Gottesdienst am Karfreitag in St. Johannis am 3. April 2015

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St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Jesu Kreuzigung"

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Karfreitagsgemeinde!

Wir wollen heute die Geschichte der Kreuzigung Jesu bedenken, und dazu Stück für Stück hören, was uns der Evangelist Johannes im 19.Kapitel seines Evangeliums überliefert:

I.

Sie nahmen ihn aber 

17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 

18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. 

Wir sehen ihn vor uns am Kreuz über dem Altar. Jesus Christus, gekreuzigt. Eine der schlimmsten Arten zu sterben: Erst musste Jesus den Querbalken selbst zum Berg Golgatha schleppen. Golgatha, das heißt „Schädelstätte“, wohl weil dieser Berg die Form eines Schädels hatte. Dort angekommen, schweißüberströmt und noch blutend von der Dornenkrone und den Schlägen der Soldaten, wurden seine Hände an diesem Balken festgenagelt. Bei vollem Bewusstsein werden sie durchbohrt. Dann wird Jesus mit dem Querbalken hochgezogen, der Querbalken festgebunden, und nun auch ein Nagel durch seine Füße ins Holz getrieben. Da hängt er nun in der Mitte der beiden Übeltäter. Ein unschuldig Leidender, wie es sie viele gibt auf unserer Welt: 149 Menschen werden durch einen Piloten in den Tod gerissen. Familien werden vertrieben oder gar ausgelöscht, wenn sie sich nicht dem Islamischen Staat beugen. Menschen leiden unter eingeschränkten Rechten und totalitären Regimen. Solch unnötiges Leid macht uns fassungslos.

Wachet und betet, so hat Jesus seine Jünger aufgefordert angesichts dessen was auf ihn zukommt. Wachet und betet, werft die Not an den Himmel.

II.

19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 

20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 

21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 

22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. 

Es war damals Brauch, über den Kreuzen eine Inschrift anzubringen mit dem Grund des Todesurteils. Bei Jesus geschieht das genauso. Pilatus lässt auf die Inschrift schreiben: „Jesus von Nazareth, der König der Juden“. Lateinisch: Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum, abgekürzt INRI.

Das war also der Grund für das offizielle Todesurteil durch den Statthalter des römischen Kaisers in der Provinz Judäa. Jesus wurde verdächtigt, ein Aufrührer zu sein, der die Macht an sich reißen will. Doch liebe Gemeinde, wir wissen, dass Jesus keinen politischen Führungsanspruch hatte. Denn so sagt er selbst in seinem Verhör: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt.“. Pilatus wollte Jesus freilassen, weil er keine Schuld an ihm fand. Doch den Oberen der Juden ist Jesus ein Dorn im Auge: Hat er nicht die Händler aus dem Tempel vertrieben? Das ist ein Angriff auf die Institution des Tempels. Die Menschen laufen Jesus nach. Viele religiöse Führungspersönlichkeiten fürchten um die religiöse Ordnung im Land und ihre Macht. Also beschließen sie, Jesus loszuwerden. Weil nur die Römer ein Todesurteil fällen dürfen, übergeben sie Jesus Pilatus. Johannes erzählt, dass sie ihn sogar erpressen bis er schließlich der Kreuzigung zustimmt. Schuld am Tod Jesu – das haben Pilatus und seine Männer, und die einige aus der religiösen Führungsschicht.

 Den Wunsch der Oberpriester, die Kreuzesaufschrift als Selbstaussage Jesu und damit als dessen offenkundige Selbstüberschätzung umzuformulieren, lehnt Pilatus ab. So wird er zum Propheten, ohne dass er es weiß. Denn die Inschrift sollte letztlich doch rechthaben: Jesus ist wirklich der König, wenn auch ganz anders als gedacht. Und so durchziehen die Kreuzigungsgeschichte des Johannes die versteckten Elemente einer Königsinthronisation. Der Evangelist Johannes liebt Symbole, und in vielen seiner Geschichten finden wir versteckte Botschaften und Anspielungen. Eine Königsinthronisation begann damals mit der Proklamation des neuen Königs. Und nichts anderes ist diese Inschrift am Kreuz: Der Schuldtitel wird zu einem Ehrentitel, Jesus wird zum König proklamiert: Er ist der Messias Gottes. Diese tiefere Wirklichkeit lässt Johannes hinter dem vordergründigen Leid und Tod aufscheinen. Nur Johannes berichtet, dass Pilatus diese Inschrift auf dem Kreuz in drei Sprachen anbringen ließ: in Hebräisch, Griechisch und Latein. Das sind die Landessprache, die Amtssprache und die Weltsprache. Jesus hat also universale Bedeutung: er ist nicht nur König der Juden, sondern Retter der Welt.

