Gottesdienste am Sonntag Palmare (29. März 2015)

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Curanum, St. Johannis

Predigt:
Jörg Mahler

"Der Einzug
in Jerusalem"

 

Predigttext: Joh 12,12-39 

Der Einzug in Jerusalem

 

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, 

13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! 

14 Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): 

15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 

16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. 

17 Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. 

18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. 

19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach. 

 

Predigt:

 

Teil 1:

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Nach dem Gipfel geht es bergab. Das weiß jeder Wanderer: Wenn man den Gipfel erreicht und die Aussicht genossen hat, dann kommt der Abstieg ins Tal. Oft ist das auch im Leben so:  Ein Sportler hat den größten Triumpf, den Gipfel seiner Karriere erreicht, aber danach will sich kein Sieg mehr einstellen. Oder in der Bundesliga: Heute sind Stars umjubelt, Millionenverträge werden für sie gemacht, und morgen sitzen sie auf der Reservebank. Wir sind erfolgreich, anerkannt, gut vernetzt. Doch dann wenn wir nicht mehr so mithalten können, krank oder pensioniert werden, werden die Kontakte weniger und auch die Anerkennung. Nach dem Gipfel geht es bergab. Jesus hat den Gipfel erreicht, und zwar genau heute am Palmsonntag: Er ist bekannt und berühmt, er zieht ein in Jerusalem, wird willkommen geheißen und wie ein König und bejubelt. Fünf Tage später werden sie rufen: „Kreuzige ihn“ und ihn am Berg Golgatha vor der Stadt hinrichten.

Wie konnte so schnell die Stimmung umschlagen? Ich denke, das hat einerseits viel zu tun mit enttäuschten Erwartungen zu tun, und andererseits mit der Angst vor Veränderung und sich auf Jesus einzulassen.

Viele hofften damals, dass Jesus die Macht übernimmt und einen neuen Geist in das Land bringt. Sowohl was das politisch-gesellschaftliche Leben betrifft, als auch was die Religion betrifft. Politisch leiden sie unter der Fremdherrschaft, unter einem fernen Kaiser und der Willkür seines Statthalters. Und unter der Steuerlast. Die Gesellschaft ist gespalten: Hier die Privilegierten und Bessergestellten, dort die armen Handwerker und Bauern. Und auf der religiösen Seite gibt es diese 613 Ver- und Gebote, die zu erfüllen nicht immer dem Leben dienlich sind. 

Das Problem ist die Geistlosigkeit dåer Macht: Die Mächtigen machen was sie wollen und achten nicht auf die einfachen Menschen, auf Frieden und soziale Gerechtigkeit. Zur Zeit Jesu werden diese Klagen nicht weniger intensiv gewesen sein als heute in vielen Ländern. Neben der Geistlosigkeit der Macht wird zugleich die Machtlosigkeit des Geistes beklagt: Der gute Geist hat scheinbar nicht die Kraft, Menschen zum Guten zu verändern. Aber jetzt, jetzt fassten die Menschen in Israel Hoffnung! Denn Jesus hatte viel Verkrustetes aufgebrochen. Er hat den Blick auf die einfachen Menschen und ihr Wohl gerichtet. Die Hoffnung auf Veränderung, vielleicht sogar auf eine Revolution lag in der Luft. Und natürlich hoffte manch einer auch, ein Segenswort für sich mitzubekommen, oder geheilt zu werden.

 

