel herauszukommen. Dabei helfen unterschiedliche Dinge, wir haben es bei unseren heutigen vier Schicksalen gehört: das Gespräch mit guten Freunden oder einem Seelsorger, die Bitte um Vergebung und diese Vergebung dann auch zu empfangen, das Gespräch mit Gott, dass man die kleinen Freuden wahrnimmt und genießt, tröstliche Lieder im Gesangbuch, die Gemeinschaft in der Kirchengemeinde, Brot und Wein im Abendmahl. All das stärkt und hilft, den Weg aus dem Dunkel zu gehen. In all dem begegnen wir Christus, dem Auferstandenen, der uns ins Leben führt. Diesen Weg hinaus aus dem Dunkel geht jeder unterschiedlich schnell. Auch bei unseren vier Schicksalen haben die einen schneller das Osterlicht angezündet, haben erfahren, wie Christus  ihnen im hier und jetzt begegnet, wie er sie trägt und wie trotz des Schweren Licht in ihr Dunkel fällt. Der junge Mann mit dem Schlaganfall hat etwas länger  gebraucht, um aus dem Dunkel ins Licht zu finden. Und die Arbeitslose hat noch nicht aus ihrer Trostlosigkeit herausgefunden. Aber trotzdem: Das Loch ist in der Mauer, niemand wird es wieder zumauern. Christus ist der Lebendige, und er begegnet uns heute mitten im Leben.

Unser Graffiti am Durchbruch der ehemals dunklen Kammer trägt das Motto: „Stell dir vor, es gibt Ostern, und einer hat den Durchbruch geschafft“:

Mit ihm kommst auch Du hindurch ins Leben, so wie Er durch dieses Leben und durch diesen Tod.

Mit ihm kommst auch du hindurch durch dein Dunkel, so wie das Licht (Feuer), das in der Osternacht sich ausbreitet und die Finsternis durchdringt.

Mit ihm kommst auch du hindurch durch dein Meer zusammen mit dem Gottesvolk.

Mit ihm kommst auch du hindurch durch deine Wüste, weil Er dein Manna ist, dein Osterbrot, dein täglich Brot

Mit ihm kommst auch du hindurch durch alles, was dich ängstigt und bedrängt, bestrahlt vom Osterlicht und den Blick aufs Osterlicht gerichtet.

Er macht dich frei von allem, was dich bedrückt.

Er weckt dich auf, wenn die Hoffnung schwindet.

Er schenkt dir Liebe, wenn deine Liebe stirbt.

Und einmal, da trägt er dich auch zur neuen Schöpfung hin, wo Er dir und uns allen Sonne, Licht und Leben ist.

Ostern heißt: Er kommt dir entgegen. Er hat dir den Weg gebahnt.[2] Er ist als der Lebendige mitten unter uns gegenwärtig und erlebbar.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser menschliches Begreifen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

[2] Kursiver Text frei weiterformuliert nach einer Vorlage von Gerd Braun, Klinikseelsorger in den Hochwald-Kliniken Weiskirchen.

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