Gottesdienst am Ostersonntag, 5. April 2015, in St. Johannis

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St. Johannis

Predigt:
Diakon Günter Neidhardt

"Die Emmausjünger"

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Der Herr segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Gemeinde,

„ER hatte noch so viel vor!“ heißt es manchmal in Traueranzeigen. „Wir hatten uns das ganz anders vorgestellt“, sagen Trauernde, oder „wir hofften, dass das Leben mit Ihr immer so weitergeht“. Und dann dieses plötzlich aus. Plötzlich und unerwartet, unvorstellbar. Diese Leere. Wir können dieses Seufzen, diese Resignation gut nachvollziehen. Und darum geht es auch in unserem Predigttext (ein bekanntes Wort aus dem Lukasevangelium). Traurig, voll enttäuschter Hoffnung, ausgebrannt, so zogen zwei Jünger Jesus heimwärts. Etwa zwei Stunden sind es wohl, von Jerusalem nach Emmaus.  Zerschlagen zeihen sie heimwärts.

Geschlagen wie Fußballspieler und Fans, die realisieren müssen, dass der Abstieg nun fest steht. Das Spiel ist aus.

Ich lese den Predigttext aus Luk 24:

Die Emmausjünger

13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; 20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. 22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. 25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. 28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. 31 Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? 33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

Ja, erst mal war der Traum aus. Der Traum von einem neuen Leben. Begraben die Hoffnung, Teil etwas ganz Großem zu sein, das die Welt verändern würde. Jäh aus den Träumen gerissen, das Feuer der Begeisterung ist erloschen, die Leidenschaft erlahmt. Die Kraft Jesu, die sie doch deutlich spürten, weg.

Sie erinnern sich an Jesu auf ihrem Weg zurück, raus aus Jerusalem, Abstand gewinnen, zurück in ihr Dorf, irgendwie wird das Leben schon weitergehen.

Weißt du noch sagt Kleopas, weißt noch? Vom Reich Gottes hat er gesprochen, und dass es ganz nahe sei. Weißt du noch, wie er Menschen heilte, und immer wieder davon sprach, dass Gott ein Freund der Menschen sei. Und, was ist jetzt davon geblieben. Ja, er sagte und wir spürten das ja auch: Gott ist ihm besonders nahe. Und dann am Kreuz, da hat er ihn im Stich gelassen. Was kann an dieser Botschaft schon dran sein,  wie kann man noch daran glauben?

Trübsinnig, mit hängenden Köpfen schlurfen sie weiter, Emmaus entgegen. Irgendwie wird es schon weitergehen, geht ja immer irgendwie weiter…..

Da stieß ein unbekannter Frem­der zu ihnen. Es war Jesus, doch sie erkannten ihn nicht. Sie waren viel zu sehr mit sich  und dem beschäftigt, von dem sie meinten, dass es ganz sicher geschehen sei. Und für das, was wirklich geschah, hatten sie keine Augen und Ohren mehr.

Der Unbekannte fragte, worüber sie gesprochen hätten. Da brach alles aus ihnen heraus, was sie so hoffnungslos stimmte: "Und wir hatten gedacht, dieser Jesus wäre der Mann, der unser Volk befreit!" Heute war der dritte Tag nach seinem Tod. Und das wussten sie genau: Wer drei Tage tot war, den machte niemand wieder lebendig.

Es tat gut, sich das alles von der Seele zu reden, erzählen zu können, von der Trauer, der Enttäuschung, der verlorenen Hoffnung.

Und dann geht der Fremde noch einen Schritt weiter. Noch erkennen sie nicht, wer da bei ihnen ist, mit ihnen geht. Aber Jesus versucht dem Geschehen eine andere, eine neue Bedeutung zu geben.

Wisst ihr nicht was die Propheten gesagt haben. Dass der Messias diesen Weg durch den Tod, zum Leben, durch das Dunkle ins Helle gehen muss. Gottes Reich kommt nicht mit Gewalt und mit Gewalttätigen. Jesus versucht Zusammenhänge herzustellen, Sinn im Leiden zu entdecken. Er sagt ihnen (und uns):

Es gibt eine Zukunft, eine Hoffnung. Das Leid und der Tod, das sind Durchgangsstationen zu etwas Neuem. Und ist es nicht so, dass ohne Tod, das Leben nicht vorstellbar wäre, so wie ohne Dunkel das Licht nicht zu begreifen wäre. Dass Hoffnung aus der Hoffnungslosigkeit entsteht. Dass es ohne Abschiede keine Neuanfänge gäbe.“ Das Korn fällt in die Erde und stirbt und wächst neu und bringt tausendfache Frucht.“ Vertraut doch den Verheißungen.

Ihr Lieben, erlaubt mir einen Einschub.

ich weiß nicht genau, ob die Worte Jesu unsere beiden Emmaus Jünger wirklich erreicht haben. Vielleicht war die Erfahrung von Kreuz und Tod nach nur drei Tagen noch zu nahe. Vielleicht hat die Trauer das Denken noch so sehr beherrscht, stand die Dunkelheit noch zu sehr im Vordergrund, dass das Licht noch nicht erkennbar war.