 

III.

23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 

24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. 

Es war üblich, die Kleidung der Hingerichteten unter den Schächern aufzuteilen. Und natürlich wird man ein gutes Gewand nicht zerreißen. Und so losen sie darum. Hier begegnet uns versteckt der 2.Akt der Königsinthronisation Jesu: Nach der Proklamation wird ein König feierlich eingekleidet. Jeus aber wurde entkleidet. Er ist als König auf Seiten der Armen und Unterdrückten.  Zudem erfüllt sich damit eine Prophezeiung aus dem 22.Psalm, wo diese Aufteilung der Kleider des Gerechten und das Loswerfen angekündigt wurde. Wieder zeigt sich also: Jesus ist der Messias, der gottverheißene Retter, auf den das ganze Alte Testament zuläuft.

IV.

25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 

26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 

27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 

Nach der Königsproklamation und der Einkleidung folgt gewöhnlich als Drittes die erste Verfügung des neuen Königs, meist eine Amnestie von langjährigen Gefangenen. Jesus trifft auch eine Verfügung vom Kreuz herab: Er weist seine Mutter zu dem Jünger, den er lieb hat. Und den Jünger weist er an seine Mutter. Das ist mehr, als dass sich Jesus darum kümmert, dass seine Mutter versorgt ist, wenn er nicht mehr da sein wird. Unter dem Kreuz entsteht vielmehr eine neue Gemeinschaft: die Gemeinschaft derer, die Jesus lieb haben. Diese Szene ist vielleicht die Keimzelle der Kirche. Maria steht hier für die, die sich in ihrem Leid nach Trost und Bewahrung sehnen. Der Jünger steht für die, die noch im eigenen Leid Trost und Bewahrung geben können und die gesendet werden, um den Trost des Evangeliums weiterzugeben. Was diese beiden bleibend verbindet, ist Jesu Liebe, die die Seinen umgibt und zu einer Liebesgemeinschaft zusammenfügt. Der Jünger hat hier keinen Namen. Die meisten meinen, es war Johannes. Seine Namenlosigkeit lässt aber auch für jeden künftigen Jünger und jede Jüngerin Raum, um in die Funktion einzutreten, die Jesus ihm vom Kreuz herab gibt. In ihm dürfen sich alle Jünger aller Zeiten wiedererkennen, und sich gesendet wissen, seinen Trost weiterzugeben und sich der Trostlosen anzunehmen.

V.

28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 

29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. 

Eine Königskrönung wird abgeschlossen mit dem feierlichen Königstrunk. Jesus weiß, dass im Psalter der leidende Gerechte Essig zu trinken bekommt (Psalm 69,22), und er will noch im Sterben die Schrift erfüllen. Und tatsächlich bekommt er Essig. „Darunter haben wir uns wohl nicht Essig in unserer heutigen Form vorzustellen, sondern einen billigen, sauren Wein, den sich die Soldaten selbst als Erfrischungsgetränk mitgebracht hatten. Sie tränken einen Schwamm damit, stecken ihn auf einen Ysopstängel und führen ihn zu Jesu Mund. Dass die Soldaten dazu ausgerechnet einen Ysopzweig verwenden, ist sicher auch kein Zufall: In der Nacht, bevor die Israeliten aus Ägypten auszogen, strichen sie das Blut des Passahlammes an ihre Türpfosten mit einem Ysopzweig. Und der Todesengel, der in dieser Nacht durch Ägypten ging, um alle Erstgeborenen zu töten, ging vorbei an den Häusern, an denen er das Blut des Lammes sah. Auch bei Jesu Kreuzigung wird nun Ysop verwendet: Jesus ist das Lamm Gottes, dessen Opfer allein uns vor dem Tod und der ewigen Verlorenheit bewahren kann.“ (EK Wollmatingen). Nicht durch Zufall werden zur Zeit seiner Kreuzigung gerade die Passahlämmer im Tempel geschlachtet.

