Gottesdienste in Oberwohlsbach und in St. Johannis - 16. Sonntag nach Trinitatis (Erntedankfest) - 1. Oktober 2017

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OWB, St. Johannis

Predigt:
Pfarrer Jörg Mahler

"Erntedankfest"

Predigttext: EG 505 "Die Ernt ist nun zu Ende" 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen. 

505:1 Die Ernt ist nun zu Ende, der Segen eingebracht, woraus Gott alle Stände satt, reich und fröhlich macht. Der treue Gott lebt noch, man kann es deutlich merken an so viel Liebeswerken, drum preisen wir ihn hoch. 

505:2 Wir rühmen seine Güte, die uns das Feld bestellt und oft ohn unsre Bitte getan, was uns gefällt; die immer noch geschont, ob wir gleich gottlos leben, die Fried und Ruh gegeben, dass jeder sicher wohnt. 

505:3 Zwar manchen schönen Segen hat böses Tun verderbt, den wir auf guten Wegen sonst hätten noch ererbt; doch hat Gott mehr getan aus unverdienter Güte, als Mund, Herz und Gemüte nach Würden rühmen kann. 

Lasst uns in der stille um den Segen Gottes für die Predigt bitten. 

Herr segne du Reden und hören, gib den rechten Glauben und das rechte Tun. Amen. 

Liebe Festgemeinde, 

„Die Ernt ist nun zu Ende“ haben wir gerade gesungen: Der Altar geschmückt mit Erntegaben legt davon ein Zeugnis ab. Die Ernt ist nun zu Ende: In Unserem Garten haben wir das miterlebt, wie nach und nach die Früchte reif wurden und gegessen werden konnten, und jetzt sind alle Beerensträucher kahl und leer. Fast ist sie zu Ende, die Ernte: Ein paar letzte Tomaten und Gurken hängen bei uns noch am Strauch, drei Kürbisse warten noch darauf, abgeschnitten und ins Haus geholt zu werden. Auch die Bauern sind in der Endphase des Erntens: In der letzten Woche habe ich die großen Anhänger gesehen, die den Mais in die Scheunen gefahren haben. 

„Die Ernt ist nun Ende“, so beginnt Gottfried Tollmann sein Erntedanklied, das er 1725 gedichtet hat. Gottfried Tollmann war Pfarrer in dem Dorf Leuba bei Görlitz, und hat in dieser vorindustriellen Zeit wie alle seiner Zeitgenossen noch viel mehr im Rhythmus der Natur gelebt, als wir heute, und wusste von der großen Bedeutung einer guten Ernte für das 

neue Jahr, damit eben alle genug zu Essen haben, und noch etwas für die nächste Aussaat übrig ist. 

Und deshalb interpretiert er diese Ernte näher: „Die Ernt ist nun zu Ende, der Segen eingebracht“. Einen Segen nennt er die Ernte, das, was da auf den Feldern und in den Gärten gewachsen ist. Ein Segen, weil eben zu der menschlichen Arbeit die Gaben des Himmels hinzukommen: Wasser und Sonne, und die Nährstoffe des Bodens. 

„woraus Gott alle Stände satt, reich und fröhlich macht“ – alle Stände leben letztlich von der Ernte. Stand ist ein altes Wort. Es lässt sich in etwa mit „gesellschaftlicher Gruppe“ übersetzen. Man kannte früher drei Stände: den geistlichen Stand, auch Lehrstand genannt, weil die Geistlichen für Lehre und Unterricht zuständig waren, den Wehrstand bestehend aus den Adeligen, die fürs Regieren und Verteidigen zuständig waren, und den Nährstand, die Bauern, die für die Ernährung aller sorgten. Heute ist die Gesellschaft viel ausdifferenzierter, und doch stimmt es weiterhin, dass alle, egal in welchen Beruf sie arbeiten, letztlich von den Landwirten, vom Nährstand, leben. Wie sähe es im Supermarkt aus, wenn nicht am Anfang der Produzentenkette die Bauern stünden? 

Und doch dichtet Gottfried Tollmann nicht, dass die Bauern alle satt machen, sondern dass es Gott und sein Segen sind, denen wir alles verdanken, die uns satt und damit reich machen – denn Sattsein zu dürfen ist ein großer Reichtum. Und die uns deshalb auch fröhlich machen bzw. fröhlich machen sollten. 