Schauen wir nach Jerusalem. Die Stadt ist voller Festpilger: Das Passahfest steht bevor, aus dem ganzen Land kamen sie, um die Heiligen Tage im Tempel zu verbringen. Menschen aus Judäa und Galiläa. Menschen, die von Jesus gehört hatten oder ihm selbst schon begegnet sind, denn Jesus zog ja drei Jahre durch ihre Städte und Dörfer. Als sie hören, dass Jesus Richtung Jerusalem zieht, laufen sie ihm freudig entgegen. Es verwundert kaum, dass sie Palmzweige mitnehmen, um den willkommen zu heißen, von dem sie soviel erwarten: denn mit Palmzweigen werden siegrieche Herrscher bei der Heimkehr nach ihrem Feldzug begrüßt, sie sind Zeichen großer Ehre. Auch der Hosianna-Ruf gehört zu dieser Begrüßung eines Herrschers. Die Festpilger ahnen freilich, dass Jesus kein normaler Herrscher ist. Sie haben erlebt, dass er in der Kraft des Höchsten auftritt. Und so grüßen sie ihn zusätzlich mit dem geistlichen Gruß aus Psalm 118, mit dem jeder Festpilger in Jerusalem willkommen geheißen wurde: „Gelobt sei der da kommt, im Namen des Herrn!“. Aber sie setzen hinzu: „der König von Israel!“. Voller Begeisterung gehen sie Jesus entgegen, mit ihren Erwartungen. Und wer will es ihnen verübeln?

 

Aber was mag Jesus denken und fühlen? Das wird uns nicht erzählt. Er ist auffallend stumm. 

Aber wir wissen, was er getan hat. Er leiht sich einen jungen Esel aus, den er am Wegesrand sieht. Er nimmt auf ihm Platz und zieht so weiter nach Jerusalem und in die Stadt ein. Und damit setzt er ein Zeichen. Vor gut eineinhalb Wochen war der neue griechische Ministerpräsident Tsipras in Brüssel zu Gast. Von seinen Kollegen wurde er darauf angesprochen, warum er keine Krawatte trage, auch von Martin Schulz, dem Präsidenten des EU-Parlaments. Scheinbar gehört sich das dort nicht. Wenn schon dies beredet wird, wie viel mehr ist es dann einfach unpassend und peinlich, wenn ein Herrscher statt auf einem gepanzerten edlen Schlachtross auf einem einfachen Esel in die Hauptstadt einzieht. 

Auf einen Schlag ändert sich für die Jünger viel: Noch ganz im Banne der Herrschaft Jesu über die Auferweckung des Lazarus und die jubelnd entgegenkommenden Menschen, sind sie nun verunsichert über seinen Auftritt. Jesus reitet auf einem Esel: „Das verstanden seine Jünger nicht“, stellt der Evangelist Johannes sachlich fest. Jesus ist auf dem Gipfel seiner Macht. Jetzt könnte es weitergehen. Doch Jesus entzieht sich: In den Augen der Mächtigen macht er sich lächerlich: ein König auf einem Esel. Die Jünger ahnen und begreifen, dass sich ihre Erwartungen so nicht erfüllen werden.

Liebe Schwestern und Brüder: Welche Erwartungen haben wir eigentlich an Gott? Und wird er unsere Erwartungen erfüllen? Wie damals haben auch heute wir hier, wie wir hier sitzen, ganz unterschiedliche Erwartungen an Jesus.

Da sind unter uns diejenigen, die sich von Jesus Christus Halt und Trost in schweren Zeiten erwarten, an den Grenzen des Alltags in Nöten. Jesus soll helfen, das Leben zu bewältigen, Sinn in den Krisen zu erkennen, um den eigenen Weg gestärkt weiterzugehen.

Da sind andere, für die Jesus ein Vorbild gelungener Lebensführung ist. Mit ihm werden ethisch-moralische Vorstellungen verbunden, sowohl was das individuelle Leben angeht, als auch was das Zusammenleben in der Gesellschaft betrifft: Wie er sollten wir leben! Dann sähe es anders und besser unter uns aus! Und diese Christen lassen sich von ihm motivieren, sich selbst einzusetzen für die Schwachen.

Da sind Dritte, denen ist die persönliche Beziehung zu Christus das Wichtigste: Sie wollen eins sein mit ihrem Gott, wollen ihm ihre Schuld übergeben, sich von ihm erneuern und verändern lassen, wollen aus der engen Verbindung mit ihm leben. Er ist ihr Retter von Sünde und Tod.

