Gottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis - 14. Juni 2015

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AWO, St. Johannis

Predigt:
Diakon Günter Neidhardt

"Das große Abendmahl"

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wir wollen in der Stille um Gottes Segen für sein Wort bitten.

Herr, segne unser Reden und Hören.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

noch vor einer Woche war ich in Stuttgart, als Teilnehmer des Evang. Kirchentages. Über 100 000 Dauerteilnehmer dazu 10.000te Tagesgäste füllten die Stadt für 5 Tage mit Lieder und Gebeten, Festen und Diskussionen. Und gar nicht selten kam ich an eine Kirche, wollte an einem Gottesdienst oder einer Veranstaltung teilnehmen und musste akzeptieren:
Da steht ein Helfer am Eingang und hebt ein Schild hoch:  Kirche überfüllt, steht drauf.  Wenn man Glück hatte gab es Lautsprecher nach draußen, so konnte man wenigsten mithören.

Stellen wir uns das einmal vor, gleiches geschähe hier in Oeslau. Schon lange vor Gottesdienstbeginn  würde / müsste ein Kirchenvorsteher vor der Kirche stehen und das Schild „Kirche überfüllt“ hochhalten. Vielleicht gib es eine Übertragung in den Biergarten nebenan. Ein Traum? Eine Vision? Hör auf zu träumen höre ich manche sagen.

Eingeladen sind ja viele, alle Christen.  Allerdings wird es höchstens zu Weihnachten etwas enger in unserer St. Johanniskirche.

Über die Sonntage des Jahres verteilt, ist das Gefühl ja ehr so, dass zwar alle eingeladen sind, alles vorbereitet ist, Messnerin, Organistin, Geistlicher, Lektor…. Alle sind da, alles ist vorbreitet aber …….

Es ist vielleicht ein bisschen wie wenn wir zur Grillparty einladen. Der Grill ist angeheizt, Grillgut vorbereitet, Wein gekühlt, Das Fässchen Bier ist angezapft, Bierbänke und Sonnenschirme aufgebaut,  Blumen stehen auf den Tischen, alles passt, Schürze auszeihen, es kann losgehen.

Und dann klingelt es. Aber nicht an der Haustür, sondern das Telefon klingelt: Du, ich wollte ja so gerne kommen; der Termin war dick in meinem Kalender eingetragen, ich habe mich schon so gefreut... Aber - du weißt ja: Die Wirtschaftslage... Ich muss noch ein paar Angebote fertig machen, die müssen unbedingt morgen früh raus... Ich kann den Chef nicht hängen lassen... Ich glaube, du verstehst mich... Es tut mir ja so leid...

Ja, ich verstehe dich schon... Schade... Ich habe mich auch gefreut, dich wieder mal zu sehen... Naja, vielleicht klappt es das nächste Mal... Ciao! Schönen Abend!

Und so geht es noch ein paar Mal. Viele haben triftige Gründe, keine Frage, bei mach anderen hören sich die Absagen dann doch sehr fadenscheinig an. Manch einer mag denken: Ach, was ist das schon. Die x-te Grillparty, das reizt mich nicht mehr.

Es gibt eben Wichtigeres im Leben, als mit Freunden einen wundervollen Abend zu verbringen. Schade, wirklich schade...

Sie kennen das. Sie können die Enttäuschung des Gastgebers oder der Gastgeberin nachempfinden. Auch den Zorn, die Wut des Gastgebers vielleicht. Und auch die Peinlichkeit der Freunde, im letzten Moment absagen zu müssen... Blöd so was...

Sie kennen alle auch die Geschichte, die Jesus von einem Gastgeber erzählt, dem es ähnlich ergangen ist. Sie steht im Lukasevangelium 14, 16-24 und ist unser heutiger Predigttext:

Das große Abendmahl(erster Teil)

15 Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!

16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.

17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!

18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.

19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.

20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.

21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn.

Liebe Gemeinde,

ja, den Gastgeber und seinen Frust, seinen Zorn, den verstehen wir gut. Egal ob es nun triftige Gründe für Absagen gibt, die wir vielleicht verstehen können oder ob es einfach nur Ausreden sind. Die Enttäuschung beim Gastgeber ist die gleiche.

Ja, offensichtlich setzen Menschen, wir Menschen andere Prioritäten als wir es gerne hätten, erbitten oder erbeten. Manchmal sind wir aber einfach auch nur im üblichen Trott verhaftet. Verhaftet, das kling wir Haftcreme, wie Kleber, der verhindert, dass wir unseren Allerwertesten hochkriegen.

Manchmal sind andere Dinge, Vorhaben, Aufgaben wichtiger. Wichtiger im Leben auch wenn vieles dagegen spricht.  Wir Christen haben ja die Freiheit, sind frei uns für etwas zu entscheiden, auch wenn scheinbar alles, fast alles dagegen spricht.

Man muss sich entscheiden, Prioritären setzen. Das raten uns die Lebensberater. Sie haben Recht. Die Frage ist nur: Welche Prioritäten? Und unter welchen Gesichtspunkten entscheiden wir uns – für das Eine und gegen das Andere? Was halten wir im Leben für wichtig, für ganz wichtig, für unverzichtbar? Und was ist vielleicht weniger wichtig?

Die Geschichte vom „Großen Abenmahl“ im Lukasevangelium stellt diese Frage, an uns: Was sind deine Prioritäten? Was hältst du für wichtig? Was hältst du jetzt, in diesem Augenblick für wichtig?