Wir sind immer noch in der ersten Strophe. Tollmann folgert: „Der treue Gott lebt noch, man kann es deutlich merken an so viel Liebeswerken“. Oft wird er ja totgesagt, unser Gott. Von populistischen Atheisten, die sich gar nicht ernsthaft mit ihm befassen. Von denen, die mit Gott und Kirche einfach nichts anfangen können, weil das scheinbar so gar nicht ihre Lebenswirklichkeit trifft. Und die dann, wenn sie noch in der Kirche sind, wohl irgendwann austreten. Von denen, die wirklich nach Gott fragen, vielleicht auch gerade mitten in großen Nöten, die aber sein Wirken im eigenen Leben nicht spüren. 

„Der treue Gott lebt noch, man kann es deutlich merken an so viel Liebeswerken“. Vielleicht müssen wir in unserer heutigen Zeit einfach wieder besser sehen lernen, was wir alles Gott zu verdanken haben, wahrnehmen lernen, wie er auch im Schweren trägt, schätzen lernen, wie Glaube und Kirche auch unsere Gesellschaft im Positiven prägen können. 

Denn er tut sie, die Liebenswerke. Die zweite Strophe bringt Beispiele dafür, wie Gott unter uns wirkt: 

Seine Güte ist es, die uns das Feld bestellt. Ernte-Dank. 

Seine Güte ist es, die oft ohne unsere Bitte getan, was uns gefällt: Das ist das viele Gute, das wir im Leben haben, 

worum wir oft gar nicht gebeten haben, und das Gott uns trotzdem schenkt. 

Es ist seine Güte, die uns schont, obwohl wir oft gottlos leben: Ja, auch das ist ganz realistisch: Wir leben oft nicht so, wie es im Sinne Gottes ist. Heute ganz konkret fällt da mein Blick auf das große Gefälle von Reichtum und Armut im Groben gesagt zwischen Nord und Süd. Das ist genau ein Beispiel dafür, wie schöner Segen durch böses Tun verdorben wird: der Segen, dass es an manchen Orten Nahrung im Überfluss gibt, dass wir es aber nicht schaffen oder wegen der Profite, die meist an oberster Stelle stehen, es nicht schaffen wollen, alles gerecht zu verteilen. Das ist eine Herausforderung an die ganze Gesellschaft. Zur Zeit Noahs, da hat Gott schon mal ganz anders reagiert, als Gottlosigkeit überhand nahm. Gott sei Dank schont uns seitdem seine Güte, auch wenn er sicherlich erwartet, dass wir den Mut finden, den Weg zu gehen, der der Richtige wäre. 

Und noch ein viertes Beispiel aus der zweiten Strophe für seine Liebeswerke: Es ist seine Güte, die uns Frieden und Ruhe schenkt, so dass wir sicher wohnen: Seit 67 Jahren hält dieses Geschenk des Friedens an. Frieden und Ruhe auch in einer Gesellschaft, die christliche Werte zu ihrer Grundlage gemacht hat und so Menschen Frieden und Ruhe ermöglicht. 

Beispiele für die Liebeswerke des lebendigen Gottes. Tun wir doch die Augen auf: in unserer Gesellschaft, in unserem Leben, und wir werden trotz mancher Beschwernisse Liebeswerke finden, und dann könnte jeder seine eigene Strophe mit Beispielen schreiben. 

Denn: „Doch hat Gott mehr getan aus unverdienter Güte, als Mund, Herz und Gemüte nach Würden rühmen kann.“ 

Was folgert Gottfried Tollmann aus alledem?: „Drum preisen wir ihn hoch!“ 

Lasst uns das tun, indem wir die vierte Strophe singen. 

505:4 O allerliebster Vater, du hast viel Dank verdient; du mildester Berater machst, dass uns Segen grünt. Wohlan, dich loben wir für abgewandten Schaden, für viel und große Gnaden; Herr Gott, wir danken dir. 

„Du hast viel Dank verdient“, so beginnt die Strophe, und am Ende, da spricht sie diesen Dank direkt aus: „Herr Gott, wir danken dir.“ Wir haben auf dem Weg durch das Lied schon festgestellt: Ja, es stimmt, Gott hat viel Dank verdient. Aber: Sprechen auch wir diesen Dank immer wieder aus? Mein Abendgebet beginne ich jeden Tag mit dem Danken. Aber wenn ich ehrlich bin, dann merke ich, wie auch bei mir beim Beten das bitten überwiegt. Gott, ich danke dir – es wäre schön, wenn dieses Danken mehr Raum in uns und im Gebet zu Gott gewinnen könnte, denn das kann unsere ganze Lebenshaltung zum Positiven verändern. Erntedank, heute 

danken wir. Schon 4 Strophen lang. Und doch muss das andere auch seinen Platz haben, das Bitten, dass wir Gott hineinrufen in unsere Sorgen. 