Liebe Gemeinde: Welche Erwartungen habe ich an Jesus Christus? Und wird er meine Erwartungen erfüllen?

 

Teil 2:

 

Liebe Gemeinde!

Jesus setzt sich auf einen Esel und setzt damit ein Zeichen. So entzieht er sich einseitigen Festlegungen. Es ist eben nicht so, dass er alle Sehnsüchte und Wünsche zu 100% erfüllt. Das will er auch gar nicht. „Fast lautlos setzt Jesus andere Akzente. Er setzt sich auf einen Esel und betont damit, dass er ohne politische Machtdemonstration ein Friedenskönig sein will, dem es eigentlich um den letzten Frieden zwischen Gott und Mensch geht.“ (CPH). Wenn dieser Friede sich eingestellt hat, dann hat das Auswirkungen und kann das Miteinander und die Gesellschaft verändern. Um seinem Auftrag nachzukommen, wird Jesus einen schweren Weg gehen müssen: Es ist kein Weg des Triumpfs, sondern ein Weg ins Leid und in den Tod. Doch gerade dadurch wird dann die Größe der Liebe Gottes sichtbar, die eben vor dem Dunkel keinen Halt macht. Und sein Weg wird damit nicht aufhören: An Ostern wird die nicht zu bändigende Kraft des Lebens sichtbar aufstrahlen. Das wird der Weg Jesu sein. Auf diesem Weg wird er den Menschen in ihrer Not noch einmal ganz nahe kommen, so nahe wie er es auf keinem Königsthron kommen könnte. Auch im Alten Testament spricht der Prophet Sacharja davon, dass der auf dem Esel Kommende in dieser Niedrigkeit der wahre König ist. Jesus inszeniert seinen Auftritt und weißt so auf die andere Art seines Königtums hin.

Die Jünger haben das jetzt noch nicht verstanden. Das hat gedauert bis nach Ostern.

Und noch eines haben sie an jenem Palmsonntag übersehen: nämlich wie unsicher die politische und religiöse Macht selbst geworden ist, wie bekümmert die Vertreter der Macht aus der Ferne zusehen. Nur der Evangelist Johannes beobachtet das, auch seinen Mitevangelisten ist das entgangen. Die Pharisäer sprachen untereinander: „Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach!“. Jesu Gegenspieler bezeugen damit aus der Negation heraus den Sieg Jesu als Herrn: Alle folgen ihm nach. Nicht wir mit dem Gesetzesgehorsam und einem strengen religiösen Leben haben uns bei den Massen durchgesetzt. Sie jubeln dem zu, der so eine ganz andere Art des Glaubens an Gott vertritt. Und ich spüre ihrer Reaktion ab, dass sie es durchaus in Erwägung ziehen, dass die Kraft des Geistes Jesu durchaus das Potential hat, politische und religiöse Strukturen zu ändern.

 

Wie sieht das bei uns aus? Haben wir auch Grund, die Geistlosigkeit der Macht zu beklagen? Wir leben in einem Sozialstaat: Ja, es sind nicht alle zufrieden. Ja, die Leistungen von Hartz IV oder der Pflegeversicherung könnten besser sein (Wer einen Angehörigen im Seniorenheim hat, der weiß, wie schnell das Geld weg ist, das man sein ganzes Leben lang gespart hatte). Aber wenn man in andere Länder blickt, dann erkennt man, dass es kaum so eine gute Versorgung gibt wie in Deutschland. Auch in etlichen europäischen Staaten können die Menschen nicht soviel vom Staat erwarten und sind mehr auf sich und ihre Familie angewiesen. Mittlerweile gibt es einen Mindestlohn. Viele Wirtschaftsflüchtlinge machen sich auf zu uns, weil es bei uns eben im Vergleich doch deutlich besser geht als anderswo. Und auch unser politisches System ist nicht das schlechteste: Wir haben freie Wahlen und können über Volksbegehren das ein oder andere direkt mitbestimmen. Im Juni wird es ja beispielsweise bei uns das Volksbegehren mit der Frage geben, ob der Landkreis aus der Projektgesellschaft des Flughafenneubaus aussteigen soll oder nicht. Und auch in unserem Glauben müssen wir nicht 613 Ge- und Verbote genauestens beachten. Martin Luther war die Freiheit ein großes Anliegen: Jeder Christ darf und muss selbstbestimmt sein Leben führen und für sich die Entscheidung treffen, was für ihn und andere gut oder schlecht ist. Die Bibel will ihm dabei Richtschnur sein. Glaube und Kirche wollen Menschen begleiten und ihnen bei der Bewältigung des Lebens helfen.