Am Anfang seines Wirkens, da hat Johannes der Täufer auf ihn gezeigt und verkündet: Sie, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. Ja, die Sündenvergebung wird am Kreuz sichtbar. Jesus hat sich geopfert für den Weg, den sein Vater für ihn vorherbestimmt hat. Er ist den Weg der Liebe zu den Seinen gegangen bis zum Schluss. Trotz der Ablehnung durch bestimmte Kreise. Deren Schuld hat ihn ans Kreuz gebracht. Trotzdem zürnt er nicht, sondern bleibt Jesus der Liebe zu den Menschen treu, und so überwindet er durch diese Liebe all das, was von Gott trennt. Schon früh haben ihn die Christen deshalb mit dem Passahlamm verglichen: Wie das Blut des Lammes damals in Ägypten Rettung brachte, so zeigt nun Jesu Sterben die Rettung an, die große Liebe Gottes. Er ist das wahre Passahlamm. 

 

VI.

30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied. 

(AUSBLASEN DER OSTERKERZE)

Johannes beschreibt nicht die Schmach und Qualen Jesu bei dessen Kreuzigung. Bei Markus ruft Jesus laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen! Bei Johannes scheint Jesus alles ganz souverän hinzunehmen. Er ordnet noch am Kreuz die Dinge und ist bemüht, die Schrift zu erfüllen. Johannes schreibt aber auch nicht von einem »vom Leid unberührbaren Sieger«, sondern von einem, der gerade nur in diesem tiefen Glauben sein unendlich schweres Leid erträgt. Jesus weiß sich verbunden und eins mit dem Vater. Er weiß, dass er in dessen Obhut und Reich bereits geborgen ist, obwohl er noch leidet.  Indem er beim Vater ist, hat er im Leid zu einer großen Ruhe und zu einem tiefen Frieden gefunden.

Jesus hängt am Kreuz und ist mitten in unserer Welt. Zugleich ist er voller Gottvertrauen in der Welt Gottes aufgehoben und geborgen. Und dies war (für den Evangelisten Johannes) Jesu Botschaft von Anfang an: Die Menschen sollen Gott erkennen, in dem sie auf ihn, Jesus Christus, blicken. Und sie sollen mit Gott eins werden, so wie er und der Vater eins sind. Jesu Einssein mit dem Vater hilft ihm, das Leid zu tragen, sich aufgehoben beim Vater zu fühlen. In dem Gott, von dem er kam und zu dem er nun heimkehrt. Er lebt seine Botschaft. Und damit ist seine Art zu Sterben eine anschauliche Predigt für seine Nachfolger.

Denn auch wir können angesichts von Anfechtungen und Leiderfahrungen Frieden finden. (Das predigt uns das Kreuz bei Johannes.) Frieden, in dem wir uns mitten im Leid wie Jesus mit Herz und Seele in Gottes Herrschaft begeben.

Das gilt gerade auch angesichts all des unschuldigen Leidens in der Welt. Wir wissen, dass Christus das Leid kennt. Mit ihm ist das Vertrauen da, dass trotz allem alles bei Gott gut aufgehoben ist. Und das gibt uns wiederum Kraft, dem Leiden zu widerstehen und uns gegen unnötiges menschengemachtes Leid starkzumachen. Aus dem Einssein mit ihm schöpfen wir dazu Energie, und wissen uns wie der Jünger unter dem Kreuz gesendet, um Frieden zu bringen.

„Es ist vollbracht.“. Das ist das letzte Wort Jesu. Ein Satz, den man sagt, wenn man etwas geschafft hat. Was ist vollbracht? Was hat Jesus am Kreuz vollendet?

Seine göttliche Sendung an ihr Ziel gekommen. Im allerersten Kapitel seines Evangeliums berichtet Johannes, dass das Wort Fleisch wurde, dass mit Jesus das Licht in die Finsternis kam. Seine Sendung bestand darin, dass er zu den Menschen kommt und dann zum Vater zurückkehrt, nachdem er hier Glauben geweckt, nachdem er die Menschen zum Vertrauen auf Gott geführt und die Schuld überwunden hat, und nachdem er eine Gemeinschaft zusammengeführt hat, die die Liebe Gottes den Menschen weiter bezeugt und sein Werk fortsetzt. Das alles ist vollbracht.

Liebe Karfreitagsgemeinde!

Die Geschichte von der Kreuzigung Jesu erzählt vom großen Gottvertrauen Jesu, mit dem er stirbt. Sie erzählt von der Gemeinschaft, derer, die ihn lieben, die unter dem Kreuz auf die Zukunft ausgerichtet und gesendet wird. Sie erzählt von der Überwindung menschlicher Schuld durch göttliche Liebe. Sie erzählt von der Einsetzung Jesu als ewiger König. Deshalb ist diese traurige Geschichte für uns voller Froher Botschaft, voller Evangelium.

Amen.

 

Und der Friede, den Gott uns am Kreuz schenkt mit sich selbst schenkt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

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