Das Bitten hat in den letzten drei Strophen seinen Platz – sie sehen, heute überwiegt das Danken! Singen wir zunächst die 5.Strophe. 

505:5 Zum Danken kommt das Bitten: du wollest, treuer Gott, vor Feuer uns behüten und aller andern Not. Regier die Obrigkeit, erhalte deine Gaben, dass wir uns damit laben, gib friedevolle Zeit. 

Zum Danken kommt das Bitten. Der Blick geht in die Zukunft. 

(1) „Du wollest, treuer Gott, vor Feuer uns behüten und aller andern Not.“ Feuer konnte damals ganze Städte blitzschnell zerstören. Auch heute haben manche Länder mit großen Waldbränden zu kämpfen, die Dörfer einschließen. Wir wissen davon aus den Nachrichten. Für uns näher ist beispielsweise die Hochwasserkatastrophe, die letztes Jahr auch in Bayern etliche Häuser unbewohnbar gemacht hat. Und viele andere Nöte könnte es geben: Herr, behüte uns vor aller Not. 

(2) Und jetzt wird’s interessant: „Regier die Obrigkeit“. Ganz kurz könnte ich dazu nur sagen: Es wäre nicht 

schlecht, wenn Gott auf die Obrigkeit, die uns regiert, ein wenig Einfluss nehmen würde, damit sie sich bei ihrem Handeln am Frieden, an Gerechtigkeit und an der Bewahrung der Schöpfung ausrichtet. Doch nach der Wahl heute vor einer Woche muss ich dazu noch ein paar Sätze mehr sagen. Wir haben letzte Woche darüber gesprochen, ob wir beim Gottesdienst um 18 Uhr kurz die erste Wahlprognose bekanntgeben, damit nicht jeder auf sein Smartphone schauen muss und vom Gottesdienst abgelenkt wird. Jemand meinte: Nein, denn die Kirche muss doch unpolitisch sein. Da muss ich aber widersprechen, denn das Evangelium ist höchst politisch: Es mischt sich ein, es will unser Zusammenleben und damit unsere Gesellschaft positiv beeinflussen. Und es deckt zugleich auf, was nicht im Sinne Gottes und damit der Menschenwürde und eines friedlichen Zusammenlebens ist. Und da kommen mir eben schon Bedenken, wenn ich mir so manchen neuen Abgeordneten im Bundestag anschaue und das, was er von sich gibt: 

- Alexander Gauland, der die Integrationsbeauftragte der SPD in Anatolien entsorgen will 

- Jens Maier, der vor der Herstellung von Mischvölkern warnt. 

- Albrecht Glaser, der den Entzug des Grundrechts auf Religionsfreiheit für die Muslime fordert. 

- Siegbert Droese: Eines seiner Autos trägt die Leipziger 

Nummer AH 1818: AH sind die Inititialen von Adolf Hitler, die Zahlen 18 stehen für die Position der Buchstaben A und H im Alphabet. 

- Wilhelm von Gottberg, der die Massenvernichtung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland für einen Mythos hält. 

- Martin Hohmann, der Nazi-Vokabular verwendet, wie das Adjektiv völkisch. 

(Quellen: spiegel.de und sueddeutsche.de) 

Das christliche Menschenbild geht von der Würde aller Menschen aus, egal aus welchem Land sie stammen. Solche wie die eben genannten Parolen sind damit nicht vereinbar. Ich erinnere mich gut an unsere Ilse Wöhner, die sinngemäß gesagt hat: „Die Zeiten früher unter Hitler waren für jeden, der sie miterlebt hat, schlimm. Ich hätte nie gedacht, dass solche Parolen wieder kommen. Ich bekomme richtig Angst!“. 

Als Christ bete ich: Gott, regier die Obrigkeit, dass die demokratischen und freiheitlichen Kräfte zusammenstehen. Dazu passen auch die letzten beiden Bitten dieser Strophe: 

(3) Erhalte deine Gabe: Schenke uns auch 2018 wieder eine gute Ernte, und erhalte uns auch die Gabe einer Kultur des wertschätzenden Umgangs untereinander und des demokratischen Streitens. 