Menschen die zutiefst trauern, die brauchen erst mal keine theologischen Erklärung, empfinden sie als „fromme Sprüche“ die nicht weiterhelfen, den Schmerz nicht ernst nehmen.

Dennoch, es ist gut wenn einer da ist. Wenn man nicht allein gelassen ist in der Not, der Sorge, der scheinbaren Ausweglosigkeit. Es ist gut, wenn einer mit mir spricht.

Die Nacht war nicht mehr fern, die Zeit der Dunkelheit und Äng­ste. Sie näherten sich dem Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Ihr unbekannter Begleiter schien weiter­gehen zu wollen. Da baten, ja drängten die beiden ihn, sie nicht allein zu lassen und mit ihnen zu essen. Nichts Besonderes, ein gewöhnliches Abendessen in einem gewöhnlichen Haus, etwas ganz Alltägliches. Brot, ein paar Oliven vielleicht, Wasser

Trotz aller Trauer über das, was in Jerusalem geschehen war, mussten sie essen, mussten sie bei Kräften bleiben. Denn das Leben würde weitergehen, auch wenn sie sich noch nicht so richtig vorstellen konnten, wie.

Ihr unbekannter Begleiter blieb bei ihnen. Als sie zu Tisch saßen, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab den beiden davon.

Da fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen und sie erkannten ihn, Jesus aus Nazareth, dessen Tod am Kreuz sie eben noch jammervoll beklagt hatten – und schon war er verschwunden.

Aber warum hatten sie ihn erst jetzt er­kannt? Er hatte doch auf dem Weg so machtvoll, so erklärende, deutend zu ihnen geredet. Und sie wussten doch genau, wie er aussah und sprach. Aber daran hatten sie ihn nicht erkannt. Nicht an Worten, nicht an theologischen Erklärungen  hatten sie ihn erkennt, Nein. Woran dann?

Etwas ganz Anderes, ganz Einfaches hatte ihnen die Augen geöffnet, ein schlichtes Zeichen: Wie an vielen Abenden und zuletzt an jenem Abend vor drei Tagen, als er das letzte Mal zusammen mit seinen Jüngern gegessen hatte – wie an jenem Abend brach er das Brot und gab ihnen davon.

Dieses schlichte Zei­chen, das Brechen des Brotes, ließ sie Jesus erkennen. Das war der Anfang ihres Glaubens.

Und da spielte es dann auch gar keine Rolle mehr, das Jesus so plötzlich entschwand , wie er aufgetaucht war.

Nein, diese kleine Zeichen des Brotbrechens gab ihnen Mut und die Gewissheit: Jesus ist auferstanden.

Und so standen auch die beiden Jünger auf. Mitten in der Nacht, zurück nach Jerusalem, zu den anderen. Mit Ihrem aufstehen, ja ihrer Auferstehung aus Verzweiflung und mit ihrem Weitergehen bezeugen, beglaubigen sie: Jesus lebt. Auf nach Jerusalem. Die Stadt der Verzweiflung und des Scheiterns ihrer Träume war zur Stadt der Hoffnung geworden. Jetzt wussten sie: Jesus war nicht im Tod geblieben, war auch nicht verschwunden. Gott hatte ihn nicht verlassen – und auch sie nicht.

Ein einfaches Zeichen hatte sie verwandelt: Jesus hatte das Brot gebro­chen und es ihnen ge­geben – wie früher. Und nun waren sie nicht nur aufge­stan­den, um sich auf den Weg zurück nach Jerusalem zu machen, nein, sie waren auch selber auferstan­den, neue Menschen geworden, hatten ihr Ostern erlebt. Da war Auferstehung gesche­hen, nur durch ein einfaches, alltägliches Zeichen

Ahnen wir, wieviel Verzweiflung schon durch solche Zeichen des Heils und des Heilens überwunden wurde? Eine Schwerkranke spürt die Hand, die ihr über die Stirn streicht; ein verzweifeltes Kind erlebt einen Erwachsenen, der es behutsam an die Hand nimmt; ein verstörtes Paar sucht die Umarmung – Zeichen, die Zerstörtes heil machen. Kleine Zeichen oft nur. Zeichen der Anteilnahe, ein Blick voll Zuwendung, Ein Stück Brot, ein Schluck Wasser.

Da erleben wir etwas von dem, was Auferstehung ist, mitten

Mitten im Alltag, oft ohne Worte. Auferstehung mitten  im Leben.

Kleine Zeichen beglaubigen: Jesus lebt.

Spürbar! Niemand muss es den Jüngern sagen, dass es wieder Hoffnung gibt. Niemand muss dem verstörten Paar dem verlassenen Kind, dem Kranken sagen, dass sie nicht mehr allein sind. Sie spüren es. Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz hat diese Auferstehung, diese alltägliche Auferstehung einmal so in Worte gefasst:

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Und so alltäglich, wie diese Zeichen der Zuwendung sind, wendet sich Gott auch uns beim Abend­mahl zu: Geben und Nehmen, Essen und Trinken. Davon leben wir – heute und alle Ta­ge: Dass Gott unter uns sein will, dass wir in seinem Namen zur Gemeinschaft werden, dass wir Licht sehen, dass wir Hoffnung haben und Mut, der Zukunft entgegen zu gehen, was sie auch bringen mag.

AMEN

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Jesus Christus. Amen.

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