Woher kommen all diese Errungenschaften, für die wir dankbar sein können? Impulse aus dem Christentum sind dafür nicht unverantwortlich: Vieles wurde inspiriert vom christlichen Menschenbild, von Jesu Art zu leben und zu predigen. Das Christentum hat unsere Gesellschaft tief geprägt, auch wenn man das manchmal gar nicht mehr wahrnimmt. Freilich gab es immer wieder einzelne Persönlichkeiten, die hart dafür gekämpft haben, oft auch ohne dabei die Kirche dabei im Boot zu haben. Aber der Geist und das Wort haben Kraft, Menschen und sogar Strukturen und Systeme zu ändern. Auch wenn es manchmal lange dauert. Und dafür haben wir Grund zum Danken, das vergessen wir oft.

Liebe Gemeinde!

Jesus tut am Palmsonntag zweierlei: Er wählt sich einen Esel aus und zeigt damit an, welchen Weg er zu seinem Ziel gehen wird. Aber andererseits lässt er auch den Jubel zu: Er zieht sich nämlich nicht zurück, ergreift nicht die Flucht, wie er es schon einmal getan hatte, damals, als sie ihn nach der Speisung der 5000 zum Brotkönig ausrufen wollten, da floh er auf einen Berg. Jesus lässt sich begrüßen und bejubeln, er geht hin in die Stadt, lässt sich feiern, und lässt den Erwartungen an ihn Raum.

Jesus lässt den Jubel zu. Wo sind unsere Palmzweige, liebe Rödentaler Gemeinde? Lasst auch uns heute zu der Menge hinzutreten, ihm Hosianna entgegenrufen, uns an ihm freuen, uns über das freuen, was wir mit ihm bereits erlebt haben, danken für den Segen, den er schon in unser Leben gebracht hat (Beruf, Auskommen, vielleicht einen guten Ehegatten, Kinder, die großen und kleinen Freuden des Alltags). Lasst uns ihm mit Palmzweigen freudig entgegenwinken, mit all unseren Erwartungen, die wir an ihn haben. Lasst uns ihm auch Hosianna entgegenrufen für das, was der sein Geist unserem Land, unserer Gesellschaft und unsere Kirche gebracht hat. Der Palmsonntag lädt uns ein, zu jubeln und zu danken, und unsere eigenen Erwartungen ihm in einem großen Vertrauensvorschuss zu bringen.

Und doch lasst uns dabei wissen, dass sich nicht alle Erwartungen erfüllen werden, oder sie erfüllen sich eben auf anderen Wegen als wir meinen. Denn er ist eben nicht die Machtgestalt auf dem hohen Ross. Sein Weg geht zum Kreuz und durchs Kreuz hindurch neu ins Leben. Aber gerade auf diesem Weg ist er der, der Halt und Trost in schweren Zeiten gibt. Gerade auf diesem Weg ist er der, der uns ein Vorbild ist und uns ermutigt, uns für die Schwachen einzusetzen. Gerade auf diesem Weg ist er der, der eine persönliche Beziehung zu uns haben möchte, der uns unsere Schuld abnehmen und uns erneuern und verändern will.

Jesus ist heute auf dem Gipfel seiner Macht. Wie so oft geht’s danach bergab. Bei ihm sogar bis ins Reich des Todes. Aber von dort wird er heraufgeführt in ungekannte Höhen. Und das ist das Größte: Alles für uns! Amen.

Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Amen.

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