(4) Und die letzte Bitte: Gib friedvolle Zeit. In unserem 

Land. Aber auch weltweit. Besonders müssen wir dies für unsere beiden Sorgenkinder Amerika und Nordkorea bitten: Trump droht mit völliger Zerstörung Nordkoreas, Kim wertet Trumps Äußerungen als Kriegserklärung. Da ist es schon kurios, wenn ausgerechnet der russische Außenminister Lawrow über Trump und Kim sagt: Wir müssen die Hitzköpfe beruhigen. Herr, gib friedvolle Zeit. 

Wir haben zu beten für unsere Zukunft, persönlich, in unserem Land und weltweit. Gottfried Tollmann aber blickt bittend noch weiter in die Zukunft, nämlich bis zu unserem Lebensende. Singen wir die 6.Strophe. 

505:6 Kommt unser Lebensende, so nimm du unsern Geist in deine Vaterhände, da er der Ruh genießt, da ihm kein Leid bewusst; so ernten wir mit Freuden nach ausgestandnem Leiden die Garben voller Lust. 

Auch am Lebensende steht eine Ernte an. Bei Beerdigungen wird das immer wieder deutlich, welche Lebensernte ein Mensch am Ende seiner Tage einfahren kann: dass er immer sein Auskommen hatte und ein Dach über dem Kopf, vielleicht sogar ein eigenes Haus, dass er eine Familie geschenkt bekommen hatte und in Beziehungen leben durfte, in denen er ernstgenommen wurde und 

Wertschätzung und Liebe erfahren hat, dass er selber lieben durfte. Oft staune ich, wieviel ein Mensch in seinem Leben erleben durfte und was ihm alles gelungen ist. Und da ist die Ernte dessen, wo ich bewahrt worden bin, wo sich neue Wege aufgetan haben, wo ich Leiden überwinden konnte. Und da ist die Ernte der geistlichen Früchte, die ein Mensch zum Wohlgefallen Gottes für andere gebracht hat. Und die geistlichen Erfahrungen, wenn er Gott als den Lebendigen erleben durfte. Unheimlich viel kann in einem Leben zusammenkommen, das wir voller Lust einmal ernten können. Die Ernte ist das, was bleibt. Und ebenso wird manche Frucht auch nicht zu Ende gereift sein, ging manches Samenkorn in einem Leben auch nicht auf. Das Gericht am Ende der Zeiten heißt für mich, dass auf all das, was mein Leben ausgemacht hat, nocheinmal ein Blick geworfen wird. Gott freut sich bestimmt über unsere Lebensernte, und doch kommts im Sterben auf etwas anderes an, nämlich auf dieses eine: Kommt unser Lebensende, so nimm du unsern Geist in deine Vaterhände. 

Gott ist es, dem wir unser Leben anbefehlen, mit allem Gelungenen und allem Unvollendetem und Bruchstückhaften. Die Hände eines Vaters fangen ein Kind auf, tragen es, drücken es an den eigenen Körper heran, um es zu trösten. Solche Vaterhände hat Gott. In solchen Vaterhänden dürfen wir uns geborgen wissen. Seit Ostern ist dies noch einmal ganz deutlich geworden. 

Noch eine letzte Strophe hat unser Lied. Sie weist uns noch einmal auf einen Gedanken hin, der vorhin schon angeklungen und wichtig ist: Gib, dass zu dir uns lenket, was du zum Unterhalt des Leibes hast geschenket, dass wir dich mannigfalt in deinen Gaben sehn. 

Augen auf! Lasst uns Gottes Spuren entdecken, in seinen Gaben, in seinem Wirken. Lasst uns seine Gaben nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern ganz bewusst sagen: Das kommt von Gott. 

Und lasst uns mit Herzen, Mund und Leben ihm Dank und Ehre geben: in unseren Liedern und Gebeten, aber auch damit, dass wir das, was uns anvertraut ist, teilen. Amen. 

505:7 Gib, dass zu dir uns lenket, was du zum Unterhalt des Leibes hast geschenket, dass wir dich mannigfalt in deinen Gaben sehn, mit Herzen, Mund und Leben dir Dank und Ehre geben. O lass es doch geschehn! 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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