Die Frage richtet sich zum Erstens an uns ganz persönlich.

Die Geschichte lädt dazu ein, darüber einmal nachzudenken und seine Schwerpunkte und Ziele zu überdenken. Und dann könnte es vielleicht sein, dass das, was wir immer für so wichtig, für lebenswichtig gehalten haben, auf einmal gar nicht mehr so unverzichtbar ist, wie wir dachten. Es gibt eben doch noch Wichtigeres im Leben, in meinem Leben. Und dem möchte ich auf die Spur kommen.

Wir sind eingeladen dem Sinn und dem Ziel meines Lebens wieder neu auf die Spur kommen. Und vielleicht liegt dieser Sinn jenseits von allem, was ich unmittelbar vor Augen habe; jenseits auch von dem, was ich immer für so wichtig, für zu wichtig genommen habe. Vielleicht...

Das Gleichnis, das Jesus erzählt, lädt jedenfalls zu ein, seinem Leben neu auf die Spur zu kommen. Und auf der Spur zu bleiben. Jesus ermuntert dazu, auch Gott neu auf die Spur zu kommen, immer wieder, nicht nur einmal. gibt es ja nicht. Ich muss ihm in immer wieder neu, in jeder Situation meines Lebens, neu auf die Spur kommen. Dazu möchte ich Mut machen.

Die Geschichte  richtet sich zweitens aber auch den Gastgeber des Festmahls.. Wie das?

Nun man kann ihn schon fragen, ob er denn die richtigen Leute eingeladen hat. Der Erzählung nach, hat er wohlhabende, reiche Menschen eingeladen, seinesgleichen halt. Leute die Land kaufen können, 5 Ochsengespanne gar. 

Der Gastgeber ist auch aufgefordert seine Prioritäten zu überprüfen, seinen Blick zu weiten. Über den Tellerrand seiner eignen sozialen (wohlhabenden) Gruppe hinaus. Und tatsächlich, aus seinem Zorn, seiner Wut heraus weitet sich der Blick des Gastgebers. Ja es gibt auch eine produktive Kraft des Zornes:

Hören wir weiter unseren Predigttext:

(zweiter Teil)

21b Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.

22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.

23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.

24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Das imponiert mir an dem Mann in der Geschichte: Er resigniert nicht, er gibt nicht auf, er versucht es noch einmal und noch einmal, diesmal mit verändertem, geweiteten Blick. Und mit vollem Erfolg.

Am Schluss ist seine festlich gedeckte Tafel bis auf den letzten Platz besetzt. Sie sind alle gekommen: die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen... die Penner und die Landstreicher, die verprügelten Frauen und die aussortierten Arbeiter, die Flüchtlinge und Asylbewerber, die Kinder, die von zuhause ausgerissen sind und... und... und...

Alle sind sie gekommen,  Keiner hat die Einladung ausgeschlagen. Keiner von ihnen hat Wichtigeres zu tun, als jetzt, nicht später, nicht irgendwann einmal, als jetzt das Fest, zu dem sie eingeladen sind, mitzufeiern, fröhlich und ausgelassen.

Diese Menschen haben ihre Chance erkannt und nützten sie.

Klar kann man sagen, denen fiel das ja auch leichter, die haben nichts „wichtigeres“ zu tun. Keine furchtbar wichtigen Termine mit dem Anlageberater, Land oder Fahrzeuge konnten sie sowieso nicht kaufen.

Anders als wir, die wir sooft etwas anderes vorhaben. Termindruck, Zeitstress…. Dennoch macht die Geschichte Mut.

Diese kleine Geschichte stellt nicht einfach resigniert fest: So ist es eben. Sondern sie lädt dazu ein, darüber nachzudenken und sich mit anderen auszutauschen, ob es wirklich immer so sein und bleiben muss.

Ob es uns nicht gut täte, unsere Prioritäten neu zu sortieren. Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu lernen. Sich von seinen Zwängen und Gewohnheiten öfter mal frei zu machen, um die Zeit und die Ruhe zu haben, dem Sinn seines Lebens, um Gott wieder neu auf die Spur zu kommen. Und zwar jetzt, mitten im Leben, nicht erst irgendwann später.

Wir alle (!) sind eingeladen zum großen Abendmahl. „Kommt, alles ist bereit, seht und schmeckt wie freundlich der Herr ist“, so laden wir zum Abendmahl, zum Tisch des Herren ein

Wir sind aber, als Kirche, als Gemeinde Christi,   auch einladende. Einladende die das andere „kommt“ im Namen Gottes aussprechen:

„Kommt alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“.

Aus Eingeladenen werden wir Einladende. Wir alle.

Ja, das ist mein Bild von Gemeinschaft, von Abendmahlsgottesdienst im wörtlichen Sinn. Wir alle sitzen gemeinsam am Tisch. Miteinander und füreinander. Haben Zeit. Miteinander und füreinander. Und viele, viele sind dabei.

Ein Traum? Eine Vision? Drogenrausch?

Ja, aber den Traum, dass wir ein „Kirche überfüllt Schild“ für unsere St. Johanniskriche bräuchten, den Traum will ich mir nicht nehmen lassen.

Machen sie mit und träumen sie mit: Sie wissen ja: Wenn einer alleine träumt, ist das nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit.

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

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